HOME

Girls Day bei den Berliner Piraten: Nerd trifft Girl

Ein Bravo-Starschnitt von Gerwald Claus-Brunner ist schwer vorstellbar - aber an diesem Donnerstag war er von Mädchen umzingelt. Was sonst noch passierte.

Von Anieke Walter

Es ist ein sehr, sehr seltenes Bild: Pirat Gerwald Claus-Brunner, Latzhose, T-Shirt, Palästinensertuch, steht in der Eingangshalle des Berliner Abgeordnetenhauses - umringt von Mädchen. Die meisten schauen den Piraten neugierig an, ein bisschen so, als wäre er ein Ufo. Aber nachdem klar ist, dass das Ufo unbewaffnet und auch sonst ganz freundlich ist, schlägt die Verhaltenheit in Sympathie um. "Die anderen Politiker tragen nur langweilige Anzüge, da finde ich sein Outfit viel lustiger", sagt Sara Claassen, 13. Das ist, erste Diagnose, der Sex-Appeal der Piraten: dass sie nicht so autoritätsmäßig daher kommen. Wie Politiker. Oder Eltern.

Ein Dutzend Mädchen aus den Klassen 5 bis 10 sind an diesem Donnerstag da. Anlass ist der bundesweite "Girl's day". Und ja, auch die als pizzamordender Tekkie-Verein verschrienen Piraten machen mit, zumindest die Berliner Fraktion, vorneweg Gerwald Claus-Brunner. Erstmal versucht er, die Schülerinnen, die sich im Abgeordnetenhaus versammelt haben, räumlich zu orientieren. "Für die Mathematiker unter euch, das Haus ist achsensymmetrisch." Irritierte Blicke. "Oder ihr fragt einfach nach der Zimmernummer 539, wenn ihr euch verlauft." Okay, das geht.

Kommunikation Pirat-Frau

Die Kommunikation Pirat-Frau, zweite Diagnose, verläuft nie ganz stolperfrei. Trotzdem sind die Mädchen schnell bezirzt. "Ich finde es cool, dass sie auf Themen wie Transparenz setzen und der Name ist auch gut. Die nehmen eben alles locker und sind nicht so verstockt wie andere Politiker", sagt Patricia Aschenbach, 13. "Ich kann mir vorstellen später zu den Piraten zu gehen." Und auch ihre Freundin Sara nickt: "Seit es die Piraten gibt, könnte ich mir vorstellen in die Politik zu gehen." Wirklich? In einen Männer-Nerd-Club?

Das Thema Geschlecht ist bei den Piraten heikel. Offiziell sind sie ultrapostfeministisch und ultra-post-gender, wenn es diese Worte denn gäbe. Die Quote halten sie für vorgestrig. Das Ergebnis überzeugt allerdings nicht: Es gibt, mit Ausnahme von Marina Weisband und Jasmin Maurer, praktisch keine Frauen in der ersten Reihe der Partei. Und der Umgang mit den wenigen weiblichen Exemplaren im Fußvolk lässt zu wünschen übrig. Erst an Ostern kritisierten die Jungen Piraten in einem offenem Brief die Herabwürdigung von Piratinnen über Twitter und Blogs. Susanne Graf, 19, einzige Frau in der Berliner Piratenfraktion, seufzt bei der Vorstellungsrunde: "Ich bin leider die einzige Frau und ich hoffe, dass sich das in den nächsten Jahren ändern wird."

Jungwählerinnen gesucht

Der "Girl's day", klar, kann bei der Rekrutierung helfen. Um die Neugier mit ein bisschen Spaß abzumixen, veranstaltet Claus-Brunner ein Planspiel. Es heißt: "Politik machen". Die Mädchen sollen einen Beschluss zum Thema "elektronisches Klassenbuch" fassen - ein Vorschlag, den Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) lanciert hat. Die Lehrer könnten mit diesem Tool zum Beispiel SMS über die Fehlzeiten von Schülern direkt an die Eltern schicken. Piraten-Referent Udo Lihs sammelt mit den Mädchen Pro- und Contra-Argumente. Die Piratenabgeordneten ziehen sich derweil auf Sitzplätze am Rand zurück und hacken auf ihren Smartphones rum. "Also ich glaube, dass meine Lehrer total überfordert sind mit einem elektronischen Klassenbuch, die haben schon Probleme, einen DVD-Spieler zu bedienen", sagt ein Mädchen. Da schauen die Abgeordneten auf - bedauerndes Nicken. Das Ergebnis des Planspiels ist eindeutig: Alle 12 Mädchen lehnen das elektronische Klassenbuch ab.

Ein bunter Tag für die Schülerinnen. Aber noch am meisten Eindruck scheint er, dritte Diagnose, bei den Piraten selbst hinterlassen zu haben. Ihre Tweets am Nachmittag klingen so, als hätten sie das andere Geschlecht erstmals seit langer Zeit wieder wahrgenommen. Der Abgeordnete Christopher Lauer twittert: "#Girlsday ist super. Will ich jetzt jeden Monat." Und sein Kollege Simon Kowaleski weiß auch, wozu das gut sein könnte: "Unsere Mädels führen eine extrem spannende, niveauvolle Diskussion. Warum haben wir nochmal dieses Wahlrecht ab 18?"

Themen in diesem Artikel