Edmund Stoibers Vermächtnis "Furztrockener Einserjurist"


Großartige Politik? Skurrile Reden? Was ist das politische, soziale und kulturelle Erbe des scheidenden CSU-Chefs Edmund Stoiber? Hans Well von der Volksmusik-Kombo "Biermösl-Blosn" hat sich dazu schwere und leichte Gedanken gemacht. stern.de hat ihn am Ammersee besucht.
Von Robert Kittel

"Überall in Bayern wird jetzt offen aufbegehrt, diese Wolfratshauser Weißwurst hat as Zwoifeleiten g'hört." Das perlt aus zwei Lautsprechern und stammt von einer CD. Von der Biermösl Blosn. Drei voralpenländische Brüder, wenig Tamtam, viel Gesang. Stoibers Vermächtnis heißt der Titel. Herausgegeben vom Verlag Antje Kunstmann in München.

Nach einem "Griasdi" und dem kurzen Vorspiel sitzen wir in der Küche. Am Tisch vom Well Hans, dem kreativen Kopf der Biermösl-Blosn. Er trägt Cordhose und ein Sweatshirt. Es sieht aus, als wäre es zuvor von einem hungrigen Köter zum Spielen benutzt worden. Er wohnt mit Frau und Kindern in einer alten Villa Kunterbunt. Mit Holzboden und viel Gerümpel im Flur. Es steht in Zankenhausen bei Türkenfeld, 16 S-Bahnstationen vom Münchner Marienplatz entfernt. Ein Idyll wie im Kinderbuch.

Es ist noch früh. Ein melancholischer Herbst bewacht das Dorf. Bayern steht vor einem großen Abschied. In ein paar Tagen verlässt der Ministerpräsident das Volk. Hans Well bezeichnet ihn anders: "Für mich ist er ein furztrockener Einserjurist". Hui. Der Mann wäre fast einmal Kanzler geworden. Anno 2002 hatten ihm ja nur 6000 Kreuzerl gefehlt. Auch wenn der Hans den Edmund als Innen oder Außenpolitiker nicht immer schätzte, dieses Detail bedauert auch der Biermösl-Kopf: "Was für einen legendären Schatz an 'Stoiberismen' wir da noch dazu bekommen hätten." Wahnsinn. Dann grinst er wie ein Lausbub. Und es gibt ein Haferl Milchkaffee.

Stoiberismen als verbales Dessert

"Ganz Deutschland lacht und spottet, jetzt lasst er d' Hosen runter, und alle sehen ganz deutlich: Da is' ja gar nichts drunter!"

Die "Stoiberismen", die Edmund Stoiber als "nur" CSU-Frontfigur lieferte, reichen für 75 Minuten gute Unterhaltung. Ein verbales Dessert. Komisch und tragisch zugleich. "Da ham mir gar nicht viel dazu tun müssen", sagt der Hans. Und verweist auf die Klassiker, die natürlich in voller Länge drauf sind: Der Münchner Hauptbahnhof, der näher an die ganze Welt heranrückt (wegen dem Transrapid "weil das ja ganz klar ist").

Die Blumen, die er, der Ministerpräsident, angeblich zuhause in Wolfratshausen jeden Morgen im Garten "hinrichtet". Der wissenschaftliche Unterschied vom "Normalbär" zum "Problembär". Und natürlich Bittersüßes aus dem Sabine Christiansen-Interview von 2002 ("…der fünfte und sechste Punkt ist dann, äh, ob ich auch die, äh, also, äh, also wenn andere Gründe sozusagen, äh, also aus dem Geschlecht oder ähnlichem stattfinden, also wenn Frauen, die wegen ihres Frauseins irgendwo verfolgt werden, äh…"). Hans Well und der Autor Jürgen Roth (nicht zu verwechseln mit dem Mafia-Jäger und Enthüllungsbuchautor) erklären solch verbale Kunststücke mit Denkern wie Kleist: "Im Sprechen denkt der Sprecher über das Sprechen nach." Und Wittgenstein: "Der Sinn der Sprache ist nicht durch ihren Zweck bestimmt." Stoiber im philosophischen Herbst seines Lebens. Da sickert gleich mehr Sonnenlicht ins Haus und der Hans schüttet Zucker nach.

"Er wollt ja unbedingt Kanzler werden"

Die CD plärrt:"Ganz tief in seinem Innersten, schrillt beim Edmund der Alarm, sogar der Markus Söder, will raus aus seinem Darm."

Puh. Wäre Stoiber ein paar Jahre früher dagewesen, es hätte ihn vielleicht nicht so hart getroffen. Ist aber nicht so. "Er wollt ja unbedingt Kanzler werden", sagt er. "Mit Politikern hab ich kein Mitleid. Warum soll man nicht über sie lachen, vor allem, wenn sie so was saukomisches absondern." Da hat er natürlich recht. Vor allem nach dem Genuss der kompletten CD. Stoiber ließ sich täglich in die Öffentlichkeit chauffieren. Jetzt nutzt sie ihn, solange er noch da ist.

Ein Ministerpräsident als tragischer Komiker, der vielleicht nur ein gewissenhafter Arbeiter seines Volkes sein wollte. Nachfolger Günther Beckstein wird im Stoiberschen Vermächtnis jedenfalls mit den Worten zitiert. "Wenn man Edmund Stoiber kennen will, muss man sich vorstellen, er würde in ein Hotelzimmer geführt, mit zwei Betten und in dem einen liegt eine fremde schlanke Nackte und in dem anderen eine dicke Akte, dann würde er auf den Leitz-Ordner zugehen." Die Muschi als Wegweiser seiner Karriere?

Wo kein Stoiber mehr ist, ist ein Beckstein

Hans Well sagt, für sein Geschäft ist das natürlich schade, wenn so einer weg ist. Die plötzlichen Chaostage im Januar kamen auch für ihn überraschend. Stoiber war zu gut, um ihn nicht zu vermissen. "Und zwar von Anfang an. Ich erinner mich noch an einen Auftritt in Steindorf bei Augsburg. Bierzelt. Da war Stoiber noch Generalsekretär. Und wurde begrüßt mit dem Lied "Schwarzbraun ist die Haselnuss". Die Rede hernach hat dem voll entsprochen!" Auch Wells Freund und Bühnenpartner, der Polt Gerhard, habe sich jedes Jahr zur Stoiberschen Neujahrsansprache Konfetti und Luftschlangen neben seinen Fernsehsessel gelegt. Kehraus reloaded. Allein die Vorstellung ist fünf Euro wert. Well: "Das stimmt. Das weiß ich praktisch aus erster Hand."

Aber wo kein Stoiber mehr ist, ist ein Beckstein. Und ein Huber vielleicht. "Hmja", sagt er da. Und das Mosaik winziger Zweifel legt sich in sein sonst so gelassenes Gesicht. Für Kabarettisten sind Politiker jenseits der Ideallinie das wichtigste Gut. "Becksteins Optik hat zumindest was lustiges. Dieses verschmitzte Fledermausgesicht. Aber der Huber ist natürlich besser. Der hat was bayerisch hinterfotziges. Hehe. Wenn der zwischen zwei Gartenzwergen steht, dann ist auch er eine Größe." Das sitzt. Wie die Liedtexte auf der CD.

Eine große Ähäpoche

"Unwiderruflich dämmert in Bayern die Zeitenwende Eine große Ähähpoche, geht ähähndlich zu Ähähnde."

Die Biermösl-Buben und Jürgen Roth haben ein großes Potpourri der "Stoiberschen Bavaristik" zusammen gesammelt. Schauspieler Jörg Hube und Partner Gerhard Polt veredelten die Scheibe noch mit ein paar Kommentaren. Es wird nicht das letzte Vermächtnis eines Politikers bleiben. Die Biermösl-Blosn arbeiten dran, sagt der Hans. Und trinkt aus. Er muss wieder rauf, in die Schreibstube. Was machen? "Abschiedslaudatio schreiben." Welches Thema? "Raten Sie mal."

Ja Pfiati dann.


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