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Jahresauftakt bei der Linken Es gibt nur einen Chef - Gregor Gysi


Sie streiten oft wie ein Ehepaar um die offene Zahnpastatube: Gesine Lötzsch und Klaus Ernst stehen der Linkspartei vor. Das Sagen aber hat ein anderer: Gregor Gysi darf während des politischen Jahresauftakts der Partei nicht nur doppelt so lange reden, sein Wort hat auch doppeltes Gewicht.
Hans-Peter Schütz, Berlin

Als die Berliner Linkspartei-Fans ins Congress Center am Alexanderlatz kommen, können sie die innere Krampflage ihrer Partei schon an der Sitzordnung ablesen. Erst Reihe, Mitte: Hier müssen die Parteivorsitzenden Gesine Lötzsch und Klaus Ernst nebeneinander sitzen. Miteinander haben sie wenig bis nichts im Sinn. Aber an diesem Montag muss das sein, nachdem sie sich lange genug die Ellbogen in die Seiten gerammt haben.

Es ist auch so schwer genug für Ernst. Zu seiner Linken sitzt Halina Wawzyniak, stellvertretende Parteivorsitzende. Zwischen Uli Maurer, parlamentarischer Geschäftsführer, und Ex-Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch, der sich in der neuen Führung chronisch unterbewertet fühlt, haben sie Dagmar Enkelmann platziert. Man weiß ja nie, wie sie in der Linkspartei derzeit miteinander umgehen. Maurer und Bartsch plaudern lächelnd miteinander. Ganze drei Sekunden lang. Lötzsch wiederum grüßt Bartsch fast liebevoll, Maurer übersieht sie. Wer wen küsst, wer wen umarmt oder nur die Hand gibt – es wird scharf vom Publikum beobachtet.

Verfassungsschutz auf den Hinterbänken?

Ein Glücksgriff, dass die Linkspartei für die musikalische Intonierung ihres Jahresauftakts Sebastian Lohnse & Die Feine Gesellschaft engagiert hat. Ein Liedermacher, der romantische Klangsprache mit eindeutigen Texten zu verknüpfen versteht. "Die Richtung stimmt", turnt er sein Publikum an. "Geht nicht, gibt's nicht", legt er als Devise vor. Das linke Publikum liebt ihn dafür, wie der Beifall verrät. Erst recht, als die Frage gestellt wird, ob der Verfassungsschutz, beauftragt von der CSU, auf den hinteren Bänken sitze.

Da wäre in der Tat im Ernstfall eines Parteiverbots nichts vor Gericht Verwertbares zu notieren gewesen. Nichts zum Thema Kommunismus-Verherrlichung, nichts zum Verdacht des Schäkerns mit dem Neostalinismus. Nicht mal eine Hymne auf Rosa Luxemburg wurde gesungen. Harmonisch wurde von allen angestimmt: Wir sind für den demokratischen Sozialismus. Ihn beschworen alle Redner als gemeinsame Identität.

"Haken wir uns unter"

Vorneweg, bis auf die Sekunde der ihr erlaubten 20 Minuten Redezeit genau, Gesine Lötzsch. "Haken wir uns unter" war die rednerische Maxime der Frau, die nur Tage zuvor die Linkspartei auf den Weg "in den Kommunismus" hatte schicken wollen. Ihren Gefolgsleuten versicherte sie jetzt, sie sei "mit Haut und Haaren Demokratin." Applaus, Applaus! Auch vom Co-Parteivorsitzenden Ernst. "Der kämpft wie ein bayerischer Löwe", bediente ihn Lötzsch sogleich. Man dürfe sich nicht streiten wie ein Ehepaar um eine offen gelassene Zahnpastatube, fügte sie mit Blick auf Ernst an. Applaus, Applaus! Zwar komme nicht jeder mit der bayerischen Sprache von Ernst zurecht, gestand Lötzsch, "aber wir verstehen uns prima." Kein Applaus. Gelächter.

Was blieb da dem Vorsitzenden Ernst als ebenfalls 20 Minuten auf Friede, Freude, Freundschaft zu machen!? Brav geschah es mit einem Satz, den jeder Berliner nur als bayerische Bosheit verstehen kann: "Dass Hertha BSC deutscher Fußballmeister wird, ist sehr viel wahrscheinlicher als Kommunismus in Deutschland." Um Kampfgeist zu beweisen, stand die Genossin Lötzsch nicht mehr zur Verfügung. Blieb nur noch der SPD-Genosse Sigmar Gabriel: Der betreibe "vorgezogenen Wahlbetrug", wenn er jetzt schon politische Reformen verspreche. Ernst: "Denn ohne uns läuft nichts."

Gysi gibt die Richtung vor

Ein Glück fürs Publikum, dass zu diesem Zeitpunkt die Frage aller Fragen in der Linkspartei schon beantwortet war: Wer ist denn nun die Nummer eins der Linkspartei? Ernst oder Lötzsch? Beide vertreten offenbar Positionen, die in der Partei keine Mehrheit finden.

Die Antwort gab, zumindest zum Auftakt des Jahres, in dem die Linkspartei bei sieben Landtagswahlen um ihre Zukunft kämpft, Gregor Gysi. Es sprach ein Übervater zu den ungezogenen Gören der Partei. Personaldebatten seien ab März 2012 erlaubt, "bis dahin Maul halten!" Die Lötzsch-Linie radierte er bis zum letzten Buchstaben aus. "Wir waren keine kommunistische Partei, wir sind keine kommunistische Partei, wir werden nie eine kommunistische Partei werden." Das war die Chef-Order. Genossin Lötzsch klatschte brav.

"Generalprobe ist voll missglückt"

Der Fraktionsvorsitzende Gysi, das war allen Parteifreunden nach dessen mit 40 Minuten doppelter Redezeit im Vergleich zu den beiden Parteivorsitzenden unmissverständlich klar, hat das Sagen. Das heißt aus seiner Sicht: SPD-Chef Gabriel redet "blanken Blödsinn", wenn er eine Koalition auf Bundesebene mit der Linkspartei ablehnt. Gysi rät von Anbiederung bei der SPD strikt ab, Nähe müsse durch Stärke der Linkspartei erzwungen werden. Ohne flächendeckenden Mindestlohn läuft nichts mit der Linkspartei, fünf bis zehn Prozent mehr Lohn müssten her, weg mit Hartz IV und Ehegattensplitting, her mit einer Millionärssteuer und einer Erbschaftssteuer, die Großvermögen nicht tätschelt.

Die unumstrittene Autorität, die Gysi derzeit in der Linkspartei genießt, dokumentiert sein heftig umjubelter Schluss-Satz: "Die Generalprobe ist voll missglückt", rügte er die von Lötzsch losgetretene Kommunismus-Debatte. Alle klatschten, auch Lötzsch. "Jetzt muss die Premiere glücken." Will heißen: Zulegen bei allen sieben Landtagswahlen.


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