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Klima-Experte Andreas Marx Was hilft gegen die Dürre? "Das Beste wären fünf Grad und Nieselregen" – über ein halbes Jahr

Ausgetrocknete Dreisam im Schwarzwald
Kein Tropfen Wasser im ausgetrockneten Flussbett der Dreisam bei Teningen, unweit von Freiburg.
© Philipp von Ditfurth / DPA
Deutschland atmet an diesem Wochenende durch; der Hitzesommer 2022 neigt sich dem Ende zu. Die Dürre ist damit aber nicht weg. Schon seit Jahren regnet es viel zu wenig. Fällt Deutschland trocken? Dürre-Experte Andreas Marx sieht durchaus Probleme, aber keinen Grund für eine solche Angst.

Die Dürrebeobachtungsstelle der Europäischen Raumfahrtagentur Esa machte am Freitag wenig Mut: Die Trockenheit in Mitteleuropa, so hieß es gestützt auf Daten des Erdbeobachtungssatelliten Copernicus, werde wohl noch eine Weile anhalten. Das hat Auswirkungen auf die Ernte-Erträge, wie Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) bei der Vorlage des Ernteberichts 2022 betonte. Licht und Schatten halte der Bericht bereit, so der Minister: Während an manchen Orten Wasser gefehlt habe, sei die Ernte andernorts gut oder sehr gut ausgefallen. Vor allem beim Getreide sehe es gut aus. Etwa 39,7 Millionen Tonnen Getreide holten die Bauern und Bäuerinnen von den Feldern. Das seien 4,8 Prozent mehr als im Vorjahr und 1,6 Prozent mehr als im Durchschnitt der letzten sechs Jahre. Allerdings bemängelt der Bauernverband die Qualität vor allem des Weizens. Ein "Zeugnis der Klimakrise" sei der Erntebericht, so Özdemir.

An diesem Wochenende können die Menschen in Deutschlands vielerorts etwas durchatmen; die ganz große Hitze ist erst einmal vorbei. Wie aber sieht es langfristig aus? Ist die Dürre gekommen, um zu bleiben? Andreas Marx hat als Leiter des Dürremonitors Deutschland die Feuchte der Böden hierzulande ständig im Blick. Trotz aller Probleme: Dass Deutschland quasi trocken falle, das sei nicht abzusehen. Ein Gespräch über Dürre-Probleme, Klimaentwicklungen und wie wir uns anpassen können.

Herr Marx, in den vergangenen Wochen konnte man den Eindruck gewinnen, Europa fällt komplett trocken. Wie schlimm ist die Situation hier in Deutschland?
Diese Frage muss man mit einer Gegenfrage beantworten: Schlimm für wen? Wir haben 2018 zum ersten Mal erlebt, dass Dürre in verschiedenen Sektoren parallel Milliardenschäden entstehen lassen kann. Nicht nur in der Land- und Forstwirtschaft, woran man immer als Erstes denkt, sondern weit darüber hinaus. An Dürre hängt ja, dass im Sommer zu wenig Wasser in den Flüssen ist, dass wir die Rohstoffe deshalb nicht an die Werke bekommen, dass die Produkte nicht wegkommen. Dass – auch aktuell wieder – die Kohle nicht an die Kraftwerke kommt, weil in den Flüssen zu wenig Wasser ist. Die Flüsse sind zu warm, so dass die thermischen Kraftwerke in ihrer Leistung reduziert werden, weil das Wasser die Kühlleistung nicht mehr bringt. Im Tourismus haben wir Auswirkungen, weil Menschen ganz klar sagen, in einem Gebiet, wo ich früher wandern war und wo heute kahle, tote Waldflächen sind, will ich keinen Urlaub machen. Dann die Seepegel, die gefallen sind, beispielsweise in der Mecklenburger Seenplatten, wo Schwimmbäder betroffen sind. Sie finden eigentlich in jedem Sektor Informationen zu Schäden. Schäden in Milliardenhöhe, die parallel auftreten.

Kann man diese Schäden beziffern?
Das ist schwierig, weil viele Faktoren eine Rolle spielen. Für Wälder sind 17 Milliarden Euro postuliert worden. Damit ist der Forst potenziell der am stärksten betroffene Bereich. In der Landwirtschaft spielen zum Beispiel die Marktpreise eine Rolle. Wenn Sie wenig Ertrag haben, aber hohe Marktpreise, dann haben Sie unter Umständen gar keine außergewöhnlichen Verluste.

Bleiben wir bei der Landwirtschaft. Wie sieht es mit den Ernteerträgen nach diesem trockenen Sommer aus?
Die Bilanz dieses Sommers wird für die Landwirtschaft nicht eindeutig sein. Es war insgesamt sehr trocken, aber im Mai waren die Böden in vielen Regionen Deutschlands noch gut durchfeuchtet. Das hat dazu geführt, dass das Wintergetreide einen durchschnittlichen Ertrag, in Mecklenburg-Vorpommern beispielsweise sogar einen deutlich überdurchschnittlichen Ertrag gebracht hat. Die wichtigste Feldfrucht in Deutschland ist also gut weggekommen. Ganz anders sieht das bei den Sommerkulturen aus. Für den Mais, der im Frühjahr ausgesät wird, steht es in Deutschland ziemlich schlecht. Auch bei Kartoffeln und Zuckerrüben werden die Erträge unterdurchschnittlich, zum Teil stark unterdurchschnittlich sein. Für einen Landwirt ist also entscheidend, in welcher Region er ist und wie stark er von einzelnen Feldfrüchten abhängt.

Dürre: 2018 war das Katastrophenjahr für die Landwirtschaft

Das ist ein andere Situation als im Dürresommer 2018 …
2018 war das Katastrophenjahr für die Landwirtschaft, weil es von März an besonders trocken war und es keine Erholungsphase über die ganze Vegetationsperiode gab. 2018 sind alle Feldfrüchte nacheinander ausgefallen. Damals waren die Ertragsausfälle flächendeckend in allen Kulturen.

Seit 2018 haben wir eigentlich kontinuierlich zu wenig Regen. Kann man von einer durchgehenden Dürreperiode sprechen?
In Teilen Deutschlands ja. Das trifft auf einen Streifen Brandenburg, Berlin, große Teile Sachsen-Anhalts, südliches Niedersachsen um Hannover bis in den Nordosten von Nordrhein-Westfalen zu. Hinzu kommen einige Teilregionen, Teile von Franken zum Beispiel, in denen es vier Jahre am Stück zu trocken war. So trocken, dass der Boden in größeren Tiefen nie richtig nass geworden ist. Da herrscht seit vier Jahren eine durchgehende Dürre.

Und in den anderen Regionen?
Vor allem im Westen Deutschlands bis runter nach Bayern war die Dürre unterbrochen. Von Januar bis Juni  2021 gab es dort überdurchschnittlichen Niederschlag, im Sommer folgte keine große Hitzeperiode, so dass sich die Dürre dort komplett aufgelöst hat. Dann ist sie über den letzten Winter, der wesentlich zu trocken und zu warm war, wieder neu ausgebrochen. Das Ganze wurde dann durch die außergewöhnliche sommerliche Hitze wieder befeuert.

Dr. Andreas Marx ist Leiter des Dürremonitors Deutschland am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig, der täglich flächendeckend Informationen über den Bodenfeuchtezustand in Deutschland liefert. Außerdem leitet er das Mitteldeutsche Klimabüro, das Politik, Behörden und Wirtschaft in Fragen der regionalen Anpassung an die Folgen des Klimawandels berät. (Bild: UFZ)

Trockenperioden hat es in der Vergangenheit immer wieder gegeben. Was ist diesmal anders?
Zwei Dinge sind anders als in den letzten Jahrzehnten. Wir hatten in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg einzelne Jahre – 1959 oder 1976 – in denen wir große Flächen unter Dürre hatten. Aber das waren immer nur Einzeljahre. Damals war es so, dass es so trocken war, weil es wenig Niederschlag gegeben hatte. Was heute anders ist, ist die sehr stark ausgeprägte Hitze in den Sommermonaten. Wenn sie viermal so viele heiße Tage über 30 Grad haben wie man das langjährig erwarten kann – 2018 und 2019 war das so – dann geht durch die Verdunstung unglaublich viel Wasser verloren. Das begünstigt, dass sich Dürren sehr schnell ausbilden, und dass es sehr schnell wieder trocken wird.

Was muss passieren, um die Dürre aufzulösen?
Das Beste ist fünf Grad und Nieselregen – das Wetter, das keiner haben will. Aber für die Bodenfeuchte und das Auffüllen der Grundwasserstände wäre das optimal. Das Ganze über etwa ein halbes Jahr. Ein halbes Jahr überdurchschnittlicher Niederschlag, wenig Vegetationsaktivität, also nicht im Sommerhalbjahr, und keine Hitzewellen. Das ist die Kombination, wobei man beachten muss, dass die Regionen innerhalb Deutschlands sowohl was das Klima als auch die Böden angeht sehr unterschiedlich sind.  

Was aber passiert, wenn sich die Situation nicht ändert? Wenn es also dauerhaft dabei bleibt, dass es zu wenig regnet?
Es wird sich ändern, das kann man ziemlich sicher sagen. Derzeit wird – auch in den Medien – angesichts des langen Dürre-Ereignisses, wie wir es so in Deutschland nicht kannten, der Eindruck erweckt, das würde jetzt für immer so bleiben. Dafür gibt es wissenschaftlich keine Grundlage. Aussagen, dass Deutschland austrocknet, sind nicht nur Quatsch, sie sind gefährlicher Quatsch, weil davon praktische Dinge abhängen, wie zum Beispiel die Vergabe von Trinkwasserrechten für Wasserversorger. Grundsätzlich darf eine Behörde ja keine Wasserrechte auf 20 oder 30 Jahre vergeben, wenn absehbar ist, dass es in 20 Jahren kein Grundwasser mehr gibt, das man fördern kann.

Zu einer solchen Situation wird es aber nicht kommen?
Das geben die vorliegenden Klimasimulationen und die Abschätzungen des Wasserhaushalts der Zukunft, nicht her. Eine Dürre ist ein Extremereignis und Extremereignisse gehen vorbei. Das ist wie bei einem Hochwasser, nur dass ein Hochwasser-Ereignis nach drei Tagen wieder vorbei ist. Das geht schnell. Bei der Dürre dauert es eben Monate bis sie sich ausgeprägt hat, und braucht etwa ein halbes Jahr bis sie wieder geht.

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Und dass die Dürre wieder geht, davon kann man also ausgehen?
Wir befinden uns in einem Ereignis, dass es mit großer Sicherheit im letzten Vierteljahrtausend so über Mitteleuropa nicht gegeben hat, jedenfalls nicht mehrere Jahre hintereinander wie 2018 bis 2020. Meine Kollegen Oldrich Rakovec und Rohini Kumar haben mit rekonstruierten Klimadaten bis 1766 zurückgeschaut und kommen genau zu diesem Schluss. Die Klimasimulationen, die für Deutschland vorliegen, zeigen auch unter unterschiedlichen Klimagasentwicklungen – von dem Erreichen des 1,5-Grad-Klimaziels bis hin zu einer Erwärmung Deutschlands um mehr als drei Grad – eindeutig, dass mit zunehmender Erwärmung der Jahresniederschlag in Deutschland leicht steigt. Vor allem der Winterniederschlag steigt, und im Winter ist die Grundwasserneubildung am höchsten. Es ist daher überhaupt nicht davon auszugehen, dass die Dürre ein Dauerzustand wird und dass Deutschland in Zukunft gravierende Trockenheitsprobleme zu erwarten hätte.

Die Klimaprognosen lassen aber erwarten, dass extreme Wetterereignisse künftig häufiger auftreten werden...
Ja, solche Dürre-Ereignisse über mehrere Jahre wie zur Zeit werden in Zukunft mit großer Wahrscheinlichkeit wieder auftreten. Und: Es sieht so aus, dass die Böden in Deutschland im Sommer künftig trockener werden. Das bedeutet, dass wir ein Managementproblem haben.

Was versteht man unter Wassermanagement?
In Deutschland müssen wir dafür sorgen, dass Wasser, das wir im Winter zu viel haben, in den Sommer hinein nutzbar zu machen. Um das zu schaffen, kann man an zwei Punkten ansetzen: Das Eine ist, das Angebot zu erhöhen, also dafür zu sorgen, dass mehr Wasser verfügbar ist, und das Zweite ist, den Wasserverbrauch zu senken.

Können Sie Beispiele nennen?
Nehmen wir die Wasserversorgung: Wir haben einige Regionen in Deutschland, in denen man schon seit Jahrzehnten Grundwasseranreicherung betreibt. Das bedeutet: Im Winter nehmen Sie aus Flüssen Wasser, das im Überfluss da ist, pumpen es raus und sickern es einige Kilometer weiter in das Grundwasser ein. Rund um Magdeburg macht man das schon seit 1935. Aber auch zum Beispiel in Hessen, in Dresden oder in Niedersachsen sind das mittlerweile erprobte Technologien. Oder nehmen Sie Talsperren: In der Vergangenheit hatten wir oft im Winter viel Schnee und im Frühjahr häufig Hochwasser-Ereignisse. Deshalb wurden vor dem Frühjahr Talsperren vorsorglich abgelassen und der Hochwasser-Stauraum frei gemacht. Das lief nach einem Jahresplan, und das hat sich schon geändert. Man macht das dynamisch, abhängig davon, wieviel Schnee im Einzugsgebiet einer Talsperre gefallen ist und wieviel Wasser man erwarten kann, und mit dem Ziel, die maximal mögliche Menge verfügbar zu machen, wenn es dann in den Frühling geht.

Das heißt also unter dem Strich: Sie sehen angesichts der Klimamodelle keinen Grund zur Sorge, dass Deutschland trocken fällt, wenn man sich entsprechend vorbereitet?
Wir sehen viele Prozesse, die sich klimabedingt verändern, die Anpassungsprozesse notwendig machen. Das wird in vielen Fällen Kosten verursachen, jedoch managebar sein. Und das ist der große Unterschied zum Mittelmeerraum, wo heute schon Wasser nicht nachhaltig genutzt wird, wo es schon wesentlich wärmer ist als bei uns. Gerade am Mittelmeer wird das Thema Hitze noch ein wesentlich Größeres werden, und da hat man nicht den günstigen Fall, dass die Niederschläge leicht steigen, sondern dort hat man mit zunehmender Erwärmung abnehmende Niederschläge. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man 2050 noch in der heutigen Form Landwirtschaft im Mittelmeerraum betreiben will. Heute schon wird dort für die Landwirtschaft mehr Wasser genutzt, als über den Regen erneuert werden kann. Und bei sich verschärfender Wasserknappheit sehe ich nicht, wie das funktionieren soll.

Wird aber das nicht Auswirkungen auf den Wasserhaushalt in Mitteleuropa haben, weil man helfen muss, Wasser ableiten muss?
Das ist die Frage der großen politischen Entscheidungen, ich halte das jedoch für unwahrscheinlich. Ich denke, dass sich die Wirtschaftsstrukturen werden ändern und an die veränderte Wasserverfügbarkeit anpassen müssen. Wir haben einen gemeinsamen Wirtschaftsraum, und Spanien, Italien, Griechenland sind Teil der EU, und deswegen wird uns das in jedem Fall betreffen. Auch wenn wir die direkten Folgen des Klimawandels nicht so hart spüren, werden uns in einer globalisierten Welt negative Veränderungen in anderen Teilen der Welt in jedem Fall treffen.

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