HOME

Mittagskommentar Schlag 12: Die Wowereit-Nachfolge - drei Zwerge für ein Hallelujah

Morgen wird ausgezählt, wen die SPD-Basis als Regierenden Bürgermeister haben will. Die schlechte Nachricht: Es wird einer der drei Bewerber. Die gute: Die Stadt wird auch das überleben.

Von Andreas Hoidn-Borchers

Es ist ein Jammer, dass die Gentechnik noch nicht wirklich ausgereift ist. Wäre sie etwas weiter, könnte man sich nämlich den künftigen Regierenden Bürgermeister Berlins im Labor zusammenklonen. Ein Teil Müller. Ein Teil Saleh. Ein Teil Stöß. Einmal feste gerührt und durchgeschüttelt, dann hätte man einen schwulen, aktenhubernden SPD-Apparatschik mit Migrationshintergrund und einem Hauch Diepgen, vor dem die Desiree Nicks dieser Stadt eher kreischend Reißaus nehmen würden, als dass sie ihm einen Schluck Feines aus ihrem Pumps anbieten würden. Gut, der Frauenanteil an dieser Chimäre fällt bescheiden aus. Das mag Manuela Schwesig beweinen. Wir wissen: Man kann nicht immer alles haben im Leben.

Leider kriegen wir aber nicht mal diese Mängelvariante, sondern, schlimmer, viel schlimmer, einen der drei Kandidaten pur. Müller. Saleh. Oder Stöß. Morgen, Samstag, zählt die Berliner SPD die Stimmen jener ihrer Mitglieder aus, die sich an der Abstimmung beteiligt haben, mit der über den neuen Regierenden entschieden wird. Gut möglich, dass die Qual der Wahl danach noch weitergeht und es einen Stichentscheid braucht. Aber das ist wumpe – wie übrigens auch, wer am Ende gewinnen wird. Stöß. Saleh. Müller. Drei Zwerge für ein Hallelujah – Klaus Wowereit ist noch bis Mitte Dezember im Amt, aber den Phantomschmerz spürt man angesichts der drei möglichen Nachfolger schon jetzt. Es ist übrigens das Amt, dass einst Männer wie Ernst Reuter, Willy Brandt oder Richard von Weizsäcker bekleidet, ausgeübt und ausgefüllt haben. Es wird schwer, aus diesen Fußstapfen zu kraxeln.

17.000 entscheiden über die Stadt

Vermutlich verflucht SPD-Chef Sigmar Gabriel schon den Tag, an dem er anfing, für mehr Mitgliederbeteiligung zu werben. Man darf die SPD eben nicht sich selbst überlassen. Wahrscheinlich hat Gabriel deshalb noch versucht, seinen Kumpel Martin Schulz aus Europa weg und nach Berlin zu quatschen. Die Stadt hätte tatsächlich Besseres verdient, als bei der Auswahl ihres ersten Mannes in die Hände von gut 17000 Genossen zu fallen – und in die einer CDU, die, pardon, keinen Arsch in der Hose hat. Sonst würde sie als Koalitionspartner nicht unbesehen jeden akzeptieren, der ihnen von der SPD-Basis vor die Nase gewählt wird, sondern Neuwahlen anstreben. Dass sie überhaupt noch regieren darf, verdankt die SPD schließlich vor allem Klaus Wowereit, den viele Berliner bei der Wahl vor drei Jahren gerne als Regierenden behalten wollten. Sehr viele andere Gründe, SPD zu wählen, gab es nicht mehr. Jetzt entfällt auch der.

Kalte Kompressen für den neuen Bürgermeister

Schon wahr, auch Wowereit ist nicht als Wiedergeburt Willy Brandts gestartet, und viele der Ministerpräsidenten anderer Bundesländer besitzen die Ausstrahlung eines trockenen Hefezopfs – ohne Rosinen. Aber wer sich der Fron unterzogen hat, die Vorstellungen der drei Aspiranten vor der Berliner Genossenschaft zu verfolgen, der bekam seine düstere Vorahnung bestätigt: Saleh. Stöß. Müller. Das sind wackere Leutchen, die Wanne-Eickel sicher in den verdienten Ruin steuern könnten (Achtung: Scherz. Keinen Shitstorm bitte. Danke.). Aber die Hauptstadt regieren und repräsentieren? Wer Visionen hat, solle zum Arzt, hat Helmut Schmidt empfohlen. Für die Gerne-Bürgermeister reicht ein Hausmittel: kalte Kompressen.

Der BER? Wird schon. Irgendwie. Irgendwann. Vielleicht. Aber wir hängen uns rein. Alle drei wollen bezahlbare Mieten und weniger Arbeitslose. Der eine möchte Berlin zudem zur "solidarischen Stadt" machen, der andere kein Großprojekt (Olympia, Stadtautobahn) mehr ohne das Votum der Berliner Bürger starten – also vermutlich keines mehr. Der nächste verspricht "bessere Gehälter". Und alle eint das Motto: Es reicht nicht, keinen Plan zu haben, er darf auch auf keinen Fall funktionieren. Wie es gehen soll? Nun ja. Wer dafür aufkommt? Ja nun. Der angesehene parteilose Finanzsenator Nussbaum hat jedenfalls schon angekündigt, dass er das Weite suchen wird - egal, wer den Mitgliederentscheid gewinnt. Er hat schließlich noch einen Ruf zu verlieren.

Berlin hat eine ganze Menge ausgehalten

Was die Kohle angeht, entwickelt zumindest Jan Stöß richtig Ehrgeiz: "Wir streben an, dass Berlin irgendwann einmal Geberland wird", sich also nicht mehr vom Rest der Republik durchfüttern lassen muss. Da stockte den Genossen im Auditorium kurz mal der Atem: Wir? Für andere zahlen? Aber keene Bange, liebe Berliner Sozialdemokraten, so schlimm wird´s schon nicht kommen. Auch die S-Bahnen werden weiter gegen ihre Hauptfeinde Eis, Hitze und die Lokführergewerkschaft anfahren. Die Schulen werden trotz des hilflosen Bemühens, Aufstieg dank immer geringerer Anforderungen zu ermöglichen, ein paar Jugendliche in die Welt entlassen, die leidlich lesen, rechnen oder schreiben können, manche sogar alles zusammen. Und die Touristen werden weiter strömen, obwohl – oder weil – die Weg-Bier-Stadt an etlichen Ecken verlottert. An anderen blüht sie ja auch auf. Dagegen kann kein Bürgermeister anregieren. Kein Müller. Kein Stöß. Kein Saleh. Es hat ja nicht einmal das Duo Diepgen/Landowsky zu seinen besten Zeiten geschafft. Denn das ist der einzige Trost: Berlin hat schon eine ganze Menge ausgehalten. Es wird auch das Ergebnis dieses Mitgliederentscheids locker überstehen. Ob das für die SPD ebenso gilt, ist eine ganz andere Frage.

Andreas Hoidn-Borchers glaubt durchaus an Schwarmintelligenz. Er erinnert sich aber auch gut daran, dass die SPD-Basis mal Rudolf Scharping zum Parteivorsitzenden gewählt hat. Folgen Sie dem Autor auf Twitter @ahborchers