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Gedenkfeier für Neonazi-Opfer Ein Land schwört sich ein


Die Angehörigen der Opfer holten den Schmerz in die Gedenkfeier am Berliner Gendarmenmarkt zurück. Das demokratische Deutschland schwor sich: So etwas darf nie wieder passieren.
Von Lutz Kinkel, Berlin

Als Ismail Yozgat vor den 1200 geladenen Gästen im Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt über die Barbarei sprach, kämpfte er mit den Tränen, es war sehr still im Saal. "Mein Sohn starb in meinen Armen", sagte Yozgat auf Türkisch. Mit zwei Kopfschüssen, abgefeuert aus einer Ceska CZ 83, war Yozgats Sohn Halid, Betreiber eines kleinen Internetcafés in Kassel, am 6. April 2006 regelrecht hingerichtet worden. Und es sollte noch Jahre dauern, bis die Waffe und der Mord der rechtsradikalen Zwickauer Terrorzelle zugeordnet werden konnte. Unterdessen hatten sie weitere neun Menschen umgebracht.

Auch Semiya Simsek und Gamze Kubasik sprachen auf der zentralen Gedenkfeier an diesem Donnerstag in Berlin, beide Töchter von Ermordeten. Simsek erzählte, wie sie zusammen mit ihrem Vater in der Türkei urlaubte. Sie saßen gemeinsam im Garten und hörten die Glöckchen einer Schafherde, es war ein Moment des Glücks. Ein Jahr später, am 9. September 2000, starb auch ihr Vater, ein erfolgreicher Nürnberger Blumenhändler, zersiebt von acht Schüssen. Mit Bitterkeit und Zorn sprach die junge Deutschtürkin davon, welche Verdächtigungen die Familie danach über sich ergehen lassen musste. Dass ihr Vater möglicherweise ein Krimineller, ein Drogenhändler gewesen sei, dass auch die Mutter mit dem Mord zu tun gehabt haben könnte. Simsek stellte die Frage, ob sie in einem solchen Land noch zuhause sein könne. Und sie bejahte es. "Wir alle, gemeinsam, zusammen, nur das kann die Lösung sein."

Nicht eine relativierende Silbe

Es waren diese besonderen, bewegenden Reden der Angehörigen, die den Schmerz und das Leid und die Grausamkeit spürbar machten, die das Neonazi-Trio verursacht und die das nachfolgende Versagen der Ermittler nur weiter verschlimmert hatte. Kanzlerin Angela Merkel, die zuvor gesprochen hatte, gab darauf die einzig denkbare Antwort: "Dafür bitte ich um Verzeihung", sagte sie im nur spärlich ausgeleuchteten Konzerthaus. Neben dem Rednerpult brannten zwölf Kerzen, eine für jedes Mordopfer, die elfte für alle bekannten und unbekannten Opfer rechtsextremer Gewalt in Deutschland, die zwölfte als Zeichen der Hoffnung. Im schweigenden Publikum saßen Vertreter aller Parteien, der Bundesregierung, der Landesregierungen, Joachim Gauck, der designierte Bundespräsident, Norbert Lammert, Präsident des Bundestages, praktisch das versammelte, demokratisch gewählte Deutschland, außerdem Kulturschaffende und Medienvertreter. Es war ein so noch nie gesehenes, öffentliches Bekenntnis gegen Rechtsextremismus.

Die Kanzlerin, die etwa 20 Minuten sprach, besaß die Größe, in ihrer Rede auch nicht eine Silbe auf eventuelle Relativierungen zu verwenden. Sie sagte, was zu sagen war, nannte die Namen der Opfer, bezeichnete die Mordserie als "beispiellos für unser Land", als "Schande". Sie habe sich persönlich das Video angesehen, in der die Zwickauer Terrorzelle mit den Morden prahlt. "Etwas menschenverachtenderes, perfideres, infameres habe ich in meiner Arbeit noch nicht gesehen." Eindringlich rief Merkel zu bürgerschaftlichem Engagement gegen Rechtsextremismus auf, zu einer Kultur des Hinsehens; sie zitierte Edmund Burke: "Für den Triumph des Bösen reicht es, wenn die Guten nichts tun." Merkel würdigte die Arbeit der Initiativen gegen Rechtsextremismus und schilderte kurz einen Teil der politischen Maßnahmen, die die Regierung ergriffen hat: die Einrichtung eines Untersuchungsausschusses und einer Bund-Länder-Kommission, um die Morde aufzuklären, die verstärkte Zusammenarbeit zwischen den Behörden auf Bundes- und Landesebene. Merkel zog eine scharfe, klare Trennlinie zum Rechtsradikalismus, und zeigte stellvertretend die Scham und die Reue über das, was geschehen ist. Dies war auch eine längst überfällige Rehabilitierung der Opfer.

Ein Echo auf Wulff

Eigentlich sollte diese Gedenkveranstaltung Christian Wulff abhalten, wochenlang hatte er sich auf seine Rede vorbereitet, auch die Angehörigen der Opfer hatte er bereits getroffen. Ismail Yozgat erinnerte daran, als er sagte: "Ich möchte mich von ganzem Herzen bedanken bei Herrn Altbundespräsident Christian Wulff. Wir sind seine Gäste. Wir bewundern ihn und ich möchte mich bei allen bedanken, die diese Gedenkveranstaltung für uns gemeinsam ausrichten." So erklang noch einmal das Echo auf Wulff, der sich das Thema Integration auf die Fahnen geschrieben und sich intensiv für diese Veranstaltung eingesetzt hatte, bevor er aufgrund zahlreicher Affären zurücktreten musste.

Eine Minute des Schweigens um 12 Uhr beendete den offiziellen Part, am Berliner Hauptbahnhof standen die Züge still, der Rundfunk Berlin Brandenburg unterbrach sein Programm, zahllose Menschen in Deutschland gedachten der Toten. Um 12.01 Uhr setzte der Alltag wieder ein. Er steht nun unter dem erneuerten, symbolischen Schwur, dass Rechtsradikale in diesem Land keinen Millimeter Platz bekommen dürfen.


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