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Deutsche im Irak: Goldrausch in Bagdad

Seit bekannt wurde, dass für Susanne Osthoff Millionen Euro an Lösegeld bezahlt wurden, gelten Deutsche Im Irak als Geldkoffer auf Beinen.

Im Ranking irakischer Entführer sind die Deutschen ganz oben angekommen. Unsummen, heißt es in Bagdad, könne man mit ihnen verdienen, noch mehr als mit Franzosen oder Italienern. Was leider stimmt. Im Fall Osthoff, berichtete am Montag das TV-Magazin "Report München", habe es das BND-Team in Bagdad sich seinerzeit vorbehalten, die Verhandlungen zu führen. Offensichtlich zur Freude der Geiselnehmer, die harte Verhandlungen gewohnt sind. Doch die beiden Agenten, Josef U. und Armin S., beide des Arabischen nicht mächtig, hätten "voreilig Lösegeld angeboten". Umsonst wäre Osthoff sicher nicht freigekommen - die fast zeitgleich mit ihr entführten vier christlichen Friedensaktivisten sind weiterhin verschleppt, da deren Botschaften nicht zahlen wollen.

Aber schon ehe in deutschen Medien über die Höhe des Lösegelds spekuliert wurde, kursierten in irakischen Zeitungen Meldungen über Riesensummen, die im Bagdader Gerüchteklima noch mal aufgebläht wurden. "Dass ihr so reich seid", sagen irakische Journalisten am Telefon, "zig Millionen für eine Entführte! Komm bloß nicht her!"

Kriminelle, die den Preis hochtreiben

Dass nicht zig, aber mehrere Millionen Euro für Osthoff gezahlt wurden, dürfte auch den vergangene Woche in Baidschi entführten Deutschen zum Verhängnis geworden sein. Alle anderen Mutmaßungen seien haltlos - so einer der mit dem Fall betrauten deutschen Diplomaten. Dafür, dass der Ingenieur Thomas Nitzschke und der Monteur René Bräunlich von Saddam-Anhängern oder von Dschihadisten verschleppt wurden, gebe es keine Belege. Dass die Entführer sich im Video einen ebenso dramatischen wie unbekannten Namen gegeben hätten, zeige eher ihren Amateurstatus. Auch einige Rechtschreibfehler im Namenszug sowie die fantasiearme Wiederholung früher genannter Forderungen sprächen für Kriminelle, die sich einen politischen Anstrich gäben, um den Preis hochzutreiben.

Die Entführungsbranche ist zum florierenden Wirtschaftszweig im Irak geworden: Gruppen von Spezialisten organisieren arbeitsteilig Verschleppung, Zwischenlagerung und Verkauf ihrer Geiseln. Die einen spähen das Umfeld potenzieller Opfer aus, Gewohnheiten, Firmenanteile, Grundbesitz, reiche Verwandte. Vermeintliche Polizisten in gekauften Uniformen oder echte Polizisten mit gekauftem Berufsethos sichern die Verschleppung ab - und haben ihrem Stand einen solchen Ruf verschafft, dass sich kaum noch eine betroffene Familie an die Ordnungshüter wenden mag. Stammesscheichs fungieren als Vermittler. Wird jemand gekidnappt, lassen die Entführer durchaus mit sich reden - begegnen Armutsbeteuerungen ihrer Opfer aber oft mit Detailkenntnis: "Deine Familie kann keine 200000 US-Dollar aufbringen? Lass sie doch deine beiden Häuser in Bagdad verkaufen."

Polizei und Sicherheitsleute als Entführungshelfer

"Wir können nur warten", heißt es im Auswärtigen Amt, "und verhandeln, sobald die sich melden." Dass Deutsche im Irak mittlerweile das Image von Geldkoffern auf zwei Beinen haben, ist nur das eine Problem der Diplomaten. Ein weiteres sind Susanne Osthoffs eigentümliche BND-Kontakte. Die irakischen Vermittler, die den Kontakt zu Osthoffs Entführern herstellten, sind verstimmt. "Hätten wir gewusst, für wen wir uns da einsetzen, hätten wir die Finger davon gelassen!", so einer der Unterhändler. Dass Susanne Osthoff mit dem BND zu tun hatte, "in welcher Form auch immer", hätten sie aus irakischen Zeitungen erfahren: "Jetzt stehen wir als Helfer einer deutschen Agentin da. Das gefährdet auch uns."

Die feinen Unterschiede zwischen privaten Bekanntschaften mit BNDlern und Geheimdiensttätigkeit seien im Irak nicht vermittelbar. Die beiden Techniker der sächsischen Firma Cryotec sollten in Baidschi eine an die irakische Firma Aradet gelieferte Anlage in Betrieb nehmen. "Diese Firma hat einen eigenen Sicherheitsdienst, der auch unsere Leute mit bewachen sollte", sagte Firmenchef Peter Bienert dem stern. "Aber irgendetwas ist passiert, was wir nicht vorhersehen konnten." Doch genau aus den irakischen Sicherheitsdiensten und der Polizei rekrutieren sich viele Helfershelfer von Entführungsgruppen.

Und was die Sicherheitslage vor Ort angeht, hätte sich kaum eine gefährlichere Gegend finden lassen: Die Datensammelstelle des amerikanischen "Reconstruction Operation Center", die intern sämtliche Attacken erfasst, markiert seit Tagen die Straßen von und nach Baidschi rot ("hohes Risiko") oder schwarz ("absolut kein Durchkommen, keine Rettungsmöglichkeit") und warnt ausdrücklich: "Nicht durch Baidschi fahren!"

Davor, tagelang in der Stadt zu bleiben, warnt sie nicht einmal - zu undenkbar erscheint der Gedanke.

Christoph Reuter/Regina Weitz
Mitarbeit: Holger Witzel, Heike Baldauf

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