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Der politische Abwasch der Woche: Das Facebook der Politik

Rüttgers hat mehr Facebook-Freunde als Kraft, Merkel hat auch welche, Obama schlägt alle, und Westerwelle verliert gegen einen Streuselkuchen. Zeit für den Abwasch.

Von Jan Rosenkranz

Gottfried Keller hat es kommen sehen, damals Achzehnfuffzich, als er diese Zeilen schrieb:
"Heute sah ich ein Gesicht,
Wonnevoll zu deuten:
In dem frühen Pfingstenlicht
Und beim Glockenläuten
Schritten Weiber drei einher,
Feierlich im Gange,
Wäscherinnen, fest und schwer!
Jede trug 'ne Stange."

Gut, weil das nicht unbedingt jeder sofort erkennt: Hannelore Kraft (SPD), Sylvia Löhrmann (Grüne) und Bärbel Beuermann (Linke) sondieren erst und beschließen dann, NRW doch nicht gemeinsam zu regieren – wenn wir alles richtig verstanden haben, liegt es daran, dass man sich auf keine gemeinsame Definition für die beinahe zwanzig Jahre tote DDR einigen konnte, was zwar ein einigermaßen idiotischer Grund wäre, schließlich darf Kevin Kurany auch nicht deswegen nicht zur Fußball-WM, weil er anders als der Rest des Kaders der Ansicht sei, dass das Wembley-Tor im Finale '66 vollkommen zu Recht gegeben wurde, aber im Ergebnis ist es dasselbe: Man passt nicht zusammen. Und darum darf sich der von Arbeitslosigkeit bedrohte Arbeiterführer Jürgen Rüttgers (CDU) berechtigte Hoffnung auf eine Vertragverlängerung als Ministerpräsident machen.

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Wie Angela Merkel das finden würde, wusste Gottfried Keller natürlich nicht, vermutlich nicht einmal sie selbst. Die Bundesratsmehrheit ist ohnehin perdu, und an renitenten Landesfürsten (Koch, Mappus, Seehofer) verspürt die Kanzlerin sicher keinen Mangel, zumal ihr ohnehin und unentwegt der Rest der Welt in den Ohren liegt. Ging am Montag los mit SPD-Chef Gabriel ("Tu-Nix-Regierung") und hörte am Freitag auf mit Privatier Joschka Fischer ("Sie hat es versemmlt"). Selbst Gottfried Keller schwelgt nur noch im Gewesenen:

"Sie war die schönste Blume,
Berühmt im Land,
Es warben Reich' und Arme
Um ihre Hand."

Imperfekt, die Grammatik betreffend, Vergangenheit. Umfragetief für Schwarz-Gelb. Die Kanzlerin unter Beschuss. Als hätte sie nicht genug auf dem Tisch: Griechen retten, Euro retten, Haushalt retten – irgendwie inkonsequent, dass Merkels Name nicht fiel, als in dieser Woche der Knöchel der Nation die deutschen Gemüter erregte.

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Ohne Ballack fahren wir zur WM – heißt es jedenfalls seit Montag. Und alles nur, weil der Kapitän der DFB-Elf beim englischen Pokalfinale derart rüde gefoult wurde, dass die eilig ins Leben gerufenen "Kevin-Prinz Boateng – Gib deinen deutschen Pass ab"- Facebook-Gruppe binnen einer Woche auf 13.312 Mitglieder anschwoll. Ballack selbst hat in diesem Social Network übrigens mehr als 50.000 Fans. Zum Glück müssen die Hessen in absehbarer Zeit nicht wählen, sonst hätte man in diesem Zusammenhang sicher längst von Roland Koch gehört. Aber der macht sich lieber mit Bildungssparvorschlägen unbeliebt - erfolgreich übrigens, wie die Zahl von 1118 Facebook-Fans beweist.

Angela Merkel hat dort immerhin 33.906 Freunde, was allerdings auch nicht so berühmt ist, wenn man die Zahl mit der von Nikolas Sarkozy vergleicht. Der französische Präsident hat knapp 232.000 Internet-Fans und damit fast sieben Mal so viele wie die deutsche Kanzlerin. Und gegen Obama, doch, doch, das muss jetzt mal sein, der sagenhafte 8,4 Millionen hat, erscheint Merkel quasi isoliert.

Kein Wunder, dass das nix wird mit der weltweiten Finanzmarktsteuer, die die Koalition nun plötzlich ganz dringend durchsetzen will. Merkels wichtigster Mann, Finanzminister Wolfgang Schäuble, ist bedauerlicherweise hin und wieder krank (und gar nicht bei Facebook) und ihr Koalitionspartner kaum noch existent. Je länger jedenfalls die Regierungsbeteiligung der FDP andauert, desto ähnlicher werden sich Steuerkonzept und Umfragewerte der Partei: einfach, niedrig und gerecht. Es gibt sie aber noch, die FDP. Rainer Brüderle zum Beispiel ist ganz offiziell für das Ressort Wirtschaft zuständig – und hat sogar zehnmal mehr Facebook-Freunde (297) als der vor 120 Jahren verstorbene Dichter Gottfried Keller. Und nicht zu vergessen: Guido Westerwelle. Facebook-mäßig ist der Vizekanzler und FDP-Chef allerdings mit 8074 Fans nicht so super aufgestellt. Zu allem Überfluss muss die Frage, die sich eine Facebook-Gruppe namens "Kann dieser herzlose Streuselkuchen mehr Fans haben als Guido Westerwelle?" mit einem eindeutigen Ja beantwortet werden. Genauer gesagt mit einem 14.859-fachen Ja.

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Und wie geht es nun in NRW weiter? Kleiner Tipp: Hannelore Kraft hat 3270 Facebook-Fans. Jürgen Rüttgers liegt jedoch wie am Sonntag vor zwei Wochen mit 3879 einen Hauch vor ihr.