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Personalfragen bei den Linken: Lafontaine, die Linke und Gysis "Spieltrieb"

Bloß keine Personaldebatte - so hieß es bei der Linken nach den Wahldebakeln in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg. Jetzt löste Fraktionschef Gysi gerade diese aus, indem er laut über ein Comeback von Lafontaine nachdachte. Parteichefin Lötzsch "schießt" zurück.

Seit fast einem Jahr ist die Linke-Doppelspitze aus Gesine Lötzsch und Klaus Ernst im Amt. Doch die Kritik an den beiden reißt auch in der eigenen Partei nicht ab. Als Retter in der Not war der frühere Parteichef Oskar Lafontaine immer wieder mal im Gespräch - jetzt nährte Fraktionschef Gregor Gysi höchstpersönlich Spekulationen über ein mögliches Comeback des Saarländers. Dabei wollte die Linke eine Personaldebatte im Superwahljahr 2011 eigentlich tunlichst vermeiden. Gysi gerät nun selbst stärker in die Kritik - insbesondere Parteichefin Lötzsch findet deutliche Worte.

"Gysi muss seinen Spieltrieb ein bisschen zügeln. Politik ist kein Spiel", schießt sie im "Tagesspiegel" gegen den Fraktionschef. Sie macht klar, dass sie nicht plant, vorzeitig das Handtuch zu werfen: "Wir sind bis Frühjahr 2012 gewählt. Das sollten alle akzeptieren." Vize-Parteichefin Halina Wawzyniak springt dem Führungsduo zur Seite. Für sie hat die Frage nach der künftigen Strategie der Partei weitaus höhere Priorität. "Es hilft ja nichts, eine Strategie nicht zu klären und dann über Personal zu spekulieren", sagt sie im Deutschlandfunk. Auf die Frage, warum Gysi über Lafontaine nachdenke, antwortet sie spitz: "Da müssen Sie Gregor Gysi fragen."

Der so Gescholtene hatte Mitte der Woche erklärt, Lafontaine schließe eine Rückkehr in die Bundespolitik für Notsituationen nicht aus. Was eine Notsituation ist, ließ er offen. Für manche ist sie vielleicht gar nicht so weit weg: Bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz verpasste die Linke das selbst gesteckte Ziel, den Einzug in die Parlamente. Die Parteiführung wies danach jede Mitschuld von sich und führte die Atomkatastrophe in Japan als Grund für das Wahldebakel an. Dadurch hätten die Bürger anderen Themen eine höhere Priorität zugemessen als den Themen der Linken - zu denen die Atompolitik bislang nicht gerade gehört.

Nicht vergessen sind auch die von Lötzsch fahrlässig losgetretene Kommunismusdebatte zum Jahreswechsel und die Diskussion um den Lebensstil von Klaus Ernst, der von manchen in der Partei, die die Belange der kleinen Leute vertreten will, als zu luxuriös empfunden wird. Die Linke, die 2007 aus der Fusion von PDS und Wahlalternative Arbeit und Soziale Gerechtigkeit hervorging, bleibt gespalten - zwischen Ost und West, Fundis und Realos. Eine Führungsdebatte zum jetzigen Zeitpunkt halten viele Linke, die mit Lötzsch und Ernst unzufrieden sind, aber für schädlich. Sie verweisen auf die noch anstehenden Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern, Bremen und Berlin.

Lafontaine selbst hatte Gerüchte um eine mögliche Rückkehr genährt, als er vor einem Monat in einem Interview verkündete, er sei wieder gesundheitlich fit. Es war eine Krebserkrankung, die den heute 67-Jährigen vor einem Jahr zum Rückzug vom Parteivorsitz brachte. Im Wahlkampf und bei Talkshows mischt er aber nach wie vor mit. An der Installation des Führungsduos Ernst und Lötzsch als Nachfolge für die abgetretenen Zugpferde Lafontaine und Lothar Bisky war Gysi maßgeblich beteiligt. Dass er nicht ganz zufrieden ist mit den beiden, ist bekannt. Warum Gysi aber ausgerechnet jetzt wieder Lafontaine in Spiel bringt, darüber rätseln nun viele.

Vielleicht ist es eine Aufforderung an Lötzsch und Ernst, nun endlich in die Puschen zu kommen? Oder eine Drohung an alle, die zwar über einen Sturz der Doppelspitze nachdenken, aber nicht Lafontaine wollen? Die Führungsdebatte jedenfalls geht munter weiter.

Bettina Grachtrup, DPA / DPA