HOME

Hamburg-Wahl: "Da bin ich unbeugbar"

Drei Tage vor der Hamburg-Wahl wirbeln Spekulationen über den künftigen Umgang der SPD mit der Linkspartei den Wahlkampf durcheinander. Im stern.de-Interview bestreitet SPD-Spitzenkandidat Michael Naumann jedwede Annäherungspläne - und erläutert sein Verhältnis zur Lafontaine-Partei.

Herr Naumann, in Hamburg droht nach der Wahl ein Patt. Muss die SPD in Hamburg nicht doch mit der Linken können wollen?
Wir können und werden nicht mit den Linken, aus zwei Gründen: Erstens ist mir die PDS/ML-Fraktion, "mit Lafontaine an der Spitze", schon aufgrund der politischen Charakterschwächen des Parteiführers unangenehm. Zweitens haben wir hier in Hamburg eine Reihe von Splitterparteimitgliedern auf der Liste der Linken - DKP, KPD. Auch eine Dame, die sich darauf kaprizierte, die Korrespondenz von inhaftierten RAF-Terroristen zu publizieren. Oder alte SED-Anhänger, ebenso ein übrig gebliebenes Mitglied einer alten Maoistengruppe.

Sie kommen ursprünglich aus Ostdeutschland. Inwiefern prägt diese Herkunft ihr Verständnis von der Linken?
Ja, ich bin ein DDR-Flüchtling, kenne das System spätestens seit der Wende in- und auswendig. Und ich nehme auch zur Kenntnis, dass die Linke in Niedersachsen keine Hemmungen hatte, eine Kandidatin aufzustellen, die die Stasi wieder aufbauen möchte. Und ich erinnere daran, dass eine Frage ungelöst ist: das verschwundene Geld der SED. Rechtsnachfolgerin ist die PDS. Und ich vermute, das Geld liegt irgendwo im "real existierenden sozialistischen" Fürstentum Liechtenstein. Herr Gysi wird es wohl wissen. Mit anderen Worten: Ich habe gar keine Lust dazu, mich von dieser Partei tolerieren zu lassen oder gar mit ihr zu koalieren. Das sind keine seriösen Koalitionspartner. Dabei bleibt es für uns Hamburger Sozialdemokraten.

In Hessen hat Roland Koch immer wieder die kommunistische Vergangenheit von Kandidaten der Linken thematisiert, während sich Andrea Ypsilanti in diesem Punkt zurück gehalten hat. Sie argumentieren jetzt ähnlich wie Roland Koch. Was ist der substanzielle Unterschied zwischen der Linken in Hessen und der in Hamburg?


Wissen Sie, die Gemeinsamkeiten zwischen mir und Roland Koch hören schon auf, wenn wir uns morgens die Haare kämmen. Ich bin kein Experte für die hessische Linke. Ich habe genug mit unserem eigenen Wahlkampf zu tun, warum soll ich mich jetzt auch noch um hessische Splitterparteien kümmern? Wenn die Linke bei 4,9 Prozent gelandet wäre, hätte sich kein Mensch darum gekümmert.

Reden Sie die Linke durch solch eine Rhetorik nicht noch stärker?
Ich gebe die Frage zurück: Ist die Geschichte der Linkspartei und der PDS nicht auch ein mediales Ereignis? Für mich ist Gregor Gysi der charmante Rudi Carrell der politischen Talkshows. Immer heiter, immer lustig. Aber im Hintergrund verfolgt Gysi eine ganz andere Weltanschauung als jene, die er im Fernsehen zum Besten gibt. Die Medien müssen sich fragen, ob sie mit dieser Form der Dauer-Präsentation nicht auch einen Teil dazu beigetragen haben, dass eine spezielle Gruppe von Politikern salonfähig geworden ist, die sonst nie in Talkshows auftauchen würde.

Die Linke wird bundesweit von sechs bis sieben Prozent gewählt. Meist sind es Menschen, die von der SPD enttäuscht sind. Macht die Sozialdemokratie nicht einen Riesenfehler, wenn sie den Umgang mit dieser Partei tabuisiert?


Ich suche nicht den Umgang mit der Partei, sondern versuche, deren Wähler zu überzeugen. Wähler, die auch aus völlig legitimen biografischen Gründen heraus glauben, man muss jetzt diese Partei wählen. Warum aber sollte man nicht mit der Linken koalieren? Weil sie hier in Hamburg zwei Dinge klipp und klar gesagt haben. Erstens: "Wir wollen opponieren". Und zweitens: "Unser Hauptfeind ist die SPD". Entschuldigung, die Sache ist doch klar. Dass mich das auch immer an die Weimarer Republik erinnert, ist Nebensache. Aber darüber hinaus geht es in der Politik auch um Fragen der Charakterstärke. Das ist nicht unbedingt die Stärke von Oskar Lafontaine, aber von mir würde ich behaupten wollen: In dieser Frage bin ich unbeugbar. Punkt.

Wir steuern in Deutschland auf ein Fünf-Parteien-System zu. Verbaut sich die SPD, strategisch gesehen, da nicht selbst die Zukunft, wenn Sie nicht mit der Linken koaliert?
Ich bin nicht Chefstratege. Ich mache hier in Hamburg einen Wahlkampf, und ich finde, dass unser Weg der richtige ist. Und wenn Sie das als Strategie bezeichnen wollen, dann ist das eben Strategie. Die teile ich übrigens mit Kurt Beck. Und ich bin der festen Überzeugung, dass es in Deutschland immer wieder Parteien gab, die am rechten und am linken Rand gegrast haben. Die sind wieder verschwunden. Solche Parteien haben die Tendenz, sich selbst zu zerfleischen. Man muss schon ein wenig langfristiger denken. Und wenn Sie glauben, dass sich ein Fünfparteiensystem durchsetzt, dann wäre das eine Frage des inneren Reifungsprozesses der Linkspartei. Hier in Hamburg sehe ich dafür nicht die geringste Perspektive.

In Hessen hat Andrea Ypsilanti mit ähnlich starken Worten argumentiert und eine Koalition mit der Linkspartei abgelehnt. Jetzt heißt es, sie überlege, sich tolerieren zu lassen...


...ich habe am Dienstag mit ihr gesprochen, und sie hat dieses Gerücht mittlerweile ebenfalls dementiert. Und dabei bleibt es. Sie bemüht sich lebhaft um die FDP, denn die Liberalen müssen sich entscheiden, ob sie eine Partei sein wollen, deren einziges Lebensziel der Außenministerposten für Guido Westerwelle im Wahljahr 2009 ist. Ich finde, dass ist als Lebensgrundlage für eine Partei zu wenig. Die FDP hat eine linksliberale Tradition, die haben hier gute Arbeit geleistet. Viele sind ausgetreten, als diese linksliberale Tradition in den Wind geschossen wurde. Die FDP hat aber jetzt die Chance, sich eines Besseren zu besinnen. Es gibt genug Berührungspunkte, auch persönliche.

Interview: Sebastian Christ und Florian Güßgen