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Gregor Gysi im stern-Interview Allein auf der Bühne und niemand spendet Applaus


Manchmal ist er einsam. Und manchmal langweilt er sich. Im neuen stern gibt Oppositionsführer Gregor Gysi ungewöhnliche Einblicke in sein Seelenleben.
Von Jens König und Axel Vornbäumen
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Eine leichte Anspannung kann Gregor Gysi nicht verbergen. Es ist das erste Mal, dass der Fraktionschef der Linken den stern zu einem größeren Gespräch in seinem Bundestagsbüro trifft, seitdem das Magazin im Oktober 2012 ein großes Porträt über ihn veröffentlicht hatte: "Politik. Macht. Einsam" hieß der Titel - gezeichnet wurde das Psychogramm eines Mannes, der für die Politik Gesundheit und Familie geopfert hat. Harter Stoff. Über ein Jahr herrschte Funkstille.

Allein auf der Bühne, ohne Applaus

Gysi wollte die Geschichte damals auf Anraten seiner Mitarbeiter zunächst nicht lesen. Dann hat er es aber doch getan. Hat es ihn verletzt? Im Gespräch mit dem stern bestreitet der Politiker das: "Man kann mich mit Texten nicht verletzten. Mich haben einige Dinge geärgert, weil sie aus meiner Sicht nicht stimmen". Doch der weitere Verlauf des Interviews zeigt, dass der stern einen Nerv getroffen hat. Gysi spricht über die Deformationen, die der Berliner Po-litikbetrieb im Allgemeinen mit sich bringe. Und er übt scharfe Kritik. In der Politik gebe es "lauter Regeln, die ich nicht akzeptiere". Und dann gibt der neue "Oppositionsführer" auch zu, dass Politik gelegentlich einsam mache. Auf die entsprechende Frage antwortet er sehr offen: "Du stehst in der ersten Reihe, bist bekannt, spielst eine öffentliche Rolle, wirst für das, was du kannst aber nicht bewundert - im Gegensatz zu einem begnadeten Pianisten oder einem Schauspieler. Du fühlst dich auf der Bühne allein gelassen".

Gysi nennt es auch "unmöglich", dass ein Politiker wie Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) nicht mal eine Woche im Krankenhaus liegen könne, ohne dass die Medien sofort fragten, wann er endlich zurücktrete. Auf die Frage, ob er selbst niemals müde und der ständigen Wiederholungen und Kompromisse in der Politik nicht überdrüssig sei, antwortete Gysi: "Doch, manchmal schon. Aber das darf ich ja nicht sagen, weil Sie dann gleich eine Schlagzeile daraus machen".

Noch einmal durchstarten - und dann raus

Im stern -Gespräch bestreitet Gysi, abhängig von der Politik und süchtig nach Applaus zu sein. "Ich kann ohne sie leben. Ich lasse dann in einem Maße von ihr ab, wie Sie sich das kaum vorstellen können". Sein Rückzug aus der Politik werde "rechtzeitig" sein. "Einmal bin ich zu früh gegangen, 2000 als Fraktionschef. Jetzt will ich nicht zu spät gehen".

Doch vor dem Ausscheiden will Gysi noch einmal durchstarten. Seine neue Rolle als "Oppositionsführer" will der 65-Jährige dazu nutzen, stärkeren Einfluss auf die gesellschaftliche Stimmung zu nehmen. "Ich hätte gerne die Macht über den Zeitgeist". Nur wenn der sich ändere, ändere sich auch die Politik. "Das ist das Einzige, was Merkel wirklich stört: wenn sie nicht mehr den Zeitgeist repräsentiert". Gysi will dazu künftig stärkeren Kontakt zu außerparlamentarischen Bewegungen wie "Blockupy" aber auch zu den Kirchen suchen.

Und er hat eine alte Bühne, die er verstärkt nutzen will: das Rednerpult im Bundestag. Als Chef der stärksten Oppositionsfraktion hat Gysi das Recht, auf Regierungserklärungen der Kanzlerin direkt zu antworten. Seine rhetorischen Fähigkeiten sind unbestritten. Würde er sie für etwas anderes eintauschen? Gysi muss bei der Frage nicht lange überlegen. Sein Wunsch: "Ich würde gerne sämtliche Fremdsprachen dieser Welt perfekt beherrschen – die lebenden und die toten".


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