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Fall Khafagy: "Wer hat mir das angetan?"

Am 25. September 2001 wurde der in München lebende Ägypter Abdel Halim Khafagy von Amerikanern verschleppt. Bis heute weiß er nicht, warum. Nun diskutiert der BND-Untersuchungsausschuss den Fall. stern.de hat mit Khafagy und seiner Tochter Ahlam gesprochen.

Herr Khafagy, Sie leben seit 1979 in München. Zwei ihrer fünf Kinder wurden in Deutschland geboren und vier haben die deutsche Staatsbürgerschaft. Die Deutschen haben in Ihrer Familie also die Mehrheit?

Abdel Halim Khafagy: Ich habe Deutschland fünf Kinder gegeben. Sie studieren, sie arbeiten. Alle sprechen Deutsch. Viel besser als ich.

Sind Sie eine typisch Münchner Familie, auch wenn Sie vielleicht als Moslems nicht ins Bierzelt gehen?

Ahlam Khafagy: Doch, natürlich gehen wir auf die Wiesn oder auch zu Betriebsfesten. Wir müssen ja kein Bier trinken und können trotzdem dabei sein und Spaß haben.

Sie sehen sich als gut integriert?

Ahlam Khafagy: Die Leute hier kennen uns seit dem Kindergarten. Wir haben viele deutsche Freunde. Manchmal ärgern wir uns, wenn unsere Religion falsch dargestellt wird. Zum Beispiel der Ausdruck Djihad. Djihad heißt eigentlich, den eigenen Schweinehund zu überwinden. Wenn jemand raucht und damit aufhören möchte, dann ist das Djihad. Es gibt tausende kleine Dhijads im Leben. Es gibt nicht nur diesen heiligen Kampf und Blut und Tod.

Warum kam Ihre Familie 1979 nach Deutschland?

Ahlam Khafagy: Mein Vater hatte hier Freunde und Europa ist natürlich immer ein schönes Ziel für Menschen aus dem arabischen Raum.

Herr Khafagy, Sie haben in Ägypten Jura studiert?

Abdel Halim Khafagy: Vier Jahre lang.

Dann kamen Sie in Ägypten 16 Jahre ins Gefängnis. Warum?

Abdel Halim Khafagy: Ich hatte einen Teil meines Hauses verkauft und damit den Familien von Männern geholfen, die man ins Gefängnis geworfen hatte, weil sie bei den Muslimbrüdern waren. Die Frauen und Kinder hatten niemand, der sie unterstützte. Ich hatte gedacht, die Regierung würde mir dafür danken...

Dann kam der September 2001 und Sie waren in Bosnien...

Ahlam Khafagy: Mein Vater war zusammen mit seinem Schwager in Bosnien, um Korrekturfahnen der bosnischen Koranbände zu kontrollieren, die wir dort für seinen Verlag drucken ließen. Dann kam der Anschlag vom 11.September. Wir haben mit ihm telefoniert und ihm gesagt: Bitte Papa, komm zurück! Wir haben Angst!

Warum Angst?

Ahlam Khafagy: Wir wussten nicht, was passiert. Da will man lieber zusammen sein als Familie.

Als Ihre Tochter Ihnen am Telefon sagte: Komm nach Hause! Was haben Sie geantwortet?

Abdel Halim Khafagy: Ich habe gesagt, macht Euch keine Sorgen! Wir machen unsere Arbeit fertig, und dann kommen wir.

Am 25. September, nur gut vierzehn Tage nach dem Anschlag von New York, wurden Sie in Ihrem Hotelzimmer abgeholt...

Abdel Halim Khafagy: Mein Schwager und ich, wir saßen nebeneinander im Hotelzimmer und haben die Korrekturarbeiten gemacht. Plötzlich wurde die Tür aufgebrochen. Zehn oder mehr Männer in Uniform kamen herein. Sie schlugen mich überall, aber vor allem auf den Kopf. Es hat sehr geblutet.

Hat Sie jemand behandelt?

Abdel Halim Khafagy: Noch im Hotel haben sie mich genäht, aber ich glaube es war ein anderes Zimmer.

Es gab keine Narkose?

Abdel Halim Khafagy: Nein.

Was passierte dann?

Abdel Halim Khafagy: Sie hatten ein Auto und dann einen Helikopter. Damit brachten Sie mich und meinen Schwager in das Gefängnis.

Wie sah es da aus?

Abdel Halim Khafagy: Das waren Container, ohne Fenster. In den Gängen lagen Teppiche. Auf dem Boden der Zelle gab es eine Decke, aber keinen Stuhl, keinen Tisch und kein Bett. Sie haben immer wieder plötzlich die Tür aufgerissen und das Gewehr auf mich gerichtet. Dann bin ich jedes mal aufgesprungen.

Die Männer kamen immer wieder?

Abdel Halim Khafagy: Immer wieder, mit Gewehren in der Hand. Dann haben sie die Tür wieder zugemacht.

Bekamen Sie zu essen?

Abdel Halim Khafagy: Das Essen war gut. Dreimal am Tag auf einem Tablett. Fleisch und Gemüse.

Durften Sie manchmal an die frische Luft?

Abdel Halim Khafagy: Nein.

Wieviele Leute waren das, die die Tür aufgerissen haben und das Essen brachten?

Abdel Halim Khafagy: Immer wieder andere. Sie haben nicht gesprochen. Aber ihre Gesichter haben mir Angst gemacht. Dann wurde ich jeden Tag verhört.

Wer hat Sie verhört?

Abdel Halim Khafagy: Drei Soldaten haben mich jedes mal abgeholt, mit verbundenen Augen. Dann sah ich den Vernehmer. Es war jedes mal jemand anderes. Hinterher wurden mir die Augen wieder verbunden und ich wurde weg geführt.

Gab es da Leute, die sagten, Sie seien Deutsche?

Abdel Halim Khafagy: Das haben sie nicht gesagt. Aber ich habe das gespürt.

Wieviele?

Abdel Halim Khafagy: Ich weiß es nicht mehr genau.

Ihr Schwager war im selben Gefängnis?

Abdel Halim Khafagy: In einer anderen Zelle. Ich habe gehört, dass er nach mir gerufen hat. Später hat er mir erzählt, er habe immer meinen Namen geschrien, wenn er gerade geschlagen wurde.

Haben Sie in dem Gefängnis andere Gefangene gesehen?

Abdel Halim Khafagy: Nein.

Die Nato-Schutztruppe SFOR hat nach der Verhaftung in dem Hotel im Oktber 2001 erklärt, die Festgenommenen – also Sie - hätten womöglich mit Al Kaida in Verbindung gestanden. Hatten Sie Kontakte zu Terroristen?

Abdel Halim Khafagy: Damit habe ich nichts zu tun. Moslems sind niemals für Gewalt, niemals.

Frau Khafagy, wie haben Sie von der Festnahme erfahren?

Ahlam Khafagy: Wir bekamen im Verlag einen Anruf aus dem Hotel Hollywood, unser Vater sei blutüberströmt abgeführt worden. Dann haben wir unseren Anwalt eingeschaltet. Der hat versucht, heraus zu finden, was passiert ist. Und wir haben Briefe geschrieben, auch an die ägyptischen Botschafter in Bosnien und Deutschland.

Sie hatten Angst?

Ahlam Khafagy: Natürlich hatten wir Angst. Wir haben Tag und Nacht geweint.

Wann haben Sie erfahren, dass Ihr Vater noch lebt?

Ahlam Khafagy: Als das Schreiben von der SFOR kam, vier Tage nach der Festnahme. Aber die SFOR hat behauptet, es gehe ihm gut.

Wussten Sie, was ihm vorgeworfen wird?

Ahlam Khafagy: Das haben sie nicht mal unserem Anwalt gesagt. War es eine Verwechslung? Was war es? Wir wissen es bis heute nicht.

Wie war das, als Ihr Vater wieder in München ankam?

Ahlam Khafagy: Er kam durch die Haustür rein und wir sind ihm in die Arme gefallen. Wir waren so froh, dass er noch ganz war. Obwohl er diese große Narbe am Kopf hatte. Aber er hatte noch beide Augen, Arme, Beine. Er möchte immer zeigen, dass er ein starker Mann ist. Aber er war sehr zerbrechlich und wenn er von seiner Geschichte erzählt hat, haben wir nur geweint.

Hat Ihr Vater bleibende Verletzungen?

Ahlam Khafagy: Er kann seine Daumen nicht richtig benützen, wenn er zum Beispiel die Teetasse nimmt. Ich glaube, das kommt von den Handschellen. Er kann nicht allein sein. Und nachts muss immer das Licht an bleiben, seit dieser Sache. Wenn wir mal nicht da sein, geht er zu Freunden.

Der Untersuchungsausschuss beschäftigt sich jetzt mit Ihrem Fall. Was sollten die Politiker in Berlin tun?

Abdel Halim Khafagy: Ich will wissen, wer mir das angetan hat. Und warum. Ich konnte nach der Sache in Bosnien meinen Verlag nicht mehr richtig führen. Vorher konnte ich viele wichtige Bücher herausgeben. Ich habe selbst ein Buch geschrieben über das, was nach dem Tod geschieht. Das ist schade, dass ich da nicht weiter machen konnte.

Was hätten Sie sich im Jahr 2001 von den deutschen Behörden erhofft?

Ahlam Khafagy: Ich hätte mir erhofft, dass sie uns genau sagen, womit das alles zu tun hatte. Wofür wurde er beschuldigt? Fanden Sie seine Bücher nicht so toll? Es ist nicht in Ordnung, einfach still zu halten, wenn ihm Unrecht zugefügt wird. Wir leben nicht hinter dem Mond. Wir sind alle gebildet. Man kann miteinander reden.

Man hat Sie auflaufen lassen?

Ahlam Khafagy: Genau. Wir wissen nicht: Wer hat ihn verhört? Wer wusste Bescheid? Man hat uns in die Irre geführt und zwar absichtlich. Als er nach Hause kam nach der Entführung, wurde er zum Verhör geladen, also haben die deutschen Behörden doch Bescheid gewusst. Wenn danach etwas passierte, zum Beispiel bei dem Anschlag in London, wurde er in das Landeskriminalamt geladen, als Zeuge. Aber das geht nicht, dass wir da immer eingeladen werden. Wir haben damit nichts zu tun. Wir sind keine Terroristen.

Die SPD hat im Untersuchungsausschuss die Frage nach Ihrem Verhältnis zu den radikalen ägyptischen Muslimbrüdern gestellt. Sind Sie dort Mitglied?

Abdel Halim Khafagy: Nein.

Sie als gläubiger Moslem: Stört es Sie, dass einer Ihrer Söhne eine christlich-orthodoxe Lebensgefährtin hat?

Ahlam Khafagy: Er mag sie total gerne!
Abdel Halim Khafagy: Es gibt eben nicht nur Schwarz oder weiß. Moslems respektieren alle Religionen! Das ist die Wahrheit. Jeder hat das Recht Christ, Jude oder Moslem zu sein.
Ahlam Khafagy: Das hat er uns auch beigebracht, dass wir in der Schule keine Witze reißen über andere Nationen. Wir dürfen uns nicht lustig machen, sei es über Türken oder wen auch immer.

Ihr Vater macht einen recht gelassenen Eindruck, wenn er über das spricht, was ihm passiert ist.

Ahlam Khafagy: Wir sind überzeugt, dass Gott alles sieht. Jeder bekommt seine gerechte Strafe. Wenn nicht jetzt, dann später. Deshalb nehmen wir alles an. Wenn man den Schuldigen nicht finden kann für das, was meinem Vater passiert ist, dann heulen wir nicht rum. Dann geht das Leben weiter. Und eines Tages kommt die Wahrheit ans Licht.
Abdel Halim Khafagy: Ich danke Ihnen, dass Sie gekommen sind. Das nächste mal werde Ihnen ein schönes Buch mitbringen. Wie kann man die Welt ändern? Mit Krieg? Nein. Aber mit Büchern kann man die Welt verändern.

Interview: Hans-Martin Tillack, Frauke Hunfeld / print