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Genforschung: Schröder für therapeutisches Klonen

Bundeskanzler Schröder plant, das Klonen menschlicher Embryonen für therapeutische Zwecke zuzulassen. Anlass sind bahnbrechende Forschungsergebnisse südkoreanischer Wissenschaftler.

Bundeskanzler Gerhard Schröder will einem Zeitungsbericht zufolge das so genannte therapeutische Klonen auch in Deutschland ermöglichen. Nach Angaben der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" will der Kanzler die rot-grüne Koalition und die Öffentlichkeit für einen Kurswechsel in der Biopolitik gewinnen. Schröder fühle sich durch Erfolgsnachrichten wie der ersten Klonung von Stammzellen kranker Menschen in Südkorea in diesem Plan bestätigt, schrieb das Blatt unter Berufung auf Regierungskreise. Derzeit ist Forschung nur an importierten embryonalen Stammzellen möglich.

Stammzellen sind noch nicht auf eine bestimmte Aufgabe im Körper festgelegt. Aus ihnen können sich alle anderen Körperzellen entwickeln. Deswegen setzen Forscher bei der Behandlung bislang unheilbarer Krankheiten große Hoffnungen auf die Stammzellenforschung. Geklonte Stammzellen sollen es beispielsweise eines Tages ermöglichen, fehlende Stücke in durchtrennten Nervenbahnen zu ersetzen.

Der Kanzler bereite seine Mitarbeiter und Ministerien Schritt für Schritt darauf vor, auf eine Abschaffung der geltenden Regeln des Embryonenschutzes hinzuwirken. Schröder habe schon SPD-Chef Franz Müntefering auf seine Seite gezogen, der eine Fraktionsinitiative starten könnte. Der Kanzler setze aber auch auf die Unterstützung von Wirtschaftsminister Clement, Forschungsministerin Edelgard Bulmahn und Justizministerin Brigitte Zypries. Vor der Bundestagswahl 2006 solle aber keine Gesetzesinitiative angestoßen werden, hieß es.

Maßgeschneiderte Stammzellen

Hintergrund des Vorstoßes Schröders sind Klonerfolge südkoreanischer Wissenschaftler. Die Forscher haben als Erste weltweit maßgeschneiderte embryonale Stammzellen für schwer kranke Patienten geklont. Dies war ihnen bereits vor einem Jahr gelungen - nun haben sie die Technik so weit verbessert, dass die Herstellung unaufwändiger gelingt. Nach Einschätzung von Wissenschaftlern ist dies ein bahnbrechender Erfolg auf dem Weg zum therapeutischen Klonen. Mit Stammzellen, die dasselbe Erbgut wie die Patienten enthalten, könnten Mediziner die Abwehrreaktion des Körpers verhindern. Das würde die Heilungschancen nach dem Einpflanzen der Stammzellen erheblich verbessern.

Ein Team um den Tiermediziner Woo Suk Hwang und den Gynäkologen Shin Yong Moon von der Nationaluniversität in Seoul beschreiben ihre neuen Experimente in der Online-Ausgabe des Wissenschaftsjournals "Science" (Scienceexpress). Bis zur Therapie ist es allerdings noch ein langer Weg. So enthalten die gewonnen Stammzellen wahrscheinlich dieselben genetischen Defekte wie Patienten mit Erbkrankheiten und sind daher bei diesen nicht direkt zur Heilung einsetzbar. Zudem sind noch mehrere Schritte nötig vom Gewinnen der Stammzellen bis hin zum erfolgreichen Einsetzen in die Patienten.

Wissenschaftlicher Durchbruch

Dennoch lobt der Entwicklungsbiologe George Daley von der Harvard-Universität das Ergebnis der Koreaner als spektakulär. Sein Kollege Gerald Schatten von der Universität Pittsburgh gab zu, "mit einem solchen Durchbruch frühestens in Jahrzehnten gerechnet" zu haben. Auf jeden Fall müssten die, die das Klonen embryonaler Stammzellen bisher als ineffizient abgetan haben, ihre Meinung nun korrigieren, sagte der deutsch-amerikanische Biomediziner Rudolf Jaenisch vom Massachusetts Institute of Technology.

Das Forscherteam entkernte 185 Eizellen junger Spenderinnen und verschmolz sie mit je einer Hautzelle eines Erkrankten. Die elf an dem Versuch teilnehmenden Patienten rangierten im Alter zwischen 2 und 56 Jahren, waren männlich oder weiblich und litten unter einer von drei bisher unheilbaren Krankheiten: einer Querschnittslähmung, dem ererbten Diabetes Typ 1 oder dem Immundefekt Hypogammaglobulinämie.

Hwang und Moon setzten das Erbmaterial aus den Hautzellen in die entkernten Eizellen. Daraus entstanden Embryonen im frühen Stadium (Blastozysten), aus denen die Forscher je eine Stammzelllinie für ihre Patienten gewannen. Das heißt, jeweils eine Stammzelllinie hat dasselbe Erbmaterial wie der Kranke, von dem die entsprechende Hautzelle stammte.

Heilungserfolge bei Mäusen

Viele Mediziner glauben, dass mit Hilfe des therapeutischen Klonens einmal viele der schlimmsten Krankheiten geheilt werden können. Im Tierversuch gelang es unter anderem, die durchtrennten Nervenbahnen querschnittsgelähmter Mäuse durch Stammzellen wieder mit einander zu verbinden.

Mit Überraschung wurde in Fachkreisen auch wahrgenommen, dass die südkoreanischen Forscher ihre Erfolgsrate beim Klonen menschlicher Embryonen innerhalb von Jahresfrist um ein Vielfaches verbesserten. Mit durchschnittlich jeder 17. Eizelle gelang ihnen ein Treffer. Im Jahr zuvor hatten sie noch 200 Eizellen für einen Klon-Embryo verbraucht. Sie hatten damals aus menschlichen Klon-Embryonen Stammzellen gewonnen, aus denen im Labor sogar Vorläufer von Nerven, Muskeln, Bindegewebe und Knorpeln hervorgingen. Ihren Fortschritt bei den neuen Experimenten führen Hwang und Moon darauf zurück, dass sie jetzt frische Eizellen von freiwilligen Spenderinnen meist unter 30 Jahren benutzen und nicht ältere, die von Fruchtbarkeitsbehandlungen übrig geblieben waren und teils Jahre auf Eis lagen.

AP/DPA / AP / DPA