Heiner Geißler Vom Schweizer Rentensystem lernen


Heiner Geißler, ehemals Generalsekretär der CDU, ist 78 Jahre alt, aber niemand soll ihn einen Rentner nennen. Er habe einen 16-Stunden-Arbeitstag, sagt Geißler nicht ohne Stolz zu stern.de. Eine seine Tätigkeiten ist eine politische Mission - in Sachen Rente.
Von Lutz Kinkel

Das Alter ist Heiner Geißler nicht unbedingt anzusehen. Vielleicht ist sein Kopf etwas tiefer in die Schultern gesunken. Vielleicht ist sein Gang nicht mehr so federnd und aufrecht. Aber sonst? Heiner Geißler sieht aus, wie Heiner Geißler seit Jahrzehnten aussieht. Altersmilde ist er auch nicht geworden. Er war schon als CDU-Generalsekretär unter Helmut Kohl ein scharfzüngiger, manchmal derber Redner. Und ist es noch.

"Das ist Quatsch". So bezeichnet Geißler im Gespräch mit stern.de im "Café Einstein" die Aussage von Altbundespräsident Roman Herzog, Deutschland steuere auf eine Rentnerrepublik zu, in der die Alten die Jungen ausplünderten. "Die Alten haben Beiträge und Steuern bezahlt, damit sie diese Rente bekommen", sagt Geißler. "Sie holen sich nicht Geld, das ihnen nicht gehört." Die große Koalition hatte vor einigen Wochen beschlossen, die Renten außerplanmäßig um 1,1 Prozent zu erhöhen. Daraufhin war ein Streit entbrannt, ob die - vergleichsweise sehr gut versorgte - Rentnergeneration diese Erhöhung tatsächlich braucht. Oder ob das Geld nicht zugunsten der Jüngeren gespart werden sollte.

Die meisten Experten verweisen darauf, dass das Rentensystem auf Dauer ohnehin nicht zu halten sei. Es gäbe zu wenige gut dotierte und voll sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze. Und zu wenig Nachwuchs. In einigen Jahrzehnten müssten zwei Arbeitnehmer einen Rentner ernähren. Das sei mit der Umlagefinanzierung nicht zu schaffen - weil die Rentenbeiträge dann exorbitant hoch sein müssten.

Schweizer Modell

"Die Relation von Jungen und Alten ist nicht der allein entscheidende Punkt für die Höhe und Sicherheit der Renten", kontert Geißler. Die Frage, wie voll die Rentenkasse sei, sei vielmehr eine Frage der Konjunktur und der Lohnhöhe. Derzeit aber würden die Leute "arm gemacht", durch eine falsche Ideologie, die von den Beschäftigten permanent Lohnzurückhaltung verlange. Geißlers Rechnung verlangt das genaue Gegenteil. Viele Jobs plus gute Bezahlung gleich volle Rentenkassen.

Allerdings müsste auch nach Geißlers Ansicht die Einnahmebasis der Rentenkasse verbreitert werden. Das heißt konkret: Die Beitragsbemessungsgrenze sollte wegfallen. Dann würden die Rentenbeiträge parallel zu den Einkünften steigen. Ein Topmanager müsste unter Umständen mehrere tausend Euro pro Monat für die Rentenversicherung bezahlen. Da Geißler das Schweizer Rentensystem favorisiert, bekäme ein Spitzenverdiener aber weit weniger Rente ausbezahlt als er einbezahlt hat. In der Schweiz wird zugunsten einer hohen Grundrente gnadenlos umverteilt. Außerdem müssen dort alle Rentenbeiträge entrichten, auch Selbständige und Beamte.

16-Stunden-Tag

Dass dieses Konzept weit mehr Parallelen zu der von den Sozialdemokraten geforderten Bürgerversicherung als mit den Vorstellungen der CDU hat, kratzt Attac-Mitglied Geißler nicht überhaupt nicht. Er glaubt, dass spätestens in der kommenden Legislaturperiode eine grundlegende Reform fällig sei. Was seine eigene Person betrifft, will Geißler übrigens nichts von Rente wissen. "Ich habe einen 16-Stunden-Tag. Deswegen bin ich kein Rentner", sagt er zu stern.de. Über Rente sprechen - okay. Rentner sein - ein ander Mal.


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