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Fußball-WM: Paul ist Gott

Die Fußball-WM in Südafrika hat einen echten Superstar hervorgebracht. Paul, der Tintenfisch, hat gezeigt, dass es nicht auf das Spiel ankommt. Sondern auf die Kraft der Tentakel.

Von Christoph Cöln

Es ist geschafft. Die WM ist rum. Endlich, werden einige sagen. Kein Vuvuzela-Terror mehr, kein schwarz-rot-goldener Flaggendusel, kein vierter Stern. Günther Netzer hört auf, Otto Rehagel hat abgedankt und das Tor-Trauma von Wembley ist passé. Was bleibt von diesen Titelkämpfen? Ein echter Weltstar, ein Wesen mit übersinnlichen Kräften. Unfehlbar. Gottgleich. Paul, der Krake.

Ein glitschiger Meeresbewohner mit neun Gehirnen hat das Turnier am Kap erst so richtig spannend gemacht. Der Oktopus, von den Fans liebevoll O-Krakel genannt, brachte es fertig, alle sieben Spiele der deutschen Nationalmannschaft richtig vorherzusagen - und den Ausgang des Finales obendrein. Eine Quote, von der man in den glühend heißen Wettbüros landauf landab nur träumen kann. Doch damit nicht genug. Sogar den Spielverlauf des kleinen Endspiels, das Deutschland 3:2 gegen Uruguay gewann, hatte Paul im Tentakel. Bei der Weissagung am Freitag, die von N24 live übertragen wurde und sogar CNN eine Breaking News wert war, setzte sich das Tier zunächst auf den Kasten mit dem Deutschlandbanner. Dann zog es Paul zu der blau-weißen Uru-Kiste herüber, bevor er sich schließlich doch für das Knabberzeugs hinter Schwarz-Rot-Gold entschied.

Das entsprach exakt der Dramaturgie des Spiels. So brachte das fußballverliebte Tier selbst gestandene Stochastiker zum Verzweifeln, ließ krittelnde Meeresbiologen alt aussehen und verhalf dem britischen Freizeitparkbetreiber, der Paul zum Fußball-Orakel ausbildete, zu einer Werbekampagne, die selbst Steve Jobs nicht besser hätte inszenieren können. Paul ist der Star, der aus der Tiefe kam.

Was soll mit Krake Paul passieren?

Paul könnte Kanzler-Krake werden

Wer an diesem Montag, einen Tag nach der WM, bei Sealife in Oberhausen anruft, um sich nach dem Wohlbefinden des schwimmenden Kopffüßlers zu erkundigen, wird mit einer völlig überlasteten Pressestelle verbunden. Interviewanfragen aus aller Welt, Warteliste für Journalisten, Entschuldigungen, dass man derzeit leider nicht alles beantworten könne. Ob Brasilien, Australien oder Spanien: Die Medien aller Länder versammeln sich im Ruhrpott, um einem Tintenfisch zu huldigen.

"Paul muss sich erstmal ausruhen", sagt Pressesprecherin Tanja Munzig. Klar, der Rummel um seine Person, die Anstrengungen beim Dauer-Orakeln haben Spuren hinterlassen. "Er wird davon dunkler und pickelig", sagt Munzig. Vorhersagen sind halt ein anstrengendes Geschäft, das kann zu Verschleißerscheinungen führen, nicht nur bei Metereologen. Und weil die Lebensdauer von Orakel-Kraken kürzer ist als die von Wetterfröschen - Paul hat laut Statistik noch ein halbes Jahr Wasser unter den Saugnäpfen - wird nun fieberhaft überlegt, wie sich der Unfehlbare noch sinnvoll einsetzen ließe. Die "Süddeutsche Zeitung" schlug vor, Paul solle mit seinen Prognosen dabei helfen, Angela Merkels Kanzlerschaft zu sichern, sozusagen als Regierungs-Rasputin. Paul statt Pofalla. Zu überlegen wäre auch, ob der Oktopus nicht über die Verlängerung der Atomlaufzeiten, das Ende der FDP oder die Stilllegung des Bohrlochs im Golf von Mexiko abstimmen könnte. Offenbar hat sich Gott in diesem Tier materialisiert, also sollten wir mit ihm kommunizieren.

Jogi Löw wird zum Weitermachen genötigt

Das ist Nonsens? Im Internet gibt es inzwischen Dutzende Fanseiten zu Paul, bei Facebook hat er sage und schreibe 4200 Freunde und auf Twitter, erhält Paul von Minute zu Minute mehr Liebesbekundungen. Das Video von Pauls Endspiel-Prognose ist bei Youtube bereits 1,4 Millionen Mal angeklickt worden. So oft wie sonst nur Interviews mit Lena, dem anderen deutschen Retorten-Star. Was sagt uns das?

Erstens: Die sportlichen Leistungen bei diesen Titelkämpfen waren mäßig. Gute Spiele, aufregende K.O.-Fights blieben Mangelware. Die vorher auserkorenen Superstars waren müde und überspielt (Messi), nicht in Form (Rooney), wegen vorher bestellten Nachwuchses nicht bei der Sache (Ronaldo) oder gar nicht erst dabei (Ronaldinho). Da half es auch nichts, dass die Firma Nike extra zum Turnier einen sündhaft teuren Werbefilm drehen ließ, der all die zuvor Genannten als überirdische Ballzauberer abfeierte. Titel des Spots: "Schreib die Zukunft". Die schrieben bekanntlich andere.

Etwa die Deutschen, die mit ihrem Jugendstil auftrumpften und die halbe Welt verzückten. Dafür gab es Sonderlob vom neuen Bundespräsidenten, der sich extra nach Südafrika einfliegen ließ und Bundestrainer Jogi Löw per Verdienstkreuz zum Weitermachen nötigte. Als erste Amtshandlung sicher kein schlechter Schachzug. So wird Christian Wulff ganz schnell Bürgerpräsident. Ob der Tipp auch vom Kraken kam, bleibt offen.

Spanier spielen Ball verstecken

Zweitens: Die Welt will eigentlich nur wissen, wie es ausgeht. Die WM, das größte globale Massenspektakel aller Zeiten, hat gezeigt, dass es auf das Spiel nicht mehr so sehr ankommt. Dazu passt, dass die Spanier sich mit ihrem kaltherzigem Ergebnisfußball den Titel gesichert haben. Ihre Taktik: den Ball lange genug in den eigenen Reihen verstecken und irgendwann das entscheidende Tor erzielen. Nur für Kenner? Geschenkt. Weltweit purzelten die TV-Rekorde und die Fanmeilen wuchsen zu Großdemonstrationen, wie sie zuletzt nur die Friedensbewegung auf die Beine gestellt hat. Public-Viewing ist das eigentliche Ereignis des Großereignisses. Ob 4:0 oder 1:0, Hauptsache, die Party geht weiter. Die Fans feiern sich selbst.

Und den Kraken. Soll doch Paul vors Brandenburger Tor kommen, wenn die Nationalmannschaft schon nicht will. Wir würden uns in Ehrfurcht verneigen.