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Kommentar

Alexander Graf Lambsdorff: Angebot von FDP-Vorstand an alleinerziehende Frauen: Kauft Euch doch 'ne Immobilie

Politiker sehen sich schon lange dem Vorwurf ausgesetzt, sie hätten den Kontakt zum "einfachen Bürger" verloren. Alexander Graf Lambsdorff hat diese Auffassung jetzt eindrucksvoll bestätigt, findet stern-Redakteur Marc Drewello. Eine persönliche Abrechnung mit den Aussagen des FDP-Vorstands.

Alexander Graf Lambsdorff, Vize-Präsident des Europäischen Parlaments und Mitglied des FDP Präsidiums

Weltfremde Ratschläge für Alleinerziehende: Alexander Graf Lambsdorff, Vize-Präsident des Europäischen Parlaments und Mitglied des FDP Präsidiums

Wer Böses will, könnte allein schon wegen seines Namens vermuten, dass Alexander Sebastian Léonce Freiherr von der Wenge Graf Lambsdorff die Not der "kleinen Leute" nur aus ziemlich weiter Ferne kennt. Wer handfestere Belege dafür möchte, braucht sich bloß anzusehen, wie das Präsidiums- und Vorstandsmitglied der alleinerziehenden Frauen seine Partei schmackhaft machen will. Ich habe es mir angesehen und sofort gedacht: Super, das werde ich einer alleinerziehenden Bekannten von mir empfehlen. Aber der Reihe nach.

"Was hat die FDP da im Programm?"

Ihr habe eine alleinerziehende Frau mit zwei Kindern geschrieben, erzählte TV-Journalistin Christiane Meier am Donnerstag ihrem Interviewgast Lambsdorff im ARD-Morgenmagazin. Die Frau frage sich, wen sie denn überhaupt wählen solle, "weil für mich tut überhaupt keiner was". Steuerlich werde sie ganz schlecht behandelt und alleingelassen werde sie sowieso. "Was hat die FDP da im Programm?", fragt Meier den Spitzenpolitiker der Liberalen.

"Na ja, grad bei den Steuern haben wir schon ein paar ganz gute Vorschläge", setzt Lambsdorff an. "Also wer einsteigen will zum Beispiel, 'ne Immobilie überlegt sich zu kaufen für das Alter, da sagen wir, wir wollen ihn von der Grunderwerbssteuer befreien."

An dieser Stelle dürfte so manche sofort interessiert den Ton ihres Bang-&-Olufsen-Fernsehers aufgedreht und die Putzfrau mit dem Staubsauger in den Nebensalon geschickt haben. Gut so. Denn sonst hätte sie das nächste Unterstüzungsangebot des FDP-Politikers womöglich nicht gehört: "Wir sagen, der Spitzensteuersatz, der soll viel später greifen als bisher", fährt Lambsdorff fort.

Statt Miete lieber Kredit abzahlen

"Immobilienkauf ist, glaube ich, kein Thema für die meisten Alleinerziehenden", unterbricht ihn Moderatorin Meier vorsichtig. Doch das sieht Lambsdorff anders: "Na doch, es gibt schon welche, die ..." entgegnet er etwas holperig. "Es ist ja so, wenn ich 'ne Miete habe im Monat von, ich sag mal 300, 400 Euro, das ist das, was ich auch abzahlen kann als Kredit. Also man sollte das schon überlegen."

 Deutschland sei im europäischen Vergleich "ganz weit hinten dran", was Immobilieneigentum betrifft, erklärt der Vizepräsident des Europäischen Parlaments. "Und wir wollen Menschen ermutigen, zuversichtlich da mal sich zu überlegen, ob das 'ne Sache ist. Die Zinsen sind niedrig."

Also, das werde ich meiner alleinerziehenden Bekannten dann empfehlen. Wähle am Sonntag auf jeden Fall die FDP, Katja. Und dann überleg dir mal zuversichtlich, ob du dir nicht lieber 'ne kaufen willst, statt dein Geld immer für die Miete zu verschwenden. Katja lebt mit ihrer zehnjährigen Tochter Lea in einer kleinen Zweizimmerwohnung in Hamburg. Der Vater verweigert den Kontakt zu dem Kind und versucht seit Jahren, sich um die Unterhaltszahlungen zu drücken. Hier ein paar Zitate aus unseren Facebook-Chats:

"Leider kann ich mit Lea nicht oft einen Urlaub machen, da das Geld immer sehr knapp ist. Wir hatten erst einen Urlaub, da war sie 4 Jahre alt."

"Ich weiß nicht, wo ich noch sparen soll. Aber ihren Klavierunterricht, tanzen und singen will ich ihr auch nicht nehmen.  Ach ich bekomme das bestimmt alles hin."

"Mein Nachbar war gerade da, ich könnte ein Klavier geschenkt bekommen, aber wohin soll ich es in der kleinen Wohnung stellen."

"Urlaub, irgendwie bekomme ich das finanziell nicht hin. Aber man kann ja auch zu Hause sein und es sich schön machen."

Katja und Lea heißen nicht wirklich so. Aber ihr Schicksal ist echt. Und es ist exemplarisch für zehntausende vergleichbare Schicksale in Deutschland. Das hat der "Familienreport 2017" des Bundesfamilienministeriums erst vergangene Woche bestätigt. 44 Prozent der Alleinerziehendenhaushalte sind demnach armutsgefährdet. Ihr Armutsrisiko ist mehr als viermal so hoch wie bei Paarfamilien mit einem oder zwei Kindern.

Aber das wird nach dem 24.September ja alles besser, sollte die FDP an die Regierung kommen. Dann können die Alleinerziehenden ein paar ihrer Aktienpakete verkaufen oder sich einen günstigen Kredit von der Bank holen, eine Wohnung erwerben und diese mit den eingesparten 300, 400 Euro Miete abstottern. Und schon steht die Altersabsicherung. Schließlich müssen sie ja dank der gelben Engel keine Grunderwerbssteuer mehr bezahlen und kommen womöglich sogar um den Spitzensteuersatz herum.

Lambsdorffs Abgehobenheit erschreckt

Aber im Ernst: Es darf niemanden überraschen, dass Christian Lindner und Co. den sozial Benachteiligten im Lande nicht allzu viel zu bieten haben. Die FDP war noch nie die Partei des "kleinen Mannes" und hat das auch nie von sich behauptet. Wie abgehoben jemand wie Alexander Graf Lambsdorff, der ja Volksvertreter sein will, von der Lebenswirklichkeit des Volkes tatsächlich ist, erschreckt dann aber doch.

Für Katja bleibt am Ende wohl nur ein Weg, ihrer kleinen Familie den Traum von einem Eigenheim zu verwirklichen. Sie muss das rührende Angebot ihrer Tochter annehmen. Als Problemlöser ist das jedenfalls genauso gut geeignet wie Lambsdorfs Wahlversprechen:

"Lea hat mir auch öfter ihr Erspartes angeboten und gemeint, wir könnten uns einen Bauernhof mit Hühnern und einem Pferd kaufen."

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