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PK zum Tode al-Bakrs: Wer nimmt die Sachsen denn jetzt noch ernst?

Die Verantwortlichen des Justizskandals in Sachsen verteidigen sich vor der Presse - und verstecken sich hinter der Prognose einer Psychologin.

Von Karin Schlottmann, Dresden

Vor dem Wappen des Freistaates Sachsen versuchen fünf Männer auf einem Podium den Suizid eines Terrorverdächtigen zu erklären

Ratlosigkeit in Dresden: So recht wusste auf der Pressekonferenz keiner der Verantwortlichen den Suizid des Terrorverdächtigen Dschaber al-Bakr zu erklären

Dieser Artikel erschien zuerst in der "Sächsischen Zeitung".

Vielleicht war die neue Mitarbeiterin einfach sehr neugierig auf den prominenten Häftling. Oder so eifrig , dass sie einfach nachschauen musste. Oder aber die junge Beamtenanwärterin witterte - anders als ihre älteren Kollegen - die Gefahr. Statt also die vorgeschriebene halbe Stunde zu warten, ging sie um 19.45 Uhr, 15 Minuten nach der letzten Haftraumkontrolle, zur Zelle von Dschaber al-Bakr. Es war diese letzte Viertelstunde, die der 22-jährige mutmaßliche Terrorist nutzte, um sein T-Shirt zu zerfetzen und sich damit am Zwischengitter zur Zellentür aufzuhängen. Die junge Frau konnte nur noch Alarm schlagen.

Der Leiter der Justizvollzugsanstalt Leipzig, Rolf Jacob, schildert auf einer Pressekonferenz in Dresden ausführlich den Ablauf der Ereignisse in der Haftanstalt. Er bemüht sich um plausible Antworten auf die vielen Warum-Fragen. Am Ende läuft es immer auf dasselbe hinaus. Wir haben alle Regeln und Gesetze befolgt, niemand hat einen Fehler begangen. Für die neue Kollegin, die am Mittwochabend wohl das einzig Richtige tat, nämlich den Häftling zu kontrollieren, hat Jacob nur leichten Spott übrig. Sie war wohl eben besonders dienstbeflissen, lautet sein Kommentar.

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Psychologin diagnostizierte keine akute Suizidgefahr

Keine akute Suizidgefahr, habe die Anstaltspsychologin analysiert. Immer wieder kommt Jacob auf ihre Einschätzung zurück. Erfahren sei die Fachfrau und lange im Geschäft, verteidigt er sich. Weder die herausgerissene Deckenlampe in der Zelle noch die Manipulation der Steckdose habe an der Analyse etwas geändert. Man habe umgehend einen Reparaturauftrag ausgelöst, fällt ihm dazu ein.

Aber wie um alles in der Welt hätte man auf die Idee kommen sollen, dass ein Selbstmordattentäter sich das Leben nehmen will? Al-Bakr, der laut Haftbefehl kurz davor stand, sich selbst und möglichst viele unschuldige Opfer mittels einer selbst gebastelten Sprengstoffweste zu töten, war nicht suizidgefährdet. Punkt. Vielleicht sei man etwas zu gutgläubig gewesen, gibt Jacob irgendwann zu. Der Syrer sei ruhig und sachlich gewesen, ohne emotionale Ausfälle. Er habe sich zudem erkundigt, ob sein Hungerstreik Folgen für eine Abschiebung haben könnte. Wer so etwas fragt, vermutet man in der Leipziger JVA, könne nicht an Selbstmord denken. Mit islamistischen Terroristen, das ist jetzt klar, hat die sächsische Justiz keinerlei Erfahrungen.

Selbst Regierungsmitarbeiter fassungslos

"Das hätte nicht passieren dürfen", räumt auch Justizminister Sebastian Gemkow (CDU) das Offensichtliche ein. Es sei alles unternommen worden, um dies zu verhindern. Aber dann sagt er sofort diesen Satz: "Die Prognosen der Fachleute haben sich nicht bestätigt." Das kann man nur als Schuldzuweisung verstehen. Er übernehme die politische Verantwortung, aber für einen Rücktritt vom Amt sehe er keine Veranlassung, antwortet er auf eine entsprechende Frage.

In Sachsens Regierungsapparat sind selbst manche Mitarbeiter an diesem Donnerstagmorgen nur noch fassungslos. Nicht, dass sich anderswo keine Häftlinge umbringen. Aber bei der Nachricht vom Tod Al-Bakrs schießt auch dem einen oder anderen getreuen Ministeriumsbeamten nur noch ein Gedanke durch den Kopf: Nicht schon wieder! Erst die Pannen bei der Festnahme Al-Bakrs, dann die Nachricht vom Selbstmord des Syrers in staatlicher Obhut. Heidenau, Bautzen, Freital, Dresden am 3. Oktober - die öffentliche Sicherheit und Ordnung in Sachsen steht bundesweit immer wieder in der Kritik. "Wer nimmt uns denn jetzt noch ernst?", fragt sich mancher still und verzweifelt.

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Hämische Kommentare prasseln auf Sachsen nieder

Gemkow wird die miese Stimmung nicht verborgen geblieben sein. Seit Stunden prasseln die hämischen Kommentare auf Sachsen hernieder. Bananenrepublik ist noch eines der harmlosesten Schimpfwörter in den Medien und den sozialen Netzwerken. Aber Gemkow entscheidet sich zum Durchhalten. Innenminister Markus Ulbig (CDU) macht es seit geraumer Zeit so. Die Fachleute haben sich geirrt, Pech gehabt. Die Erklärung des Ministerpräsidenten, der ihm volle Rückendeckung gibt, dürfte Gemkow gekannt haben.

Ob das Ansehen des Freistaates nach all den Pannen der letzten Wochen und Monate Schaden genommen hat, wird der junge Justizminister gefragt. "Es ist zu früh, um das jetzt beurteilen zu können", sagt er.