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Geplante Autobiografie: Kurt Becks letzte Worte

Die gute Nachricht: Kurt Beck hat ein Buch geschrieben. Die schlechte: Das Buch ist schon seit Wochen fertig. Dann kam sein Rücktritt und der Andruck wurde auf unbestimmte Zeit verschoben.

Von Tiemo Rink

Es gibt Zauberwörter, früher wie heute. "Sesam öffne dich" heißt es in Tausendundeiner Nacht - und die Tür geht auf. "Kurt Beck" heißt es im echten Leben - und die Tür geht zu. Zum Beispiel beim Pendo-Verlag in München. Wenn man dort in diesen Tagen anruft und den Namen des ehemaligen SPD-Chefs sagt, kippt die vorher nette Frauenstimme am anderen Ende der Leitung ins leicht Genervte.

"Wir haben eine Pressemitteilung vorbereitet", erklärt die Dame aus der Pressestelle mit fester Stimme. In dürren Worten und fünf Sätzen steht darin, was man halt so sagt in solchen Momenten. Mit "sehr großer Wahrscheinlichkeit" gehe man davon aus, dass das Buch noch erscheine. Einzelheiten zum Buch vielleicht "im Laufe der nächsten Woche". Das Buch - es ist die Autobiografie von Kurt Beck mit dem Titel "Ein Sozialdemokrat", fertig gestellt vor geraumer Zeit. Eigentlich sollte das Werk am 30. September mit großem Bohei in Berlin der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Für den absatzsteigernden Medienrummel war bereits gesorgt, Alt-Kanzler und sozialdemokratischer Bohei-Experte Gerhard Schröder hatte als Laudator schon zugesagt. Durch den Putsch vom Schwielowsee fehlt dem Buch nun ein nicht ganz unerhebliches Detail im Leben des Kurt Beck - das letzte Kapitel gewissermaßen.

Umschreiben oder einstampfen?

"Wir waren in erster Linie erleichtert, dass das Buch noch nicht gedruckt ist", erklärt Verlags-Sprecher Claus-Martin Carlsberg im Gespräch mit stern.de. Wäre Beck nicht schon am Sonntag, sondern erst am Mittwoch geschasst worden - der Pendo-Verlag hätte ein größeres Problem gehabt. "Anfang der Woche wollten wir drucken lassen", so Carlsberg. Das Buch wäre wohl gleich wieder eingestampft worden. So ist aber angeblich alles halb so schlimm. „Wir müssen halt die entsprechenden Änderungen nachtragen“, so der Sprecher. Allzu umfangreich sollten die zumindest im ersten Teil des Buches jedoch nicht ausfallen. Laut Carlsberg berichtet Beck dort eher unpolitisch von seinem Werdegang als Funkelektroniker über Bürgermeister und Ministerpräsident bis in die Berliner Zentren der Macht. Carlsberg erleichtert: "Da muss nicht viel geändert werden".

Kniffliger dürfte die Überarbeitung des zweiten Teils werden. Auf der Website des Pendo-Verlags heißt es in der Ankündigung: "Wenn es jemandem gelingen kann, der Partei zu neuer Kraft zu verhelfen […], dann ist es Kurt Beck." Nun ja. "Da müssen jetzt halt die entsprechenden Änderungen erfolgen", analysiert Carlsberg die Problematik. "Die entscheidende Frage ist doch: Wie umfangreich werden diese Änderungen?" Eine Frage, die man sich offensichtlich auch in Becks engstem Umfeld stellt. Ob nur umgeschrieben oder am Ende gar das komplette Projekt eingestampft wird - in der Mainzer Staatskanzlei schweigt man dazu.

Unerreichbares Vorbild Kohl

Vielleicht wäre ein Projektstopp gar keine schlechte Lösung. Wer liest schon freiwillig die im Regelfall pfundschweren Biografien von Politikern. Meist haben die Wälzer bereits eine ruhmlose Karriere vom wackeligen Parteitags-Büchertisch zu einem schlecht ausgeleuchteten Platz in der zweiten Reihe von verstaubten Regalen hinter sich, bevor sie schließlich - natürlich noch originalverpackt - in der blauen Tonne landen. Sicher, hier und da gibt es lesenswerte Ausnahmen. Beispielsweise im Fall Helmut Kohls, dessen gedruckte "Erinnerungen" konsequenterweise zurückreichen bis in sein Geburtsjahr 1930. So was kann aber nur der Einheitskanzler mit seinem Elefantengedächtnis, welches punktgenau mit dem ersten Atemzug des Giganten aus Oggersheim einsetzte. Von Beck sind solche Glanzleistungen nicht zu erwarten.

Wirklich spannend wäre also nur das Originalskript. Ob Beck darin die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Steinmeier lobt? Sich in Hymnen auf den genialen Parteistrategen Müntefering ergeht? Man wird es wohl nie erfahren. Auf dem Text sitzt man im Pendo-Verlag wie der Vogel Roc in Tausendundeiner Nacht auf seinem einzigen Ei. "Das kriegt so schnell keiner", ist Carlsberg entschlossen, den Schatz zu verteidigen. "Da passen wir gut drauf auf."