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Fritz Stern: "Da schämte ich mich meines Hasses auf die Deutschen"

Fritz Stern gilt als einer der bedeutendsten US-Historiker. Er wurde 1926 als Sohn jüdischer Eltern in Breslau geboren und entrann nur knapp Hitlers Mordmaschine. Trotzdem versöhnte er sich mit den Deutschen - und erzählt über sein Bild vom alten und neuen Deutschland.

Von Katja Gloger

Professor Stern, Sie gehören zu den profiliertesten Kennern der deutschen Geschichte. Sie wurden 1926 in Breslau geboren, in einer Familie jüdischer Abstammung, die sich selbstverständlich als deutsche fühlte.

Ja, und wie viele deutsche Juden, von denen ja einige zum Protestantismus übergetreten waren, sahen damals auch meine Eltern in der deutschen Lebenswelt ihre Heimat. Mein Vater war Arzt, er kämpfte im Ersten Weltkrieg, für besondere Tapferkeit wurde ihm das Eiserne Kreuz verliehen. Der Chemiker und Nobelpreisträger Fritz Haber, ein enger Freund unserer Familie, hatte für Deutschland an der Entwicklung der Giftgaswaffe gearbeitet. Damals war jüdischer Einsatz selbstverständlich. Und nur wenige, wie etwa Albert Einstein, betrachteten den Krieg schon damals als Wahnsinn.

Wie erlebte Ihre Familie Hitlers "Machtergreifung" und den Beginn der Diktatur?

Als die Nazis an die Macht kamen, war ich ja noch ein Kind. Ich fühlte mich ausgeschlossen und bedroht. Die Hassgesänge in der Schule, die Parteiphrasen, die Indoktrination. Damals wollte ich immer nur raus aus Deutschland, nichts wie raus. Meine Eltern hatten sich bereits im Herbst 1933 zur Auswanderung entschlossen. Wir reisten nach Paris, man hatte meinem Vater Hoffnungen auf eine Anstellung als Arzt in Französisch- Nordafrika gemacht, in Tunis. So lange arbeitete er unentgeltlich in einem Pariser Krankenhaus. Doch aus diesen Hoffnungen wurde nichts, in Tunis wehrte man sich gegen eine angebliche "Flut" geflüchteter Ärzte. Nach einem halben Jahr mussten wir schließlich nach Deutschland zurückkehren. Dort war die politische Opposition inhaftiert, die wirtschaftlichen Verhältnisse hatten sich gebessert. Viele, vor allem "unpolitische" Deutsche, passten sich freiwillig dem neuen Regime an. Das Land hatte den Anschein einer uniformierten Normalität.

Wie gelang Ihnen schließlich die Flucht?

Unser Hauptthema war die Emigration. Meine Eltern und unsere Freunde erörterten mögliche Arbeitsstellen in Teheran und Ankara, später in Pisa und sogar in Shanghai. Doch die Aussichten wurden immer trüber, denn die meisten europäischen Länder beschränkten die Einwanderung und erklärten, wie die Schweiz, "das Boot sei voll". Die Vereinigten Staaten schienen zunächst sehr weit weg zu sein. Es war von Jahr zu Jahr schwerer geworden, ein Einwanderungsvisum für die USA zu bekommen. Und dann war eine Sicherheitsleistung zu erbringen, 3500 Dollar, ein ganz erheblicher Betrag. Meine Eltern und ich konnten schließlich zwei Monate vor der "Reichskristallnacht" 1938 emigrieren, ich war damals zwölf Jahre alt. Ich kann über den Zufall des Überlebens nur staunen. Doch enge Verwandte wurden über das KZ Theresienstadt nach Auschwitz verschleppt und dort ermordet.

Angesichts dieser deutschen Vergangenheit, warum mahnen Sie heute, dass die Deutschen mehr Patriotismus entwickeln sollten?

Bei allen Schwierigkeiten und Versäumnissen ist die Geschichte der Bundesrepublik eine einzigartige Erfolgsgeschichte. Das muss man anerkennen. Wer hätte 1945 geglaubt, dass sich Deutschland innerhalb eines halben Jahrhunderts so entwickeln würde? Man hat wirklich aus der Vergangenheit gelernt. Ein nationales Bewusstsein ist von fundamentaler Bedeutung für eine Gesellschaft. Dieses Nationalgefühl darf man den Rechtsradikalen nicht überlassen. Ich wünsche den Deutschen mehr historisches Bewusstsein. Sie können auf den 17. Juni 1953 und auf den 9. November 1989 stolz sein. Was mir allerdings heute in Deutschland fehlt, ist ausreichender Respekt für die Menschen, die in Opposition gegen die Nazis gegangen sind. Und auch für die, die sich der zweiten deutschen Diktatur - der SED in der DDR - widersetzten.

Doch der 20. Juli 1944, Tag des Attentatsversuchs gegen Hitler, ist immerhin nationaler Gedenktag.

Ich kehrte 1954 zum zweiten Mal nach dem Krieg nach Deutschland zurück. Ich war immer noch von einer tiefen Abneigung gegen alles Deutsche geprägt. Doch dann wurde ich Zeuge der Gedenkfeiern, mit denen der zehnte Jahrestag des Hitler-Attentates begangen wurde. Damals betrachteten ja viele die an der Verschwörung beteiligten Offiziere immer noch als Verräter. Doch als ich dann die Menschen im Hof des Berliner Bendlerblocks sah, die Witwen und Kinder der Ermordeten...

... dort, im damaligen Gebäude des Oberkommandos des Heeres, wurden vier Verschwörer noch in der Nacht zum 21. Juli erschossen. Hunderte Todesurteile folgten.

Als ich an diesem Tag die Gesichter betrachtete, hart und demütig geworden durch das Erlittene und doch irgendwie in stolzer Trauer, da schämte ich mich meines unterschiedslosen Hasses auf die Deutschen. Es war eine bewegende, sogar befreiende Erfahrung. Der 20. Juli hätte zu einem großen, befreienden und einenden Symbol werden können: Menschen, die sich aus politischer Passivität oder gar Mittäterschaft aufgerafft und im Widerstand gegen Hitler zusammengetan hatten, wie verspätet auch immer.

Warum ehren die Deutschen die Anständigen bis heute nicht ausreichend?

Vielleicht haben sie eine Art natürlicher Scheu: Die Zahl der Tapferen war ja klein. Und das sagt ja schon eine Menge über die Mehrheit. Ich wünsche mir eine europäische Erinnerungsstätte für diejenigen Europäer, die in den dunklen Zeiten der Hitler- Diktatur aktiven Anstand wahrten. Denn diese stillen Retter sind Vorbilder. Man tut unseren Kindern, unseren Enkeln Unrecht an, wenn man vor allem an die Verbrechen erinnert und nicht auch an jene, die Zivilcourage bewiesen und oft ihr Leben riskiert haben.

Wo sollte diese Erinnerungsstätte stehen?

Nicht in Deutschland. Sondern in einer Stadt, die als Symbol einer gewissen europäischen Zusammengehörigkeit dienen kann, in Straßburg vielleicht.

Kurz nach dem Fall der Mauer waren Sie als Historiker bei Margaret Thatcher eingeladen. Konnten Sie die eiserne Lady denn davon überzeugen, dass die Deutschen aus der Vergangenheit gelernt hatten?

Nein, das konnte keiner von uns. Sie hatte eine Gruppe von sechs Historikern auf den Landsitz des britischen Premierministers nach Chequers eingeladen. Frau Thatcher wollte wissen, ob man den Deutschen trauen könne. Sie hörte uns sehr lange zu. Ihr Misstrauen war ungeheuer groß. Sie fürchtete, dass ein vereintes Deutschland erneut das mächtigste Land in Europa sein werde. Sie fragte sogar, wann die Deutschen wieder gen Osten marschieren würden.

Warum stimmte sie der Wiedervereinigung dann zu?

Vor allem die USA ließen ihr keine Wahl.

Meinen Sie, dass Deutschland heute wirklich wiedervereinigt ist?

Ich fürchte, die Entfremdung zwischen Ost und West besteht weiter, vielleicht wächst sie sogar noch. Es ist schon bedrückend, dass die Westdeutschen die Leistungen der damaligen DDR-Bürger bis heute nicht ausreichend würdigen. Da redete man damals von der "Wende". Welch ein Wort! Es war doch so viel mehr. Eine echte Revolution! Die erste erfolgreiche, friedliche Revolution in der Geschichte der Deutschen. Das hat man wohl in der alten Bundesrepublik nicht verstanden. Ich bin bis heute überzeugt, dass 1989 der strahlendste Moment in Europas dunkelstem Jahrhundert war. Deutschland bekam das Glück der zweiten Chance. Eine zweite Chance, zur herausragenden Macht Europas zu werden - und diesmal, zum ersten Mal, in Frieden und Vernunft.

Wie sollte Deutschland heute diese zweite Chance nutzen?

Deutschlands Verantwortung geht heute über Europa hinaus. Aufgrund seiner Vergangenheit trägt es eine besondere Verantwortung für die behutsame Wahrung des Friedens. Stets in einem festen Bündnis, wie etwa in der Nato, müssen die Deutschen ihre Verantwortung dabei genauso wahrnehmen wie andere. Und vielleicht sogar noch mehr als andere - denn Deutschland ist eben die größte Macht in Europa.

Wird die Freiheit der Europäer - und damit der Deutschen - auch am Hindukusch in Afghanistan verteidigt, wie die Bundesregierung behauptet?

Man muss stets genau abwägen, doch wir dürfen uns nichts vormachen: Die Verteidigung der elementarsten Menschenrechte kann manchmal auch militärische Mittel erfordern, ein ungemein heikles Thema.

Amerikas Politik der vergangenen Jahre, der Krieg im Irak, führte zu einem Bruch zwischen Deutschland, Europa und den USA. Kann man überhaupt noch Brücken über diese tiefen Gräben ziehen?

Das Wort "Bruch" ist viel zu scharf und viel zu ungenau. Ich weiß gar nicht, wieweit es diese immer so viel beschworene Wertegemeinschaft des Westens überhaupt noch gibt. Sind die Beziehungen zwischen Europa und Amerika heute nicht vor allem von wirtschaftlichen Interessen geprägt? Das Gefühl echter Gemeinsamkeit scheint doch immer mehr zu verblassen. Wir entfremden uns voneinander. Und die Ursachen dafür liegen nicht nur in meinem Land.

Der ehemalige deutsche Außenminister Joschka Fischer erklärte die transatlantische Allianz zum "historischen Imperativ".

Dem stimme ich zu. Es gibt jedenfalls keine zufriedenstellende Alternative zu unserem Zusammenhalt.

Wie beschreiben Sie den Zustand Ihres Landes im Jahr sieben der Regierung Bush?

Die wahre Demokratie in meinem tief gespaltenen Land ist immer noch in Gefahr. Diese Regierung hat die Lüge regelrecht zum System erhoben. Wie sie mit der Verfassung umgeht, ist erschreckend. Sie glaubt, dass im Krieg gegen den Terror nahezu uneingeschränkte Machtausübung erlaubt ist.

Drohen Weimarer Verhältnisse in Washington?

Nein. Amerikas demokratische Traditionen wurzeln ja sehr tief. Aber in den vergangenen Jahren fühlte ich mich manchmal schon an die jüngere deutsche Vergangenheit erinnert. So erging es mir, als ich Präsident Bush auf diesem Flugzeugträger landen sah ...

... das war im Mai 2003, kurz nach dem scheinbar so siegreichen Einmarsch der US-Truppen in Bagdad.

Das verkörperte seinen frivolen Triumphalismus. Er stand auf diesem Schiff, hinter ihm hing das Banner mit den Worten "Mission accomplished" - "Mission erfüllt". Und da sagte ich spontan zu meiner Frau: Das ist die Leni-Riefenstahlisierung der US-Politik. Die reine Inszenierung. Der Krieg als Propaganda. Das erinnerte mich spontan an Deutschland in den 30er Jahren. Für mich ist dieses Bild das Symbol dafür, was dieser Mann und seine Regierung wirklich angerichtet haben.

Was meinen Sie damit?

Schon vor seinem Amtsantritt war mir klar: Mit Bush würde ein radikaler Wandel der amerikanischen Außenpolitik einsetzen. Und dann kam der 11. September, ein entsetzlicher Schlag für alle liberalen Demokratien. Ich war damals in Deutschland, und als ich zurückkehrte, war ich entsetzt über das Fahnenmeer. Das war mehr als spontaner Patriotismus. Von Anfang an schürte diese Regierung die Angst der Menschen, in frivoler Unverantwortlichkeit. Dazu der unbedingte Wille, das Amt des Präsidenten mit immer mehr Macht auszustatten. Bush und sein Vize Richard Cheney, von vielen als wahrer Präsident gesehen, glauben an die imperiale Präsidentschaft. Jede Demokratie ist zerbrechlich. Das gehört zu ihrem Wesen. Sie ist offen - auch für Demagogen. Auch die amerikanische Demokratie kann in eine autoritäre Form abrutschen.

Der US-Präsident selbst würde wohl gerne mit Winston Churchill verglichen. Dessen Büste steht in seinem Amtszimmer.

Ein Wahn! Wenn ich diesen Präsidenten betrachte, kommt mir immer öfter der deutsche Kaiser Wilhelm II. in den Sinn. Der Militarismus, das Säbelrasseln in der ganzen Welt. Und vollkommene Ignoranz der Verhältnisse in anderen Ländern. So war es auch im kaiserlichen Deutschland am Ende des 19. Jahrhunderts. Selbst persönlich kann man Bush mit Wilhelm II. vergleichen. Der gleiche Stil.

Können Sie dafür Beispiele nennen?

Der Kaiser im Weltkrieg und der Präsident in Bedrängnis - sie beide müssen von der Wirklichkeit abgeschirmt werden. Man darf ihnen keine schlechten Nachrichten überbringen.

Ende des kommenden Jahres wird ein neuer Präsident gewählt. Was wird Bush seinem Land hinterlassen?

Die Toten des Krieges. Die Toten auf beiden Seiten. Die Verwundeten und Verstümmelten, die nach Hause kommen und hier so schlecht behandelt werden. Für die vergangenen Jahre wird das Land einen gewaltigen Preis zahlen. Den Preis für die Vergötzung der Macht. Zugleich hat sich dieses Land zu einer christlich verbrämten Plutokratie entwickelt ...

... zur Machtentfaltung einiger weniger Reicher.

Habgier und Korruption sind ungeheuer. Aber mehr noch: Das entscheidende Element jeder demokratischen Gesellschaft - nämlich das Vertrauen - wurde ausgehöhlt, sowohl im eigenen Land als auch im Rest der Welt. Amerika war doch immer ein Magnet für Menschen, die Freiheit suchten. Doch unter Bush wurde dieses Wort seiner eigentlichen Bedeutung beraubt. "Freiheit" wurde zu einem Slogan, zu einer Rechtfertigung für die Besetzung eines Landes. Welch ein Wahn wurde da geschürt, Frieden und Demokratie mit Waffengewalt etablieren zu können! Und dazu die Obsession, Ameri-­ kas Macht auszudehnen. Für immer! Für immer die stärkste Nation der Welt zu sein. Bush ist ja in Wahrheit gar kein echter Konservativer, sondern eher ein Radikaler.

Braucht Amerika einen Neuanfang?

Neuanfänge gibt es selten. Rückkehr zur Wirklichkeit, zu Vorsicht und Vernunft kann man sich nur erhoffen, und zwar von beiden Parteien - Republikanern und Demokraten. Es bleibt meine Hoffnung, dass Großzügigkeit, Toleranz und Offenheit weiterhin zum Fundament dieses Landes gehören. Doch im Moment stecken wir in einer Sackgasse. Wir haben uns überall bloßgestellt, sind blamiert. Dieser Präsident war ein wunderbares Geschenk an den latenten Anti-Amerikanismus in der Welt. Und wir selbst? Wir haben moralische Schäden davongetragen, die man mit Guantánamo und Abu Ghuraib nur unzulänglich beschreiben kann. Mich be-­ sorgt sehr, wie eingeschüchtert viele Menschen heute sind. Und was würde passie-­ ren, falls es zu einem neuen Terroranschlag käme? Es gibt die autoritäre Versuchung - überall, auch bei den Amerikanern. Dieser Bazillus stirbt nicht.