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Essay

Bundestagswahl 2017: Die Unsolidarischen - über den Erfolg der AfD bei ostdeutschen Männern

26 Prozent der ostdeutschen Männer machten ihr Kreuz bei der AfD. Das ist nicht bloß der Protest der Enttäuschten. Der Grund sitzt viel tiefer und hat seinen Ursprung in der Zeit zwischen 1933 und 1989.

Von Rolf-Herbert Peters

Vieles vom Ergebnis bei der Bundestagswahl war vorhersehbar. Dass Angela Merkel wieder Kanzlerin wird – trotz des Einbruchs bei den Volksparteien. Dass der kraftstrotzende SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz am Ende die beleidigte Leberwurst geben wird. Dass die FDP, warum auch immer, wiederaufersteht. Selbst dass die Grünen ein stabiles Ergebnis einfahren, weil die Folgen des Klimawandels auch für Blinde nicht mehr zu übersehen sind.

Mich hat nicht einmal überrascht, dass die Männer in Ostdeutschland die AfD bundesweit auf satte 12,6 Prozent hochgetrieben haben. 26 Prozent von ihnen machten ihr Kreuzchen bei der Partei, die Unsolidarität für eine Tugend hält. Jeder vierte Ostdeutsche und damit doppelt so viel wie im Westen. Man kann das als Protest der Enttäuschten abtun. Ich glaube, der Grund sitzt viel tiefer: Unsolidarität ist zum Teil noch fest verankert in der ostdeutschen Männergesellschaft. Nicht, weil dort schlechtere Menschen leben. Sondern weil ihnen solidarisches Denken von 1933 bis 1989 systematisch ausgetrieben wurde. Erst von den Nazis, dann von den Realsozialisten. Das wirkt bis in die nachwachsenden Generationen nach.

Eiskalte Welt der Entbehrungen

Ich habe die von den 60er-Jahren, als ich noch ein kleines Kind war, bis zu ihrem Ende nahezu jedes Jahr mindestens einmal besucht. Mein Vater wurde in der Altmark geboren und hat seine Familie und deren Nachkommen dort. Jede Reise führte mich in eine eiskalte Welt der Entbehrungen, die nur durch die persönliche Herzlichkeit einiger Verwandter aufgewärmt wurde. Noch heute schüttelt es mich, wenn ich Ostdeutsche schwärmen höre, damals habe es mehr Solidarität und weniger Ellenbogen gegeben als im Westen. Das ist pure Romantik. Ich denke dann nur an die 189.000 inoffiziellen Mitarbeiter, die auch mitten aus unseren Familien stammten und mit Eifer daran arbeiteten, die Gesellschaft zu spalten, um sie besser kontrollieren zu können.

Natürlich half man sich in der DDR gegenseitig, wenn am "Trabi" oder der "Schwalbe" eine Schraube fehlte – man konnte das Ersatzteil schließlich nicht einfach im nächsten Laden kaufen wie im Westen. Aber Solidarität stand, trotz aller Propaganda, offenbar nicht im Gesellschaftsvertrag. Ich kann mich an keine Wohltätigkeitsveranstaltung oder Ähnliches erinnern, wenn sie nicht von irgendeinem mutigen Pfarrer organisiert wurde, der versuchte, die Botschaft der Bibel in den Sozialismus zu tragen. Die DDR hatte zwar ein Solidaritätskomitee, das die Entwicklungshilfe koordinierte. Das aber arbeitete nicht im Geiste des Humanismus, sondern der Staatsräson. Er unterstand dem Zentralkomitee der SED und half dort, wo es den außenpolitischen Interessen des Staates diente. Das Spendengeld wurde zumeist in den Staatsbetrieben bei den Arbeitern zwangseingesammelt.

In der Bevölkerung ist mir kein Gemeinsinn aufgefallen, Bedürftige unterstützen zu müssen. Es gab zwar Arme, der Staat schwieg sie aber tot. Man solidarisierte sich nicht mit Homosexuellen, weil auch sie offiziell nicht existierten - obwohl auch das DDR-Gesetz gleichgeschlechtliche Liebe unter Strafe stellte. Auch hieß man keine Ausländer willkommen. Im Gegenteil. Ich war geschockt, wie offen sogar vermeintlich liberale DDR-Bürger gegen Fremde wetterten, von denen manche nie einen gesehen hatten. Der Berliner Historiker Harry Waibel hat seit Jahren erforscht, wie verbreitet der Fremdenhass im SED-Staat war: In 40 DDR-Jahren gab es rund 8600 Propaganda- und Gewalttaten gegen Fremde, meistens sogenannte Vertragsarbeiter aus Afrika, Asien oder Kuba. Aber auch gegen Juden.

Noch radikaler verfuhr die DDR mit Flüchtlingen: Mitte der 80er-Jahre schob das SED-Regime mehr als 150.000 Asylbewerber aus und Asien unkontrolliert in die Bundesrepublik ab und brachte damit vor allem West-Berlin an die Grenze seiner Leistungsfähigkeit, was den Aufstieg der rechtspopulistischen Republikaner begünstigte.


AfD im Osten: Der alte Psychotrick funktioniert noch

Totalitäre Regime versuchen die Gesellschaft zusammenzuhalten, indem sie einen gemeinsamen Feind heraufbeschwören. Die Grundlogik lautet: Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Und der Freund meines Feindes ist mein Feind. Wer 57 Jahre in den Männergesellschaften der Nazis und Realsozialisten mit dieser Logik infiltriert wurde, kann sie nicht einfach abstreifen wie einen alten Mantel. Er gibt sie sogar weiter an die nächste Generation. Daran knüpft die AfD an. Die Asylanten sind der gemeinsame Feind, gegen den sich die AfD-Wähler unterhaken. Oder wahlweise ARD und ZDF. Oder Angela Merkel, die "Rechtsbrecherin". Der alte Psychotrick des Totalitarismus funktioniert noch. Deswegen ist die Partei im Osten so erfolgreich.

"Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker", hat der kubanische Revolutionär Che Guevara gesagt. Deutschland hat 2015, als die Flüchtlingswelle anrollte, sehr viel von dieser Zärtlichkeit gezeigt. Auch wenn Politik und Verwaltung Fehler machten, hat sich die Große Koalition unter Kanzlerin an die Vorgaben des Grundgesetzes einer Gesellschaft gehalten, deren Selbstverständnis auf christlich-humanistisch geprägter Solidarität beruht, wie sie im Grundgesetz steht.

Wer die AfD vertreiben will, muss auch den letzten ostdeutschen (und auch manchen westdeutschen) Männern klarmachen, dass Solidarität in unserem reichen Staat keine Last ist, sondern eine Selbstverständlichkeit. Und wenn wir unser Grundgesetz ganz ernst nehmen, sollte sie uns allen eine Freude sein: Geben ist seliger denn nehmen.