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Ehemaliger RAF-Helfer: Der Ankläger und sein Informant

Zwei ehemalige RAF-Helfer wurden nach ihrer Festnahme Informanten der Bundesanwaltschaft. stern.de veröffentlicht erstmals vertrauliche Gesprächsprotokolle zum Innenleben der RAF.

Von Martin Knobbe

Sie waren die besten Informanten der Bundesanwaltschaft, in der RAF-Szene hießen sie bald nur noch "Die Meistersänger": Die ehemaligen RAF-Helfer Volker Speitel und Hans-Joachim Dellwo lieferten den Anklägern aus Karlsruhe wichtige Informationen aus dem Innenleben der RAF. Sie lüfteten vor allem eines der größten Geheimnisse, nämlich wie die Waffen in den Hochsicherheitstrakt von Stuttgart-Stammheim gelangt waren, mit denen sich Andreas Baader und Jan-Carl Raspe erschossen hatten.

Volker Speitel erzählte den Bundesanwälten als erster von dem Trick: Die vertraulichen Akten von Verteidigern der RAF-Häftlinge wurden so manipuliert, dass man darin eine Waffe ohne Griffschalen verstecken konnte. So gelangten drei Pistolen und Sprengstoff unbemerkt in den siebten Stock von Stammheim.

Bundesanwalt Joachim Lampe hatte am meisten mit Volker Speitel zu tun. Nachdem Speitel am 2. Oktober 1977 im Skandinavien-Express an der deutsch-dänischen Grenze festgenommen worden war, besuchte ihn Lampe fast jeden Tag in der Untersuchungshaft. Langsam fasste Speitel Vertrauen zu seinem Gesprächspartner. Nach den Selbstmorden von Stammheim und dem Tod von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer am 19. Oktober 1977 begann er zu erzählen.

Aus Angst packte er aus

"Er dachte, der Staat mache nun 'tabula rasa'. Er hatte wahnsinnige Angst, deshalb hat er ausgepackt", erinnert sich Lampe heute. Über seine inoffiziellen und vertraulichen Gespräche fertigte der Bundesanwalt Gedächtnisprotokolle an, die stern.de nun erstmals in Auszügen veröffentlicht. Erst sehr viel später war Speitel bereit, sich auch offiziell vernehmen zu lassen.

Speitel erzählte in den vertraulichen Gesprächen etwa, wie Informationen aus Stammheim an die RAF-Helfer in Freiheit gelangten, über heimlich geschmuggelte Botschaften, sogenannte Kassiber. "Über alle Sachen wurde mit drinnen diskutiert. Alle Kisten liefen über den Knast", berichtete Speitel. "Die Briefe gingen meist mit Tesafilm zugeklebt und auch sonst noch gesichert von drinnen an das Büro. Das machte Müller, vereinzelt auch Newerla, ganz selten auch Croissant. Von dort brachten ich oder Elisabeth sie zu den Illegalen. Das nannten wir 'Postmachen'."

Kanzlei Brücke zwischen Untergrund und Öffentlichkeit

Zentrale Anlaufstelle für die RAF-Helfer war die Stuttgarter Kanzlei des Rechtsanwaltes Klaus Croissant. Sie war die Brücke zwischen Untergrund und Öffentlichkeit, zwischen "illegalen" und legalen Helfern der RAF. Dass die Anwälte von den RAF-Terroristen größtenteils nicht ernst genommen wurden, bestätigte Speitel gegenüber dem Bundesanwalt: "Zu sagen haben sie nichts. Croissant ist für eine konspirative Tätigkeit nicht geeignet; er ist so tapsig und lässt Briefe von drinnen auf seinem Schreibtisch rumliegen. ... Den Alten (Croissant) konnte man aber immer losschicken, er brachte immer Geld; er kannte auch eine Menge Frauen, die ihm Geld gaben. ... Der Alte war wegen seiner Tappsigkeit und weil er vom Format her wohl nie ein Schily wird, nicht länger tragbar. Das war meine Meinung und die von drinnen. Er musste weg. Ich hatte an die DDR gedacht. Das wurde nichts. Ich rechne es mir zu, ihn überredet zu haben, nach Frankreich zu gehen." Die Anwälte von RAF-Gefangenen hatten auch enge Verbindungen zur DDR, wie Speitel in den Gesprächen betonte. "Es stimmt, Ströbele hat gute Kontakte zur DDR, namentlich zu Professor Kaul. Auch der Alte (Croissant) hat einige Male mit Kaul gesprochen."

Volker Speitel wurde später zu drei Jahren und zwei Monaten verurteilt. Seine Bereitschaft, über die RAF auszusagen, wurde beim Strafmaß berücksichtigt. Der andere Informant, Hans-Joachim Dellwo, bekam zwei Jahre. Beide erhielten mit Hilfe des Bundeskriminalamtes eine neue Identität, Dellwo lebt heute in Kanada, der Aufenthaltsort von Speitel ist unbekannt.