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Haftbefehl gegen Holger G. erlassen: Das Phantom von Lauenau

In seinem Dorf bei Hannover ist er der große Unbekannte. Die Polizei ist sich jedoch sicher, dass Holger G. der vierte Mann der Zwickauer Terrorzelle ist. Jetzt erging Haftbefehl.

Von Katharina Miklis

Für Daniel F. war es ein ganz normaler Sonntag. Vor acht Tagen wartete er zu Hause im beschaulichen Lauenau auf seinen Kumpel Holger G., der ihn zur Arbeit abholen wollte. Gemeinsam schrubben sie jedes Wochenende Autos, in einer Waschanlage in ihrem Dorf bei Hannover. Doch Holger G. kam an diesem Sonntag nicht.

Holger G. saß zu dieser Zeit bereits bei der Polizei und wurde verhört. Es ging um den Fall der Zwickauer Terrorzelle, um die Morde der Rechtsradikalen Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe. Das ganze Wochenende lang wurde Holger G. in diesem Zusammenhang vernommen. Und dann wieder freigelassen. So erzählte er es zumindest eine Woche später seinem Kollegen, als er ihn an diesem Sonntagvormittag zur Arbeit abholte.

Viel mehr erfuhr Daniel F. nicht von dem Mann, den er seit drei Monaten flüchtig über den Job an der Tankstelle kennt. Nur so viel: "Ich habe damit nichts zu tun!". Plötzlich tauchten fünf zivile Polizeiwagen auf und umkreisten das Auto, in dem Holger G. und Daniel F. saßen. Die beiden Männer wurden durchsucht, Holger G. sofort Handschellen angelegt.

Gegen Holger G. erließ die Bundesanwaltschaft am späten Montagabend Haftbefehl wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung. G. sitzt in Untersuchungshaft.

Mutmaßlicher Terrorist und Familienvater

Es besteht der Verdacht, dass der 37 Jahre alte Holger G. aus Lauenau bei Hannover Mitglied des NSU, des "Nationalsozialistischen Untergrunds", ist. Jener Verbindung, deren Gründer das Nazi-Trio Böhnhardt, Mundlos und Zschärpe ist, das für die brutalen Dönermorde verantwortlich zeichnet. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung konnte dieser Verdacht erhärtet werden. Bereits seit Ende der 90er Jahren soll G. mit den Mitgliedern des NSU in Kontakt gestanden haben. Im Jahr 2007 soll sich der Verdächtige, der wie die zwei erschossenen Nazis und ihre Komplizin aus Thüringen stammt, der Organisation angeschlossen haben. Dem 1998 untergetauchten Trio soll er nicht nur seinen Führerschein und Reisepass zur Verfügung gestellt, sondern auch mehrere Wohnmobile angemietet haben. Eines der Fahrzeuge soll bei dem Mordanschlag auf die Heilbronner Polizistin genutzt worden sein.

Wie der MDR berichtete, wird der mutmaßliche Komplize des rechtsextremen Terroristen-Trios ebenfalls verdächtigt, am Versenden von Briefbombenattrappen in Jena beteiligt gewesen zu sein. Seine mögliche Beteiligung an den Morden wird zurzeit untersucht. Die Bundesanwaltschaft ist überzeugt, dass Holger G. mit den Zwickauer Rechten die fremdenfeindliche Einstellung geteilt hat und in dieselben rechtsextremistischen Kreise eingebunden gewesen ist.

Die meisten Nachbarn kennen Holger G. nicht

In dem Dorf in Niedersachsen, in dem Holger G. seit einigen Jahren wohnt, zeigen sich die Nachbarn fassungslos darüber, was sich vor ihrer Haustür abgespielt hat. Den meisten ist Familienvater Holger G. völlig unbekannt. Seit vier Jahren ist der große blonde Mann mit seiner Freundin Diana S. zusammen und führt hier zurückgezogen ein scheinbar bürgerliches Leben. Gemeinsam mit zwei Teenagerkindern aus einer früheren Beziehung von S. wohnen sie in einem zweistöckigen Einfamilienhaus in einem Neubaugebiet des 4500-Einwohner-Örtchens. Im Garten steht ein Klettergerüst für die Kinder. Das Klinkerhaus steht am Ende einer Sackgasse. Schön ruhig. Eine ordentliche Wohngegend.

Holger G. arbeitet hier als Staplerfahrer in einem nahegelegenen Industriegebiet. Sonntags putzt er mit Daniel F. Autos in einer nahegelegenen Tankstelle. Seine Freundin sitzt dort an der Kasse. Ihre Arbeitskollegen wissen nur, dass Diana S. "total fertig" ist. Sie ist mit den Kindern nicht zu Hause, will sich zu der ganzen Geschichte nicht äußern.

Er putzt Autos, gilt als "harmlos"

Als "sehr harmlos" bezeichnet Kollege Daniel F. den Verhafteten. Die Dorfbewohner halten sich bedeckt. Dass es jedoch einige Neonazis in ihrer Gegend gibt, können sie bestätigen. Im nur wenige Kilometer entfernten Kurort Bad Nenndorf finden jährlich Aufmärsche von Neonazis statt. Dort, wo die britische Armee nach dem Krieg Nationalsozialisten verhört hatte, versuchen die Nazis eine Art Wallfahrtsstätte für ihre Anhänger zu schaffen.

Bei Neonazi-Demonstrationen ist auch Holger G. dem Verfassungsschutz aufgefallen. Mal 1999 in Braunschweig, vier Jahre später in Bayern. Seit über zehn Jahren ist Holger G. also bereits aktenkundig. "Wir haben seinen Namen im Keller in alten Papierakten über die rechtsextreme Szene gefunden", sagte Hans-Werner Wargel, Präsident des niedersächsischen Verfassungsschutzes, im Gespräch mit der Nachrichtenagentur DPA. Weil der Mann als Randfigur eingeordnet worden sei, habe seine Behörde ihn nicht näher unter Beobachtung gehabt.

Am Montag wurde Holger G. in Karlsruhe dem Haftrichter vorgeführt. Als er den Bundesgerichtshof betrat, hielt er in seinen gefesselten Händen ein Buch von Stephen King. Titel: "The Stand". Die deutsche Version lautet: "Das letzte Gefecht".

Mitarbeit: Malte Arnsperger