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Forsa-Chef Güllner zur Europawahl: Fast alle Parteien haben Wähler verloren

Die Prozentzahlen klingen gut. Aber die absolute Zahl der Stimmen belegt: Keine Partei hatte Erfolg. Schon gar nicht die SPD. Ein Interview mit Forsa-Chef Güllner.

Herr Güllner, welche deutsche Partei hat bei der Europawahl am vergangenen Sonntag gewonnen, welche verloren?
Im Vergleich zur Bundestagswahl 2013 hat jede Partei, außer der AfD, Wähler verloren: die Union fast 7,8 Millionen, die SPD etwas über 3,2 Millionen, die Linke knapp 1,6 Millionen, die FDP fast 1,1 Millionen und die Grünen über eine halbe Million. Lediglich die AfD erhielt am Sonntag die gleiche Stimmenzahl wie im vorigen Jahr, nämlich etwas über zwei Millionen. Bei der Bundestagswahl gab es rund 18,2 Millionen Nichtwähler - so viele Wähler hatte übrigens die Union -, bei der Europawahl waren es fast 33 Millionen, die nicht an die Urnen gingen.

Warum konnte die SPD so deutlich zulegen auf 27,1 Prozent im Vergleich zur Europawahl 2009, als sie auf nur 20,8 Prozent kam?


27,1 Prozent klingt zunächst erst mal gut, da sollte man aber genauer hinschauen. Absolut hat die SPD noch nicht einmal 8 Millionen Stimmen bekommen - als Volkspartei wohlgemerkt. Das sind 12,9 Prozent aller Wahlberechtigten. Wenn sich die führenden Sozialdemokraten darüber freuen können, sei es ihnen gegönnt. Es gibt nur zwei Wahlen, bei denen die SPD noch weniger Wähler mobilisiert hat in ihrer Geschichte: nämlich bei der Europawahl 2004 und bei der Europawahl 2009. Was die Partei jetzt an Wählern an die Urnen gebracht hat, ist die drittschlechteste Mobilisierung in der SPD-Wahlgeschichte der Bundesrepublik und der Weimarer Republik. Darüber kann man sich doch nicht wirklich freuen. Und dass es nun einen Zuwachs gegeben hat, ist der Tatsache geschuldet, dass die SPD vor fünf Jahren auf einem Tiefpunkt war. Damals gab es den Wortbruch ihrer hessischen Landeschefin Andrea Ypsilanti, die eine Minderheitsregierung von der Linkspartei tolerieren lassen wollte, und es gab die Kandidatur Gesine Schwans, die mit den Stimmen der Linken Bundespräsidentin werden wollte. Das führte damals zu einem enormen Vertrauensverlust. Wenn Gerhard Schröder jemals 27,1 Prozent geholt hätte, wäre er nie Kanzler geworden, da hätten sie ihn Gott weiß wohin verdammt.

In zehn Bundesländern durfte neben der Europawahl auch über kommunale Parlamente abgestimmt werden. Haben die Wahlberechtigten dort unterschiedlich gewählt?
Wir haben noch nicht alle Ergebnisse. Wo sie vorliegen, gibt es kein einheitliches Bild. In verschiedenen Regionen, Gemeinden und Städten hat die eine Partei mal mehr, die andere mal weniger Stimmen als bei der Europawahl bekommen. Ein generelles Muster kann man nicht erkennen. Mit einer Ausnahme: der AfD. Die AfD hat bei den Kommunalwahlen deutlich schlechter abgeschnitten. Wo sie eigene Kandidaten hatte, bekam sie gerade mal die Hälfte der Stimmen im Vergleich zur Europawahl. Sie hat also keine Verankerung in der Wählerschaft. Sie hat lediglich den Unmut über die "Entartung" der Politik gebündelt - wie es ihr Parteichef Lucke nicht unbedarft formuliert hat.

In Großbritannien wurde die rechte Ukip mit 27,5 Prozent stärkste politische Kraft, in Frankreich der Front National mit fast 25 Prozent. Wie relativiert sich das bei einer Wahlbeteiligung von 36 Prozent in Großbritannien und 43,5 in Frankreich?


Sowohl in Großbritannien als auch in Frankreich sind das rund 10 Prozent aller Wahlberechtigten. Das heißt: Die große Mehrheit in diesen beiden Ländern geht nicht zur Wahl, und deshalb bekommen Minoritäten wie die Ukip oder der Front National einen Stellenwert, der ihnen im Prinzip nicht zusteht. Bei uns hat die AfD gerade mal die Stimmen von 3 Prozent aller Wahlberechtigten, weil sich hier der Rechtspopulismus noch nicht so manifestiert hat wie in anderen Ländern. Noch mal: Nur 3 von 100 wahlberechtigten Bürgern haben die AfD gewählt. Und sie hat keinen Zuwachs.

Interview: Werner Mathes