HOME

Diskussion zur Eurokrise: Bloß keinen Größenwahn!

Auf einer Wirtschaftskonferenz in Hamburg beschwört Josef Ackermann Europa, Friedrich Merz die deutsche Industrie und Helmut Schmidt? Der mahnt zur Solidarität mit Griechenland.

Von Ina Linden

Der Hamburger Michel ist kein Ort, um trockene Reden zu halten: Das Innere der barocken Hauptkirche der Hansestadt strahlt blütenweiß und blattgolden. Die Wirtschaftselite des Landes hat sich auf einem Forum der "Zeit" versammelt und lauscht dicht an dicht auf harten Holzbänken, was die Redner Josef Ackermann, Friedrich Merz und Helmut Schmidt zu sagen haben. Über dem Podium erhebt sich die marmorne Kanzel mit dem goldenen Verkündungsengel.

Ungewohnt pathetisch fällt so auch Ackermanns Vortrag zur Zukunft Europas und der Rolle der Banken aus. "Wenn wir die gegenwärtige Staatsschuldenkrise nachhaltig lösen wollen, müssen wir Europa neu begründen und die Menschen neu für Europa begeistern", sagt der Deutsche-Bank-Chef. Für Deutschland gebe es außerhalb der Europäischen Union keine erfolgreiche Zukunft. Gleichzeitig ließ der Schweizer kein gutes Haar an der europäischen Krisenpolitik. "Ich war gerade einige Tage in Korea, Singapur und im Mittleren Osten. Und ich kann Ihnen sagen: Das Vertrauen, dass Europa den richtigen Weg findet und die Führung hat, die es benötigt, um dieses Ziel zu erreichen, ist relativ gering." Strengere Gemeinschaftsregeln in der Wirtschafts- und Finanzpolitik seien unumgänglich. Man käme auch nicht darum herum, dafür in die Verfassungen der einzelnen Mitgliedsstaaten einzugreifen. Nur ein geeintes Europa sei noch interessant für Investoren.

Man kann darauf verzichten, die Griechen zu beschimpfen

Auch Helmut Schmidt kritisiert die Rolle der EU in der Staatsschuldenkrise. Im Gespräch mit Zeit-Herausgeber Josef Joffe zermalmt er das europäische Vorgehen in der Schuldenkrise mit einem einzigen Satz: "Ein Rettungsschirm, noch ein Rettungsschirm, dann ein Hebel. Alles ziemlich erbärmlich." Die Dimension der Gefahr sei nicht ausreichend deutlich geworden. Schmidt befürchtet eine starke Inflation, wenn es nicht zur Auflage gemeinsamer Staatsanleihen, sogenannter Euro-Bonds, komme: „Entweder man verschuldet sich gemeinsam oder man zwingt die Europäische Zentralbank, die faulen Anleihen aufzukaufen. Dann kommt es ganz schnell zu Inflation."

Auf die Frage von Joffe, ob sich Merkel klüger hätte verhalten könnten, kontert Schmidt: "Sie hätte sich geschickter verhalten können. Man kann zum Beispiel darauf verzichten, die Griechen zu beschimpfen". Das sei sehr überheblich und damit typisch deutsch. Die größte Gefahr bestünde darin, dass sie das eigene Land isoliere. Es sei ein "Unding sondergleichen", mit welchen Sparanforderungen auf die Griechen eingeprügelt würde. "Die griechische Wirtschaft braucht gleichzeitig ein positives Aufbauprogramm", sagt Schmidt und mahnt Solidarität an. "Unsere Weltrekord-Überschüsse sind natürlich auch die Defizite unserer Handelspartner", so der Altkanzler.

"Weite Teile Südeuropas sind weitgehend deindustrialisiert"

Friedrich Merz, der als Vorsitzender des deutsch-amerikanischen Vereins Atlantik-Brücke bei der Konferenz sprach, nannte die Schuldenkrise einen"heilsamen Schock". Die USA und Europa hätten drei Jahrzehnte über ihre Verhältnisse gelebt und müssten nun erkennen, dass auch Staaten sich nicht unbegrenzt refinanzieren könnten, sagte der frühere CDU-Politiker. Deutschland habe Erfahrungen mit der sozialen Marktwirtschaft gesammelt, die es wert seien, auch auf andere Staaten übertragen zu werden. Dazu zählten die Notwendigkeit einer starken Industrie und verantwortungsvolle Tarifpartner. "Weite Teile Südeuropas sind weitgehend de-industrialisiert", so Merz. Deutschland trage wegen seiner Lage in der Mitte Europas eine besondere Verantwortung, ob es wolle oder nicht.

Zeit-Herausgeber Josef Joffe versetzt sich hingegen in der Solidaritätsfrage in einen fleißigen Handwerker, der gut gewirtschaftet hat. "Soll denn der, der tüchtig ist, dem anderen abgeben? So einfach ist es nicht." "So einfach ist es doch", kontert Schmidt und hebt den Zeigefinger in Richtung Verkündigungsengel: "In der Kirche heißt das Caritas." Nächstenliebe und Solidarität scheinen ihm gleichsam heilig zu sein. Aus Respekt vor der ungewöhnlichen Kulisse rauchte er diesmal nicht eine einzige Zigarette.