HOME

G8-Demos in Hamburg: "Polizei-Auftritt war martialisch und bedrohend"

Steine flogen, Barrikaden brannten, Dutzende wurden verletzt: Schuld an der Gewalteskalation bei der G8-Demo in Hamburg war die Polizei, sagt die Anwältin Britta Eder, die selber von einem Polizisten verletzt wurde, im stern.de-Interview.

Frau Eder, wie bewerten Sie das Auftreten der Polizei bei der Demonstration gegen das Treffen der Außenminister am Pfingstmontag in Hamburg?

Als sehr provozierend. Wohin man auch schaute, waren Wasserwerfer, Räumfahrzeuge, und Sondereinheiten in Stellung gebracht. Beamte in Viererreihen. Es war eine Demo wie in einem Käfig. Wir Anwälte haben immer wieder beobachtet, dass Passanten von Polizeibeamten geschubst wurden. Leute, die an der Strasse standen, Zuschauer waren, wurden in die Demonstration und damit in diesen Wanderkessel hinein gezerrt, ob sie wollten oder nicht. Was sonst bei Demonstrationen möglich sein muss, dass man sich frei bewegen kann, war hier nicht gegeben.

Rechtfertigen die späteren Auseinandersetzungen im Schanzenviertel nicht die massive Polizeipräsenz?

Nein. Weil nach Auflösung der Demonstration die Polizei den Abgang der Versammlungsteilnehmer erheblich behindert und so Auseinandersetzungen provoziert hat. Man durfte zum Beispiel nur zu zweit den Polizeikessel verlassen. Der Auftritt der Polizei war martialisch und bedrohend. Warum und wieso, das konnte einem keiner erklären.

Wollen Sie damit sagen, dass die Polizei für die spätere Randale verantwortlich war?

Sie hat zumindest eine Mitverantwortung. Die Leute gehen doch nicht auf eine Demo, um später ihr eigenes Viertel kaputt zu machen. Die Beamten hätten die Lage, die sie selbst heraufbeschworen hat, sehr schnell deeskalieren können. Man kann nämlich sehr wohl zwischen Beteiligten und Unbeteiligten unterscheiden. Aber für die Polizei wurde an diesem Tag aus einem Flaschenwerfer gleich eine gewalttätige Menge. Und dann kamen sofort die Wasserwerfer.

Die Polizei meldet, dass über 150 Beamte verletzt worden sind, nachdem sie mit Reizgas besprüht worden waren und Beamte angegriffen worden sind...

...ich kann dazu nichts sagen, ich war nach dem Ende der Demonstration selbst auf dem Weg ins Krankenhaus.

Warum?

Weil mich ein Polizist zu Boden geworfen hatte. Nach Auflösung der Demonstration war ich mit drei Kolleginnen und der Bürgerschaftsabgeordneten Antje Möller (GAL) unterwegs. Als wir sahen, wie vier Polizisten einen jungen Mann festnahmen, habe ich meinen Anwaltsausweis gezogen und einen Beamten gebeten, mich durchzulassen. Der sagte, dies interessiere ihn nicht. Als ich mich abwendete, stiess mich der Polizist zu Boden. Nach zwei Stunden musste ich ins Krankenhaus, weil das Knie verrenkt war. Und jetzt laufe ich mit einer Krücke herum und bin arbeitsunfähig geschrieben.

Hat sich die Polizei bei Ihnen entschuldigt?

Ja, der Gruppenführer vor Ort, im Vorübergehen. Er sagte, dies hätte nicht vorkommen dürfen. Er hat es aber auch nicht ermöglicht, dass der zuvor Festgenommene einen Rechtsbeistand erhält. Das ist immerhin noch ein Grundrecht in unserem Land.

Wie erklären Sie sich die aufgeheizte Stimmung während der Demonstration?

Ich weiß es nicht. Ich kann nur sagen, dass es dann keine Auseinandersetzungen gibt, wenn eine Seite nicht provoziert. Dass es zu Gewalt kommen könnte, mag die Gefahrensprognose gewesen sein vor der Demonstration. Aber spätestens nachdem sich der Protest formiert hatte, hätten die Beamten erkennen müssen, dass dort ein buntes Publikum unterwegs war. Kinder, Alte, Frauen.

Aber eben auch sogenannte Autonome, die hinter einem Transparent liefen, auf dem sie zum Angriff auf den Asem-Gipfel aufriefen.

Ein solches Transparent ist erstmal keine Attacke. Ich bin die ganze Zeit vor und neben diesen Leuten gelaufen: von diesen Menschen ging während der Demonstration nie Gewalt aus. Gewalt ging eher von den Polizisten aus, die immer wieder so nah aufrückten, dass man mit ihnen automatisch in Kontakt kommen musste. Und es war für uns zum Teil unmöglich, selbst mit dem Einsatzleiter der Polizei zu sprechen.

Haben Sie Ähnliches schon mal erlebt auf Demonstrationen?

Dass wir derart massiv weggeschubst oder weggedrängt worden sind, noch nicht. Selbst als wir dann mit dem Einsatzleiter Herrn Dudde sprechen konnten, wurden wir von Beamten bedrängt, obwohl Herr Dudde seine Kollegen aufforderte, dies zu unterlassen.

Interview: Ulrich Hauser