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G7-Treffen in Bayern: Im Camp mit den Gipfelgegnern

Das Protest-Camp in Garmisch-Partenkirchen ist zwei Tage vor dem Gipfel der G7 schon fast ausgelastet. Rund 700 Demonstranten sind angereist. Und das ist erst der Anfang.

Von Barbara Opitz, Elmau

Bunte Zelte reihen sich in Garmisch-Partenkirchen im Protestcamp der G7-Gegner aneinander

Bunte Zelte reihen sich in Garmisch-Partenkirchen im Protestcamp der G7-Gegner aneinander

Die erste Großdemonstration mit Blockaden ist für Samstag geplant. Doch schon jetzt herrscht reges Treiben im Camp der G7-Gegner. "Die Infoveranstaltung zum Umgang mit der Polizei beginnt in fünf Minuten!", ruft ein Mann mit wilden Locken und wettergegerbtem Gesicht durchs Megafon. "Für alle, die's interessiert in's blaue Veranstaltungszelt!" Er bahnt sich seinen Weg durchs Camp, steigt über Gaskocher, Schnüre, dicht an dicht stehen die Zelte in allen Größen, manchmal selbstgebaut aus Planen und Ästen.

Es ist Donnerstagabend, vom Camp aus, eine 7000 Quadratmeter große Wiese mit Platz für rund 1000 Camper, ist die schneebedeckte Zugspitze zu sehen. Die Sonne scheint immer noch, der Himmel ist tiefblau. Vor ein paar Stunden war das Camp noch halb so voll. Morgen werden noch mehr kommen, mit Rucksäcken und Campingausrüstung, in Bussen, PKWs oder zu Fuß vom Bahnhof Garmisch-Partenkirchen aus. Ohne Camp, wäre es für alle Beteiligten wohl sehr unübersichtlich geworden.

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"San doch olle friedlich hier"

Nachdem in letzter Instanz das Campverbot doch noch aufgehoben wurde, musste es schnell gehen, eine Infrastruktur geschaffen werden, die die Auflagen erfüllt. Die Organisatoren des Bündnisses "Stop G7 Elmau" haben gute Arbeit geleistet. Es gibt mehr als ein Dutzend Dixi-Klos, Veranstaltungszelte, fließend Wasser zum Zähneputzen und Geschirr abspülen. Auch Einheimische waren schon da. Manche brachten Kuchen oder belegte Brote mit, als Spende für die Demonstranten. Ein älterer Mann in Lederhose und kariertem Hemd steht am Eingang, er wollte sich "des einfach mol anschaun". Er fände den Protest nicht schlecht. "San doch olle friedlich hier."

Und so bunt gemischt: Deutsche, Österreicher, Briten und Italiener. Fahnen markieren, wo welche Gruppe zeltet, die Antifa in der Mitte, daneben die Sanitäter. Vorn, gleich beim Eingang, das Schild: "Rocker streicheln 5 Euro." Dort haben sich die Mitglieder des Motorradclubs "Kuhle Wampe" niedergelassen.

"Erstlinge" bekommen Einweisung im Infozelt

Im blauen Infozelt haben sich an die 20 Mann versammelt, alles "Erstlinge", die wissen wollen, was sie dürfen und was nicht. Was die Polizei darf. Und was nicht. Der Mann mit den wilden Locken hasst Vorträge, sagt er. Und hält sie trotzdem: Die Polizei dürfe nicht ohne Grund kontrollieren, klärt er "die Neuen" auf. "Sie tut es trotzdem." Nicht dabei haben sollte man daher "alles, was die Polizei als aktive und passive Waffen auslegen könnte". Dazu gehöre Schutzkleidung wie Stiefel mit Stahlkappen, aber auch Vermummungsmaterial, Schals, oder Wechselkleidung. In Heiligendamm seien das zum Beispiel auch Regenhosen gewesen, weil man sich die um den Kopf binden könne.

"Nehmt also so wenig wie möglich mit". Dann folgt der Apell: "Und wenn sie euch kontrollieren, fangt nicht an zu diskutieren. Das lohnt sich nicht." Polizeikontrollen gibt es in diesen Tagen überall: auf den Straßen von München nach Garmisch. Und im Ort. Direkt am Weg, der vom Camp aus nach Garmisch-Partenkirchen führt, hat die Polizei einen richtigen Checkpoint eingerichtet.

Im Hühnerstall übernachtet

Christoph, 24, kurzgeschorene Haare, schwarzes Muskelshirt, sitzt auf einer Bierbank in der Mitte des Camps. Er sei schon mehrmals im Ort kontrolliert worden, sagt er. In seiner Gruppe hatte einer ein Klappmesser dabei, "darf man nicht, Vorsichtsmaßnahmen der Polizei", auch wenn man solche Dinge zum Zelten brauche. 100 Euro Strafe habe es gekostet, und das Messer wurde beschlagnahmt. Christoph sagt, er fände das verständlich. "Wir haben uns länger mit den Polizisten unterhalten, haben gesagt, wir sind hier, weil die einen immer ärmer werden, die anderen immer reicher."

Der Polizist habe dem absolut zugestimmt, er kenne Kollegen, bei denen das Geld vorn und hinten nicht reiche. Christoph ist schon seit Sonntag hier. Anfangs, als das Camp noch verboten war, habe er in einem Hühnerstall übernachten müssen. Elmau sei sein erstes Camperlebnis dieser Art. Die Lust am Protest habe er bei Stuttgart 21 für sich entdeckt.

"Ohne Mampf kein Kampf"

Die Bierbank, auf der er sitzt, gehört zum Küchenzelt. "Ohne Mampf kein Kampf" steht auf einem Plakat. Aus einem Laptop dröhnt die Stimme von Freddie Mercury. Die Kessel dampfen, es gibt heute Pasta mit Tomaten-Gemüsesoße, vegan - und glutenfrei. Zwei bis drei Euro sollte jeder dafür in die Spendenkasse geben. Es beginnt zu dämmern, die Camper sitzen rund um das beleuchtete Küchenzelt, viele Dreadlocks, viele barfuß, sie essen in kleinen Gruppen, spielen Gitarre, unterhalten sich.

Würden nicht Helikopter vor dem Zugspitzmassiv kreisen oder die Wasserwerfer sich ihren Weg durch die engen Straßen von Garmisch bahnen, würde hier niemand auf die Idee kommen, dass es in den nächsten Tagen zu Schlachten zwischen Demonstranten und der Polizei kommen könnte. Vor der großen Demo am Samstag, bei der die Aktivisten auch Blockaden planen, wird es im Camp weitere Veranstaltungen geben: zur Griechenland-Krise oder zum Thema Blockaden. Und mindestens noch einen Abend, an dem sich um das Küchenzelt die Gruppen bilden. Alles weitere wird man sehen.