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stern-Chefredakteur Die Rückkehr deutscher Urängste und sexuelle Übergriffe in der FDP: Gregor Peter Schmitz über den aktuellen stern

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Inflation, Rezession, Atomgefahr: Wie unsere heile Welt zerbricht. Der aktuelle stern-Titel
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Inflation, Rezession, Atomgefahr: Unsere heile Welt zerbricht gerade vor unseren Augen. Außerdem spricht die einstige FDP-Hoffnungsträgerin Silvana Koch-Mehrin über sexuelle Übergriffe in ihrer Partei. Gregor Peter Schmitz über das aktuelle stern-Magazin.

Wir wissen nicht, wie weit Wladimir Putin noch gehen wird. Und für Wladimir Putin ist es sehr wichtig, dass wir nicht wissen, wie weit er noch gehen wird. Zweifel zu säen ist sein Geschäftsmodell, es ist vielleicht das wichtigste Mittel seiner besonderen Kriegsführung. Die Deutschen sind für derlei Verunsicherung besonders empfänglich, Putin preist ihre Angst ein, wie es Ex-Bundespräsident Joachim Gauck genannt hat. Die Inflation etwa ist eine deutsche Urangst.

Lange lachten wir über Umfragen, laut denen die Deutschen mehr Angst vor der Geldentwertung hätten als vor einer lebensbedrohlichen Krankheit. Nun lacht niemand mehr, und auch die Sorgen vor Wohlstandsverlust und erst recht vor dem Atomkrieg kehren mit grimmig-ernsthafter Wucht zurück. Wir müssen uns von unserer heilen Welt verabschieden (wohl wissend, dass diese auch vor Jahren nicht mehr heil war, aber doch etwas weniger bedrohlich als jetzt). Verzicht ist das Mantra der Stunde, hat unser Titelteam rund um Stefan Schmitz analysiert.

Gibt es gar keine Hoffnung? Oh doch. Man kann etwa Joachim Gauck zuhören. Der ist auch evangelischer Pastor, und er sagt: "Ängste sind menschlich, aber der Mut ist auch menschlich."

Sexuelle Übergriffe in der FDP

Es gibt eine Steigerungsform von Todfeind. Sie heißt: Parteifreund. Das ist der Witz, den wir über den knallharten Konkurrenzkampf in politischen Parteien machen. Was aber, wenn der Parteifreund nicht nur karrierebewusst ist, sondern übergriffig? Silvana Koch-Mehrin, einst Hoffnungsträgerin der FDP, ehe eine Plagiatsaffäre sie ausbremste, hat meinem Kollegen Kester Schlenz geschildert, dass sexuelle Belästigung über Jahre zu ihrem Alltag gehörte. "Ich wurde angefasst. Einfach so. Da waren immer wieder Hände auf meinem Knie. Man hat meine Brust berührt, mir ungefragt sanfte Rückenmassagen verabreicht", sagt sie. Ständig habe es Anzüglichkeiten gegeben, Sätze wie: "Ich würde so gern mit Ihrer Eiskugel tauschen." Ein Parteifreund sagte über sie, "ihre Zukunft liegt zwischen ihren Beinen".

Warum sie geschwiegen hat? Sie wollte nicht "zickig" wirken: "Ich habe durch Passivität mitgemacht, mich nicht gewehrt und keine Grenzen gezogen. Dadurch habe ich das System unterstützt." Manche Menschen werfen Koch-Mehrin nun vor, sie sei nur auf Öffentlichkeit aus. Es sind vermutlich Leute, die nie so viel Mut aufbrachten, Unrecht anzuprangern, wie diese Frau.

Gratulation an einen geschätzten Kollegen

Günter Wallraff ist ein Grund, warum ich Journalist werden wollte. In den 70er-Jahren hat Wallraff ganz allein den Undercover-Journalismus in Deutschland erfunden. Er war der Leiharbeiter Ali in "Ganz unten", er schaltete die Kleinanzeige "Ausländer, kräftig, sucht Arbeit, egal was, auch Schwerst- und Drecksarbeit, auch für wenig Geld". Und schrieb dann auf, was Menschen mit einem machen, der offensichtlich zu allem bereit ist. Er schleuste sich als "Hans Esser" in die "Bild"-Zeitung ein und schrieb mit, was passieren kann, wenn Journalisten glauben, sich alles erlauben zu können.

Nun ist Wallraff 80 geworden, er ist immer noch ein Kollege, denn bei RTL recherchiert er weiter mit seinem "Team Wallraff". Gerade hat er spektakulär enthüllt, wie es um die Hygiene bei Ketten wie Burger King steht. Die "Süddeutsche Zeitung" bescheinigt ihm, damit Leute zu erreichen, die vom Journalismus eigentlich nichts mehr erwarten, weil sie Journalisten als Elite verachten. "Bei Twitter allerdings schreiben sie dann: 'Danke an #Team Wallraff für die Information.' Mehr kann man als Reporter gerade nicht erreichen." Wir stimmen zu und gratulieren herzlich.

Ihr
Gregor Peter Schmitz, Chefredakteur

Erschienen in stern 41/2022

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