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Hamburg-Wahl Wie Katja Suding mich davor bewahrte, FDP zu wählen


Ursprünglich wollte ich FDP wählen, weil ich ein Herz für Schwache habe. Doch dann kam Katja Suding und hievte ihre Partei über die Fünf-Prozent-Hürde. Nun braucht sie meine Stimme nicht mehr.
Von Niels Kruse

Liebe Katja Suding, ich weiß nicht, wie oft Sie das schon gehört haben, aber: Sie sind ja mein Mann. Also, Mann im Sinne von Frau. Im Sinne von: Sie machen das schon. Ich nehme an, ganz in Ihrem Sinne, zumindest wenn ich die lustigen Plakate vom Anfang des Wahlkampfs richtig deute. "Unser Mann für Hamburg" stand da drauf. Das hat mir gefallen: Selbstironie, Spiel mit den Klischees, Augenzwinkern, nicht so kopflos wie der Herr Scholz (Erster Bürgermeister), nicht so apfelsaftschorlig schnarchigwie Grüne und Linke. Naja, ich muss Ihnen das nicht erklären, Sie kennen die Motive ja. Jedenfalls: Seitdem sind Sie mein Mann - Frau hin oder her.

Eigentlich hatte ich ja geplant, zur anstehenden Hamburg-Wahl ein Stück unter dem Titel: "Huhu, FDP, ich bin's - Euer Wähler" zu schreiben. Darin hätte dann gestanden, dass ich es schade finde, wie sehr Ihre Partei darnieder liegt (ich habe ein Herz für die Schwachen). Dass man niemanden tritt, der am Boden liegt (so wie Ihre Partei noch vor wenigen Wochen). Dass ich bei meiner ersten Wahl 1989 auch die FDP gewählt habe (weil ich es damals liebte, Freunde und Eltern zu schocken).

Außerdem hätte ich in dem Artikel die Gelegenheit genutzt, ein Hohelied auf den Liberalismus zu singen: Eigenverantwortung. Bürgerrechte. Leben und leben lassen. Zugegeben, er wäre wohl eine Art Sonntagsrede geworden: schöne Worte ohne irgendwelche Konsequenzen. Denn meine fünf Kreuzchen mehr oder weniger hätten die FDP natürlich nicht gerettet. Es wäre eher ein eitler Urnengang fürs Gewissen gewesen: Sieh an, mein Herz ist so groß, da ist selbst noch ein Plätzchen für die FDP frei, hätte ich mir dann sagen können. Hätte. Aber brauch' ich nun doch nicht. Dank Ihnen, liebe Katja Suding.

Von 2 auf 5 in weniger als drei Sekunden

Denn Sie ahnen es schon, es wären Mitleidsstimmen gewesen, was Ihnen als Leistungsliberale vermutlich nicht gefallen hätte. Aber, wie gesagt, dazu kommt es ja nun nicht. Schuld daran ist vor allem die Frau in Ihnen. Als irgendjemand bei der "Tagesschau" die schmierige Idee hatte, ihre Beine in Gänze zu zeigen, ging es plötzlich voran mit den Umfragewerten. Von zwei auf fünf Prozent in weniger als drei Sekunden Kameraschwenk. Respekt!

Sie selbst kommentierten das eher sachlich: So etwas sei halt hilfreich, um Aufmerksamkeit zu erzielen. "Tagesschau"-Chef Kai Gniffke entschuldigte sich anschließend, aber ich schätze mal, richtig böse sind Sie ihm nicht. Ich habe grundsätzlich nichts gegen diese Art der körperlichen Inszenierung, wobei ich mich allerdings etwas vor dem Nachahmungseffekt fürchte und hoffe, dass weder ihr Bundesvorsitzender oder der AfD-Chef oder sonst irgendjemand von diesen Um-die-fünf-Prozent-Parteien auf die Idee kommen wird, jetzt Röcke anzuziehen.

Ganz zu schweigen von den Bildern, die die Kollegen von der "Gala" von ihnen gemacht haben: die, wo sie sich als kämpferisch-devote "Engel für Charlie-Lindner" oder so ins Zeug gelegt haben. Was die umfragetechnisch bringen, weiß ich leider noch nicht, aber Jens König, Kollege aus dem Berliner stern-Büro, hat via Twitter schon mal die ganz optimistische Variante skizziert:

Kurzum: Mit vollem Körpereinsatz werden Sie, schwuppdiewupp, Ihre Partei wieder in die Bürgerschaft bringen. Was genau Sie mit der neuen Aufmerksamkeit anfangen werden, erschließt sich mir allerdings nicht. Denn wenn ich Sie richtig verstehe, dann ist es mittlerweile Ihr vornehmliches Ziel, eine rot-grüne Koalition in Hamburg zu verhindern. Nun ja, gut, aber das ist schon etwas schlapp, oder? Nur weil der Herr Scholz von der SPD Sie nicht als Koalitionspartner will? Diese bockige Blockade nach dem Motto, wenn ich nicht darf, dann darf auch kein anderer, erinnert mich eher an Blockierer-Sozis aus vergangenen Zeiten.

Jedenfalls liebe Katja Suding, Sie brauchen mich dann ja nicht mehr. Ich bin dann mal weg und verschenke Herz und Kreuz an jemanden, der sich noch über jede Stimme freut: die Piratenpartei - ganz so, wie es der Wahl-O-Mat mir rät. Ja, ich lasse mich von einer Schlagwort-Maschine beraten. Warum auch nicht, viel mehr wird einem ja nicht mehr geboten. Mann hin, Frau her.

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