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Deutschland schiebt Roma in den Kosovo ab: Deportiert ins Ungewisse

22 Jahre lang lebten die Shalas in Deutschland, die Kinder sind hier geboren. Im Frühjahr wurde die Roma-Familie abgeschoben. Ihr Leben besteht seither aus Angst, Bedrohung und Armut.

Von Daniela Schröder, Peja/Kosovo

Die kleine Wanduhr zeigt halb zwei. Lulzim Shala guckt auf die Uhr, nur ganz kurz, dann guckt er wieder auf seine Hände. "Um diese Zeit musste ich auf der Arbeit sein", sagt er. Shalas Arbeit, das war die McDonalds-Filiale im niedersächsischen Rotenburg. Ein Jahr lang hatte er dort Burger gebraten und verkauft, die Chefin war hoch zufrieden und wollte ihm einen unbefristeten Vertrag geben, auch für seinen ältesten Sohn Nazmi hatte sie einen Job.

Doch die beiden konnten ihre Stellen nie antreten. Vergangenen März wurde Familie Shala in den Kosovo abgeschoben. Nach Peja, eine Stadt im Westen des Kosovo. Vor fast 22 Jahren waren Lulzim (40) und Ajshe Shala (36) von dort aus nach Deutschland geflüchtet. Als Angehörige der Roma-Minderheit sah das junge Paar kurz vor Ausbruch der Balkankriege keine Zukunft im Kosovo. Ihren Asylantrag lehnten die deutschen Behörden ab, nach kurzer Zeit im Erstaufnahmelager kamen sie nach Rotenburg.

Geduldet, aber nicht willkommen

Kurz nachdem Nazmi 1989 geboren war, zogen seine Eltern mit ihm auf einem 'Bettelmarsch' der Roma quer durch ganz Deutschland, die Menschen bettelten beim deutschen Staat um ein Bleiberecht. "Wir liefen uns die Füße wund", sagt Ajshe, 16 Jahre war sie damals. Geholfen hat es den Shalas nicht, die Ausländerbehörden machten von Anfang an Druck auf die Familie. Immer wieder sollten sie ausreisen, Eltern und Kinder bekamen nur befristete Duldungsbescheide, außerdem hatten sie Arbeitsverbot.

Nach 16 Jahren in Deutschland gab es eine Aufenthaltserlaubnis, ausgestellt für ein Jahr. Doch sie wurde für keines der Familienmitglieder verlängert. Der Grund: Vater Lulzim hatte für einen Schrotthändler Altmetall gesammelt, ohne es dem Sozialamt zu sagen, dafür wurde er wegen Betrugs verurteilt. Vor Gericht bekannte er sich sofort schuldig, zahlte dem Landkreis die unberechtigt empfangene Sozialhilfe zurück und stotterte 1.350 Euro Geldstrafe ab. Seit dem Gerichtsurteil gilt Lulzim Shala den Behörden als Straftäter.

In Rotenburg galten er und seine Familie als freundlich und hilfsbereit, alle vier Söhne sind dort geboren und aufgewachsen. "Meine Schule heißt Grafel-Schule", erzählt Halil (8) und schiebt ein kleines Plastikauto um die Wassergläser auf dem Esstisch. Warum ist er jetzt nicht mehr dort? Halil schweigt und wartet, aber niemand antwortet für ihn. "Das weiß ich nicht," sagt er irgendwann.

Kein Unterricht, keine Medikamente

Im Kosovo geht Halil nicht zur Schule. Seitdem die Haustür eines Nachts eingeschlagen wurde, trauen sich die Brüder nicht mehr alleine auf die Straße. Sie haben Angst, dass sie verprügelt werden, Roma-Kinder aus der Nachbarschaft kämen oft mit blutigem Gesicht aus der Schule. Außerdem können die Shala-Söhne kein Albanisch oder Serbisch. "Wir sprechen Deutsch", sagt Lutfi (17). "Was denn sonst?"

Über ein deutsches Bund-Länder-Projekt hat die Familie nach der Ankunft im Kosovo pro Person 50 Euro für Lebensmittel und 75 Euro für Arztbesuche und Medikamente bekommen, beides eine einmalige Zahlung. Zudem erhielten sie Geld für Möbel und ein halbes Jahr lang einen Teil der Miete. Nun müssen die Shalas alleine klar kommen. "Vielleicht verkaufe ich einen meiner Söhne", sagt Lulzim und versucht über sich selbst zu lachen, es klappt nicht.

Lutfi ist starker Diabetiker, bei seiner Mutter diagnostizierten deutsche Ärzte posttraumatische Belastungsstörungen. Eine von Ajshes Cousinen wurde im Krieg vergewaltigt und ermordet. Als Ajshe davon erfuhr, bekam sie Wahnvorstellungen und Selbstmordphantasien. Die ständigen Abschiebedrohungen, das Leben in der Schwebe verschlimmerten ihren labilen Zustand.

In Deutschland war sie in psychiatrischer Behandlung, die Symptome der Krankheit konnte sie mit einem Medikament unterdrücken. Jetzt hat die Familie kein Geld für einen Therapeuten, und das Medikament gibt es weder im Kosovo noch im benachbarten Mazedonien. "Ich habe Angst, dass die Anfälle wieder anfangen und ich mich nicht um die Kinder kümmern kann", sagt Ajshe und nimmt Ferdi (2) auf ihren Schoß, der verschlafen in der Tür steht.

Die Familie Shala ist kein Einzelfall. Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie Deutschland immer mehr Roma in den Kosovo abschiebt und dafür von der Uno gescholten wird.

Keine Arbeit für Roma

Wo sie in der nächsten Woche wohnen werden, das wissen die Shalas nicht, wie sie überhaupt Miete zahlen sollen, auch nicht. Die zerschlissenen Sofas, ihre beiden Tische und die drei Eisenbetten wollen sie wieder zu Geld machen. "Wie soll ich sonst unser Essen bezahlen?", fragt Lulzim. "Wir haben hier keine Verwandten, die uns helfen können, wir kennen hier niemanden mehr. Und wenn ich jemanden nach Arbeit für uns frage, dann sagen sie mir: Wir haben selbst keinen Job. Außerdem seid ihr Roma."

Im Kosovo, dem ärmsten Staat in Europa, ist fast jeder Zweite arbeitslos. Bei den Roma liegt die geschätzte Arbeitslosenquote bei mehr als 90 Prozent. Nach Angaben der kosovarischen Regierung müssen fast 40 Prozent der Roma mit umgerechnet einem US-Dollar pro Tag auskommen - laut internationalem Standard ein Leben in extremer Armut. Entsprechend schlecht sind die Zukunftsaussichten der kommenden Generation: Nur ein Viertel der Roma-Kinder geht auf eine weiterführende Schule, lediglich eins von 100 macht Abitur.

Schon vor dem Kosovo-Krieg Ende der 1990er waren die Roma diskriminiert, der Konflikt zwischen Albanern und Serben hat die Situation der Minderheit noch verschlimmert. "Roma gelten heute als Verräter, die der jeweils anderen Seite gedient haben", sagt der kosovarische Anwalt Hil Nrecaj. Ob Arbeit, Schule, Gesundheitswesen oder Wohnen - die Diskriminierung der Roma sei keine Ausnahme, sagt Nrecaj, "das ist bei uns Alltag".

Tausendfache Abschiebung

Wer aus dem Ausland ins Kosovo abgeschoben wird, urteilt die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), den unterstütze die Regierung in Priština ohnehin nicht. Es gebe zwar eine staatliche Integrationsstrategie, doch die existiere nur auf dem Papier. Kein Wunder, sagt Sami Kurteshi, der unabhängige Ombudsmann des Kosovo: "Die Roma stellen im Kosovo keine politische Kraft dar, sie sind ohne politische Lobby, niemand ist auf ihrer Seite." Zwar seien im Parlament 20 Sitze für Minderheitenangehörige vorgesehen, "aber für unsere Politik zählen als Minderheit allein die Serben".

Nicht nur Menschenrechts- und Flüchtlingsorganisationen wie Amnesty International und Pro Asyl sowie der Menschenrechtskommissar des Europarates haben immer wieder über die katastrophale Lage der Roma im Kosovo berichtet und einen Abschiebestopp aus Deutschland gefordert. Auch der Generalsekretär der Vereinten Nationen hat mittlerweile vor Zwangsrückführungen ins Kosovo gewarnt.

Doch die Bundesregierung hält am Vollzug der Gesetze fest. In Deutschland leben derzeit 12.000 Angehörige von Minderheiten, die ins Kosovo ausreisen sollen, darunter 10.000 Roma-Flüchtlinge. Fast die Hälfte sind Kinder und Jugendliche unter 18, zwei Drittel von ihnen wurden in Deutschland geboren. Für die deutsche Abschiebepraxis spielt das keine Rolle. Angehörige von Minderheiten seien aufgrund ihrer Ethnie im Kosovo nicht mehr gefährdet, heißt es in Stellungnahmen der Regierung immer wieder, die soziale und wirtschaftliche Lage im Land sei kein Grund gegen eine Abschiebung.

"Was habe ich hier für eine Zukunft?"

Im vergangenen Jahr wurden 179 Minderheiten-Angehörige ins Kosovo abgeschoben, in diesem Jahr zählte das kosovarische Innenministerium bisher 218, darunter 151 Roma. Im vergangenen April erst haben Berlin und Priština ein Rückführungsabkommen geschlossen. Der kosovarische Minister für Arbeit und Soziales Nenad Rasic hatte schon vorher erklärt, warum seine Regierung unterschreiben werde: Bei einem Nein aus Priština hätte die Bundesregierung die finanzielle und politische Unterstützung gekappt.

"Das Abkommen war reine Erpressung", sagt Ombudsmann Kurteshi. Aber er sagt auch: "Staaten können Flüchtlinge zurück schicken." Allerdings müssten sie dabei Verantwortung übernehmen und Hilfsprojekte auf die Beine stellen, "die mehr sind als ein kleines Feigenblatt". Was jedoch derzeit im Kosovo passiert, sagt Kurteshi, "das ist eine Rückkehr ohne jegliche Menschenwürde".

Für die Söhne der Shalas ist es ohnehin keine Rückkehr. "Ich kenne dieses Land nicht, ich bin hier zum ersten Mal in meinem Leben", sagt der Älteste, Nazmi. Er denkt an die Stelle, die er in Rotenburg bekommen sollte, erzählt er. Und er denkt an seine Freundin Ines. Wenn sie ihn anruft, dann sprechen sie nur kurz. Nach Deutschland zu telefonieren, das hat sich Nazmi seinen Eltern und Brüdern zuliebe verboten. Nazmi redet leise und langsam wie ein betäubter Mensch. "Ich werde verrückt", sagt er, er flüstert es. "Sagen Sie mir doch, was habe ich hier für eine Zukunft?"