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Grünen-Hoffnung Kretschmann in Baden-Württemberg: Der alte Mann und die Macht

Winfried Kretschmann könnte der erste Grünen-Ministerpräsident der Republik werden - durch den Streit um Stuttgart 21. Doch niemand weiß, ob er das wirklich will, am wenigsten er selbst.

Die Realität kommt mit großen Schritten, sie ist knapp zwei Meter groß und trägt einen dunklen Anzug. Rudolf Louis Schweizer ist Unternehmer, ihm gehört die Schweizer Group, die Autoteile aus Aluminium und Magnesium produziert. Schweizer schwitzt etwas, nicht jeden Tag kommt ein Spitzenpolitiker in seinen Betrieb in Hattenhofen bei Göppingen. Er hat Winfried Kretschmann in einen kleinen Raum mit blau verputzten Wänden gebeten. Der Fraktionsvorsitzende der Grünen in Baden-Württembergs Landtag wartet, bis Schweizers Computer die Folien an die Wand wirft. Firmengeschichte: ein alter Mann mit Bart vor 140 Jahren, die Umstellung von Lederwaren zur Gießerei, Auszeichnungen und ein Besuch von Sigmar Gabriel im Werk in Vietnam.

Dann endlich die Folie, auf die Schweizer 15 Minuten hingearbeitet hat: "So!", ruft Schweizer in den kleinen Raum. "Jetzt zu den Themen, die uns drücken!" Das müsse man ja ausnutzen, wenn ein Politiker mal komme, erst recht ein Grüner. Hinter ihm erscheint eine Excel-Tabelle. Darauf die Beträge, die seine Firma in den vergangenen Jahren als EEG-Umlage auf den Strompreis gezahlt hat - und womit sie den Ausbau der erneuerbaren Energien förderte. 2004 waren es 13.000 Euro, 2010 würden es aufgrund der gestiegenen Umlage 500.000 sein, "bald deutlich über 1 Mio. Euro". "Dramatisch" findet Schweizer das bei einem Umsatz von 70 Mio. Euro und einem Ergebnis von 2 bis 2,5 Mio. Euro.

Ein Mann, der langsam geht und langsam spricht

"Ich bin jetzt überrascht", sagt Kretschmann. "Ich habe das noch nie von einem Unternehmen gehört." Die Realität kommt unaufhaltsam auf ihn zu. Und sie könnte ihn bald zum ersten Grünen-Ministerpräsidenten der Republik machen. Von Stuttgart 21 und Grünen-Hype würde kein junger, aufstrebender Grüner profitieren, kein Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, kein Parteichef Cem Özdemir. Stattdessen ein Mann namens Kretschmann, 62 Jahre alt. Ein Mann, der langsam geht, langsam spricht und bei dem niemand weiß, ob er all diese Macht wirklich will.

Beim Firmenbesuch wundert er sich, schließlich sei die Förderung degressiv und "drastisch gesenkt" worden. Doch damit meint er die Solarförderung, die EEG-Umlage ist jedoch die andere Seite der Medaille. Die Umlage muss der Unternehmer zahlen, ob er in erneuerbare Energie investiert oder nicht. Es ist nicht sein Thema, er ist Landespolitiker und will es eigentlich auch bleiben. Er wird seine Leute fragen und Herrn Schweizer eine "kompetente Antwort" liefern.

Bei den Grünen lieben sie Kretschmann, auch wenn er als Anhänger von Bündnissen mit der CDU gilt. Die Ruhe, die er in sich trägt, den trockenen Witz, den er kann. Er sei so anders als all die Berliner Berufspolitiker. Er poltert nicht, geht nicht vorneweg. "Da mus i erscht mei Leud fraaage", sagt er lieber im tiefsten Schwäbisch. Für die Grünen ist er nicht zuletzt ein Machtfaktor. Er kommt an bei den "Leud" im Ländle, bei den Menschen, die sonst CDU wählen. Die Städter wählen ohnehin ausreichend Grün. Freiburg und Tübingen haben Grünen-Oberbürgermeister, auch in Stuttgart haben sie die meisten Sitze im Stadtrat, auch wenn CDU-Mann Wolfgang Schuster Oberbürgermeister geblieben ist.

"Politik muss keinen Spaß machen, sondern Sinn"

In der Grünen-Fraktion, im zweiten Stock des Landtags, überlegen seine Mitarbeiter, wie sie ihren Chef bekannter machen sollen. Das wird im Wahlkampf zwingend notwendig sein. "Wir bleiben auf dem Teppich, auch wenn der fliegt" ist so ein Satz, den sie ihm auf den Weg gegeben haben. Ansonsten lässt er sich wenig beirren.

"Politik muss keinen Spaß machen, sondern Sinn", sagt er. Talkshows mag er nicht, da werde zu sehr verknappt. Er hat auch schon so seine Erfahrungen gemacht. Im Radio erzählte er vor ein paar Jahren, dass er in der Jugend "a Kaschte Bier getrunge" habe. Der Privatsender Hit-Radio Antenne 1 hatte die "Woche der Wahrheit" ausgerufen und wollte es von den Politikern ganz genau wissen. Die "Bild"-Zeitung machte ihn zum "Verlierer des Tages".

Kretschmann sitzt in einem Restaurant in Uhingen, irgendwo im Ländle. Vor ihm ein Teller mit Tafelspitz, gegenüber der Unternehmer Schweizer. Kretschmann erzählt, wie der Radiosender ihn seinerzeit"verführt" habe. Genau wie die SPD-Frau Ute Vogt, die damals in der Sendung einräumte, schon mal einen Orgasmus vorgetäuscht zu haben. Dass Vogt den Medienaufschrei danach so ausgehalten hat, findet Kretschmann bemerkenswert.

Letztens erzählte Kretschmann einem Journalisten von seinem letzten Kirchgang. Das ärgert ihn noch heute, das gehe doch niemanden etwas an, ob und wann er bete. Dabei ist seine Ruhe mit dem Glauben verknüpft. Kretschmann ist tiefgläubig, Mitglied im Zentralrat der deutschen Katholiken. Die Medien machen ihm Angst, weil sie ihn aus seiner tiefen Ruhe locken.

Stuttgart 21: Fluch und Segen zugleich

Die Ruhe hatte er schon als Lehrer, erzählt einer seiner ehemaligen Schüler. Kretschmann war Oberstudienrat an einem Gymnasium in Sigmaringen, irgendwo zwischen Stuttgart und Bodensee. Er unterrichtete Biologie und Chemie, später Ethik. Vormittags ging er in die Schule, danach in den Landtag. Als er 2002 Vorsitzender der Fraktion wurde, hörte er in der Schule auf. Kretschmann ist Gründungsmitglied der Grünen, saß 1980 erstmals im Landtag. Zu seinem 50. Geburtstag sagte Reinhard Bütikofer, damals Landeschef der Grünen, Kretschmann könne sich zugutehalten, die Partei mehr verändert zu haben als sie ihn.

Die letzte große Änderung ist lange her, 1975 verließ er den Kommunistischen Bund Westdeutschlands (KBW), "seitdem habe ich keine Machtfantasien mehr", sagt er. Kritiker im Landtag sagen, er müsse immer an etwas glauben: früher an die Mao-Bibel, später Ökologie und Bibel. Zügiger Pragmatismus sei seine Sache nicht.

Mit der Ruhe ist es nun vorbei. Der Streit um das Bahnprojekt Stuttgart 21 ist für ihn Fluch und Segen zugleich. Zum einen kann er dort mit seiner Glaubwürdigkeit punkten, schließlich war er schon immer dagegen. S21 ist einer der Gründe, warum die Grünen in Baden-Württemberg in Umfragen so stark sind. Kretschmann bleibt auch da vorsichtig, will nicht mitschreien, wenn die Demonstranten "Lügenpack" rufen. Als er neulich auf der Bühne sprach, passte er auf, dass er nicht das Ende des Bahn-Projekts versprach.

Klassische Landesthemen wären ihm lieber

Auf der anderen Seite raubt ihm der Streit die Nerven. Er nimmt gerade 90 Prozent seiner Zeit ein. Zuletzt hat er davon geträumt, das ist ihm in seiner politischen Karriere noch nie passiert. Morgens ist es oft das Erste, woran er denkt. Nach dem Mittagessen mit dem Unternehmer muss er wieder nach Stuttgart, es warten noch zwei Abendtermine zu dem Thema. Er würde sich lieber mal wieder mit anderen Themen beschäftigen: Innovationspolitik, Schulpolitik - klassische Landesthemen also.

Zuletzt hat Bosch-Chef Franz Fehrenbach Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) für seine Bildungspolitik kritisiert. Kretschmann würde sich die Kritik gern genauer anschauen, aber er kommt nicht dazu. Wenn er Ministerpräsident werden sollte, muss er sich noch um ganz andere Themen kümmern. Baden-Württemberg hat sechs von 69 Sitzen im Bundesrat.

Bis zur Wahl im März warten noch Wahlkampf und Schlichtungsgespräche wegen des Bahnhofs. Die SPD will sich stärker darum kümmern. Zuletzt kam Parteichef Sigmar Gabriel angereist, polterte wie ein Berliner Berufspolitiker. Die SPD wirbt offen für die Tieferlegung des Bahnhofs und will dennoch eine Volksbefragung.

Kretschmann will "oben bleiben" - so das Motto der S21-Gegner. Bei einem Wahlsieg wird er sich mit den Sozialdemokraten arrangieren müssen. SPD-Fraktionschef Claus Schmiedel sagt: "Kretschmann hatte bisher eine klare schwarz-grüne Präferenz, aber wenn es jetzt zusammen für Rot-Grün reicht, wird er nicht anders können."

Andere schwärmen für Boris Palmer, Oberbürgermeister in Tübingen, schlanke 38 Jahre alt. Palmer hatte zuletzt das Ende von S21 versprochen. So weit wird Kretschmann nicht gehen. Auch wenn er am Ende nicht erster Grünen-Ministerpräsident werden sollte. Wenn es um ihn selbst geht, will er nur eines: "Unten bleiben."

Von Stefan Tillmann, Stuttgart / FTD