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Fankultur der Fußball-WM: Linke Politikerin will das "wir" streichen

Direkt nach dem Sieg der Nationalelf twitterte die linke Bundestagsabgeordnete Halina Wawziniak, die Sportler hätten gewonnen - "wir haben damit nix zu tun." Die Reaktionen folgten prompt.

Halina Wawzyniak wollte in den allgemeinen Jubel nicht einfallen. Den Titel haben die Spieler gewonnen, nicht das Land.

Halina Wawzyniak wollte in den allgemeinen Jubel nicht einfallen. Den Titel haben die Spieler gewonnen, nicht das Land.

Deutschland im Taumel, überall Fahnen, Jubel, wildfremde Menschen liegen sich in den Armen, es wird Bier getrunken, als würde es demnächst abgeschafft. So war es Sonntagnacht, nach dem furiosen Finale der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien, das Mario Götze mit einem technisch brillanten Tor (1:0) für die deutsche Nationalelf entschied. Ein Land auf Wolke 7.

Das ganze Land? Nein. Es gab auch kritische Stimmen. Zum Beispiel die der linken Bundestagsabgeordneten Halina Wawzyniak. Sie twitterte um 00.34 Uhr:

Nanu - war da jemand entnervt, schlecht gelaunt, eine Spaßbremse? Nein. Halina Wawzyniak meinte ihre Kritik politisch, aber Argumente lassen sich nun mal kaum in 140 Zeichen darstellen. Deshalb sah es so aus, als säße eine verbiesterte Spielverderberin an der Tastatur - eine Steilvorlage für die politische Konkurrenz. Patrick Kurth, Generalsekretär der FDP Thüringen, reagierte als Erster.

Renate Künast, Ex-Fraktionschefin der Grünen, stieg ebenfalls ein.

Am schärfsten kritisierte der Parlamentarische Geschäftsführer der Union.

Aber auch Privatleute twitterten Wawzyniak an, beschimpften sie ("vaterlandslose dumme Kuh", "hässliche Kampf-Lesbe") - oder empfahlen ihr unumwunden, das Land zu verlassen. Ein User schrieb auf Wawzyniaks Facebook-Seite: "Ich hoffe zutiefst, dass Sie genauso wie ihre Partei eine Quittung für diesen bodenlosen Unfug erhalten werden, den sie beizeiten aus sich auslassen, wenn die Gutmenschlichkeit zu stark in den Fingern juckt." Die Mails, die in ihrem Büro ankamen, waren nicht freundlicher, sagte einer ihrer Mitarbeiter stern-Online. Was bedeutet, dass Wawzyniak zumindest einen wunden Punkt getroffen hat. Kaum einer will sich das "wir" verbieten lassen, wenn es um Spiele der Nationalmannschaft geht, die Identifikation Fan=Sportler=Land scheint in Beton gegossen.

Nun ist es nicht so, als hätte Wawzyniak niemanden vorgewarnt. In einem Beitrag für die die linke Wochenzeitschrift "Jungle World", der bereits am 3. Juli veröffentlicht wurde, schrieb sie, die "Fußball-WM" sei ein "Herrschaftskonstrukt": "Millionäre kleistern für wenige Wochen die herrschenden sozialen Unterschiede zu." Darüber hinaus sei es schlecht, dass sich Teams von Nationalstaaten gegenüber stünden. Sie habe ja nichts gegen ein schönes Spiel, aber das ganze "Nationalblabla" gefalle ihr nicht, verteidigte sie sich auf Twitter.

Ist das "wir" falsch, müssen die Nationalteams aufgelöst werden?

Ein Spieler, ein Los - irgendeine Mannschaft

Da es viele immer noch nicht verstanden hatten, legte Wawzyniak einen längeren Blog nach, in dem sie argumentierte, das "wir" sei ausgrenzend - "wer 'wir' sagt, der sagt auch 'ihr'. Wer 'wir' sagt, der sagt auch 'die'" - und fördere den Nationalstolz. Beides sei problematisch. "Ich glaube ja, dass es Zeit ist das Denken und Handeln in Nationalstaaten und Staatsbürgerschaften zu überwinden", schreibt die Politikerin. "Ein Mensch ist ein Mensch und sollte ohne Rücksicht auf Staatsbürgerschaften als solcher behandelt werden."

Wie sich das beim Fußball einlösen ließe, weiß Wawzyniak auch schon. Ihrer Ansicht nach sollten bei einer WM die Spieler per Los einer Mannschaft zugeteilt werden. Das würde es unmöglich machen, dass Nationalmannschaften gegeneinander antreten. Aber, Hand aufs Herz: Ist das wirklich eine praktikable Idee? Ein User erwiderte auf Wawzyniak Facebookseite, das Land habe sich verändert, es sei sinnlos, immer wieder die Furcht vor einer dunklen Vergangenheit zu bewschwören. "Wir können die Fahne schwenken und 'Nazis raus!' rufen. Das ist kein Widerspruch. Der Mensch kann sich weiterentwickeln. Daran glauben WIR."

Wawzyniak war für Rückfragen des stern nicht zu erreichen. Sie sei bereits auf dem Weg in den Urlaub, hieß es in ihrem Büro.

lk/mar