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Grüne Künast im Berliner Wahlkampf: Mensch Renate!

Sie kämpft und kämpft und kämpft - und Wowi lächelt von der Plakatwand herab. Renate Künast hat den Berliner Wahlkampf praktisch schon verloren. Auch weil sie nicht so schön lächeln kann.

Von Caspar Schlenk

Renate Künast verteilt keine Rosen. Sie ist auf Wahlkampftour, es ist 4:30 Uhr in der Früh auf dem Berliner Großmarkt. Künast stapft durch die Lagerhallen, die Hände in den Taschen ihrer hellbraunen Lederjacke vergraben. Der Geschäftsführer des Marktes führt sie an Kisten voller Melonen, Tomaten und Salaten vorbei. Bei den Sonnenblumen bleibt sie stehen, die Fotografen bringen sich in Position. "Grüne und Sonnenblumen, was für ein schönes Klischee", sagt sie. Ein kurzer Plausch mit einer Floristin über Kenia-Rosen. Der Trupp zieht weiter. Die Arbeiter in der Halle begrüßt Künast mit einem kräftigen "Morgen". Sie schüttelt keine Hände, verteilt keine warmen Worte. Diese Art von Terminen liegen ihr nicht. Die Bühne fehlt, das Mikrofon ist aus.

Politik statt Gefühle, Inhalte statt Fotos, harte Worte statt präsidialem Lächeln - mit dieser Strategie wollte Renate Künast den Regierenden Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, stellen, um ihn zu beerben. Der Plan ging bislang nicht auf: Nach einem Höhenflug im Frühjahr stehen die Berliner Grünen in aktuellen Umfragen bei 20 Prozent, drei Punkte hinter der CDU, die Sozialdemokraten liegen schier uneinholbar vorne. Künasts Traum, die symbolträchtige Hauptstadt zu erobern, ist so gut wie zerstoben. Es ist kalt in den Lagerhallen des Großmarkts.

Künast aus der "Fischer-Schule"

"Renate kämpft", steht auf ihren Wahlplakaten. Bis zum 18. September, 18 Uhr, der Stunde der Entscheidung, will sie durchhalten. "Ich bin Fischer-Schule", sagt Künast, eine Referenz an Deutschlands beliebtesten Ex-Straßenkämpfer Joschka Fischer. Also weiter, immer weiter, bissig, manchmal verbissen präsentiert sie ihre Vision von einem grünen Berlin. Künast ist es gewohnt zu kämpfen: Gegen die Autorität ihres Vater, der sie gerne als Hausfrau gesehen hätte; gegen die Aggression von Häftlingen, als sie Sozialarbeiterin im Gefängnis war; gegen die Betonköpfe im Bauernverband, als sie im Amt der Verbraucherministerin die ökologische Landwirtschaft ausrief. Immer hat sie gewonnen, aber diesmal entzieht sich der Gegner: Klaus Wowereit agiert in der cremefarbenen Etage urbaner Wellness. Künast verteidigt ihren Stil, sie glaubt, unter einem Vorurteil zu leiden, das ihre Auftritte beschwert: "Ein Mann, der aufzählt: 1,2,3, das sind die Probleme, gilt als hochkompetent. Wenn ich den Finger in die Wunde lege, dann ist das zu hart."

Probleme und Themen liegen in Berlin förmlich auf der Straße, einige haben die Grünen identifiziert, aber keines erwies sich als massentauglicher Schlager. Der umstrittene Ausbau der Stadtautobahn A100 wühlt nicht annähernd so auf wie Stuttgart 21. Über die Flugrouten des neuen Hauptstadt-Flughafens in Schönefeld wird hart gerungen, aber am Ende entscheidet das Bundesverwaltungsgericht. Künasts Forderung, auf Hauptstraßen mehr Tempo-30-Limits einzuführen, fanden die staugeplagten Berliner eher bedrohlich.

Auch der Konflikt um die geplante schnieke Bebauung des Spreeufers zahlt nicht auf die Grünen ein. In einem Bürgerentscheid stimmte die Mehrheit gegen das Projekt "Mediaspree", doch die Entscheidung war nicht verbindlich, das letzte Wort hat der Senat. Da hilft es wenig, dass die Grünen bereits den Bezirksbürgermeister im betroffenen Stadtteil Friedrichshain-Kreuzberg stellen. "Was ist denn nun mit der Mediaspree?", ranzt ein Marktbesucher in Neukölln die Kandidatin Künast an. Der grüne Landesvorsitzende Daniel Wesener springt ihr zur Seite und versucht zu erklären, aber ein junger Mann unterbricht ihn: "Bla, bla, bla." Künast sagt: "Bei Bürgerbeteiligung kann ich nicht versprechen, dass am Ende jeder 100 Prozent zufrieden ist." Das ist ehrlich. Aber kein Satz, der irgendwen zufriedenstellt.

Wowereit - nur noch "personality"

Wowereit lässt sich auf das Klein-Klein der Stadtpolitik erst gar nicht ein. Er inszeniert einen Wahlkampf, der die Kampagnen von Ole von Beust 2008 und Angela Merkel 2009 fortführt: Alle Jetons auf Personality und schöne Bilder, das höchste Ziel ist, Vertrauen zu erwerben, Inhalte sind sekundär. Auf den Wowereit-Plakaten, an denen Künast nun täglich vorbei läuft, steht nichts, nicht einmal ein Slogan. Zu sehen ist einfach nur sein Gesicht, in milden schwarz-weiß-Tönen fotografiert, außerdem das rote Signet der SPD. Jeder, der mit Problemdebatten um die Ecke kommt, wirkt wie ein Straßenköter, der versucht, dieses Plakat anzupinkeln. Es ist ein fataler Effekt für die politischen Gegner: Ihre Kritik lässt Wowereit nur noch sympathischer wirken.

Auch Künast versucht gelegentlich, Sympathiepunkte zu holen, aber das Menscheln will ihr einfach nicht gelingen. Nach dem Wahlkampfauftritt in Neukölln sitzt sie kurz mit einem blonden Mädchen am Tisch, beide haben Filzmaler in verschiedenen Grünschattierungen in der Hand. "Ausmalbögen sind cool", sagt Künast. "Das könnte man jetzt noch Stunden machen." Dann steht sie einfach auf und geht. In der Bundespressekonferenz, ein paar Tage zuvor, saß sie mit Winfried Kretschmann am Tisch, dem neuen grünen Ministerpräsidenten Baden-Württembergs. Es ging um die großen politischen Linien für Berlin, es ging natürlich auch um die Dokumentation grüner Stärke. Virtuos dirigierte Künast den Pulk der Fotografen, die Institutionen der Bundespolitik sind ihr zuhause. Die Berliner Stadtpolitik war es mal, damals, als sie als junge Grünen-Politikerin im Landesparlament saß.

Die schwarz-grüne Option

Jetzt ist Berlin, die Stadt, nur noch ein Testfeld. Künast setzt auf Sieg, wenn sie nicht gewinnt, will sie wieder zurück in die Bundespolitik. So klar sagt sie das ungern, denn das stößt Wähler vor den Kopf. Sie sagt: "Ich werde keine Stellvertreterin von Wowereit." Oder sie blockt Nachfragen unwirsch ab. Beim Duell der Berliner Spitzenkandidaten im RBB herrscht sie die Moderatoren an, sich doch bitte auf Inhalte zu konzentrieren. Aber die Moderatoren beharren auf der Frage, ob Künast nach der Wahl wieder abziehe. Das zeige, ob es ihr wirklich um die Stadt ginge. "Ach, mir geht's immer um die Stadt", blafft Künast. Wowereit und Frank Henkel, Spitzenkandidat der CDU, sind ebenfalls im Studio und feixen.

Ein paar Meter vor dem Grünen-Wahlkampfstand am Kottbusser Tor in Kreuzberg hängt ein Kleber an der Wand, er trägt die Aufschrift: "Wer Grün wählt, wählt Henkel." Das ist das Szenario, das der politischen Linken in Berlin Kopfzerbrechen bereitet. Künast könnte, wenn es die Wahlergebnisse hergeben, mit der CDU koalieren, um doch noch Regierende Bürgermeisterin zu werden. Bei einer Podiumsdiskussion der Industrie- und Handelskammer (IHK) muss sie Henkel vorstellen, und sie übt schon einmal ein paar Freundlichkeiten ein. Henkel sei ein Mann, der "auf beiden Beinen steht", sagt sie, ein "solider Politiker".

Bei den Berlinern, ohnehin ein schroffes Völkchen, kommen die taktischen Drehungen und Wendungen der Renate Künast nicht gut an. Beim Wahlkampftermin in Neukölln fragt eine junge Frau mit Kinderwagen: "Worauf können wir uns noch verlassen?" Künast pariert: "Auf uns können sie sich verlassen, wir sind immer an unseren Themen drangeblieben." Auch so ein Satz, der niemanden zufrieden stellt.