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Wahlparty mit Lucke und Henkel AfD jubelt - und ätzt über FDP


Kein Wort ist zu groß, um den Sieg zu feiern. Lucke und Henkel genieren sich nicht, die AfD "Volkspartei" zu nennen. Nur die Häme über die FDP scheint noch wichtiger.
Von Oliver Fuchs und Hans Peter Schütz

Punkt 18.12 Uhr tritt Hans-Olaf Henkel vor die Kameras der ARD zu einem Round-Table-Gespräch. Der Spitzenkandidat der AfD trägt ein sommerlich helles Jackett, blütenweißes Hemd und eine goldene Krawatte mit schwarzen Elefanten. Er sieht aus, als wäre er auf dem Weg zu einem Picknick. Jahrelang war er eine Art Zombie der deutschen Politik, ein schneidender Mahner, Warner, Neoliberaler und Stammgast der Talkshows, an dem sich die meisten schon sattgesehen hatten - nun hört Hans-Olaf Henkel überhaupt nicht mehr auf zu lächeln. "6,5 Prozent. Das ist ein Erfolg", sagt er.

Ihm gegenüber steht Alexander Graf Lambsdorff, Spitzenkandidat der FDP. Seine Partei hat bei der Europawahl gerade mal die Hälfte geschafft, ein Debakel. Lambsdorffs Miene ist düster. "Wir arbeiten weiter am Wiederaufbau der FDP", sagt er. Es ist das Eingeständnis der völligen Niederlage.

Um 18.17 Uhr ist das Gespräch beendet.

Das Bashing der FDP

Die AfD feiert im Hotel Maritim, Berlin Mitte, erster Stock. Oben an der Treppe stehen zwei Männer mit Knopf im Ohr. "Ordner" steht auf ihren Armbinden. Etwa 70 Journalisten drängen hinein, selbst das Schweizer Fernsehen hat ein Team geschickt. Die AfD-Anhänger tragen Jackett, die Damen Rock, viele sind mit Kindern gekommen, sie sind herausgeputzt, als würden sie in die Oper wollen. Vor der Tür steht die Phalanx der Übertragungswagen der TV-Sender. Sie bilden eine Art Mauer um den gesamten Block.

Als gegen 18 Uhr die Hochrechnung über die Bildschirme flimmert, rasten die AfD-Funktionäre schier aus. Sie brüllen, als hätte ihre Partei soeben die Fußball-WM gewonnen: "AfD, AfD, AfD". Mindestens ebenso laut ist es, als kurz zuvor das Ergebnis der FDP bekannt wurde. "Der Rainer Brüderle ist damit der große Wahlsieger der FDP", höhnt ein AFD-Fan. Er habe schließlich knapp 5 Prozent bei der Bundestagswahl geholt, jetzt sind es nur noch 3. Einer erzählt mit glänzenden Augen, der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki habe eine Wette gegen einen FAZ-Journalisten verloren: Kubicki habe darauf gesetzt, dass die Liberalen mehr Stimmen holen würden als die AfD. Jörg Meuthen, der in Baden-Württemberg kandidiert hat, ist entzückt: "Die FDP hat sich bei dieser Wahl endgültig selbst zerlegt. Wir etablieren uns, und die FDP pulverisiert sich."

"Für unsere Kinder"

Sarah, 8, hat an diesem Sonntag Erstkommunion gefeiert. In Berlin-Lichterfelde. Sie trägt ein weißes Kleidchen, die Haare sind mit einem roten Gummiband zu einem Zopf gebunden. Am Vormittag stand Sarah noch im Mittelpunkt, jetzt, auf der AfD-Party, zu der sie ihre Eltern mitgenommen haben, läuft sie ein bisschen verloren im Konferenzsaal umher. Auf der Bühne redet Parteichef Bernd Lucke davon, dass man die EU endlich zurückstutzen müsse. "Für unsere Kinder", sagt er und schaut auf seinen Nachwuchs, den er um sich versammelt hat. Die Kinder müssten sonst die Rechnung für die Verschwendung in Brüssel bezahlen. Und für die Krise in Griechenland.

Das sind auch für Sarahs Eltern Gründe, weshalb sie AfD gewählt haben. "Die Grünen haben auch bei uns geklingelt - denen hab ich gesagt, sie können den Flyer gleich wieder mitnehmen. Ich habe schließlich Kinder", sagt Sarahs Mutter. Ihre Zöglinge gehen auf eine christliche Privatschule. Sarah verschwindet zwischen den Tischen, wo sich grauhaarige Funktionäre mit gestärkten Hemden und blauen Krawatten die Füße vertreten.

Proklamation der Volkspartei

Lucke versteigt sich auf der Bühne zu lyrischen Sentenzen. "Es ist Frühling in Deutschland, manche Parteien blühen auf. Andere verwelken", sagt er, gemeint ist die FDP. Und dann ruft er: "Es gibt in Deutschland eine neue Volkspartei", gemeint ist die AfD. Auch er scheint so etwas wie eine Erstkommunion zu feiern. Bei der Bundestagswahl scheiterte seine Partei an der 5-Prozent-Hürde. Nun sitzt sie im Europaparlament.

Nach seinen TV-Interviews kommt Hans-Olaf Henkel zur Party. "Diese Partei kriegen sie in Deutschland nicht mehr weg", sagt er. Über seine künftige Arbeit sagt er, er wolle den bürokratischen Wasserkopf in Brüssel verkleinern. Dort falle seine Partei allein schon deswegen auf, weil sie kompetent sei. Das nächste Wahlziel hat Henkel fest im Blick: Bei der Landtagswahl in Sachsen, wo die FDP derzeit noch mitregiert, werde die AfD zweistellig abschneiden.

Vergleich mit den Piraten

Konrad Adam, Bundesvorstand der AfD, ist der Einzige, der neben Selbstlob und FDP-Bashing an diesem Abend noch einen anderen Gedanken im Kopf hat. Er sagt, die Europawahl sei eine Denkzettelwahl gewesen. Und fügt vorsichtig hinzu: "Aber wir wollen nicht das Schicksal der Piraten erleiden - schnell rauf und noch schneller runter."

Sarah, die verloren gegangen war, findet ihre Mutter wieder. Zusammen mit ihrem Bruder wirft sie AfD-Ballons zur Decke. Immer wieder, immer höher. Dann geht ein Angestellter des Hotels Maritim dazwischen. Wenn einer der Ballons einen Rauchmelder berühren sollte, sagt er, könnte das den Feueralarm auslösen.

Mitarbeit: Lutz Kinkel

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