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Helmut Schmidts Tochter Susanne: Kein Platz für Befindlichkeiten

Papa Helmut: Erst tollte er mit ihr auf dem Boden herum, später kam Breschnew zum Tee vorbei. So ging es zu bei Familie Schmidt. Zum 90. Geburtstag spricht Susanne Schmidt im stern-Interview erstmals ausführlich über ihren Vater und ihr - fast - normales Leben.

Frau Schmidt, rauchen Sie?

Ja, wie meine Eltern.

Seit Sie zehn Jahre alt sind, wie Ihre Mutter?

Nein. Aber mit 14 hab ich bestimmt angefangen. Damals haben doch alle Leute geraucht. Vor allem die arbeitende "Normalbevölkerung".

Ihr Vater hat mal gesagt, Loki und ich, wir rauchen seit mehr als 70 Jahren zusammen ...

Das ist doch eine niedliche Liebeserklärung.

Ihr Vater wird am 23. Dezember 90 Jahre alt. Was schenken Sie ihm?

Einen Witz. Was sonst schenkt man Menschen, die alles haben? Wir schenken uns immer den schönsten Schwachsinn, der sich finden lässt. Etwa einen aufziehbaren Elefanten, ganz in Rosa. Bei meinen Eltern steht eine ganze Galerie von Schwachsinnskram rum. Wir finden das wunderbar.

Man kennt Helmut Schmidt immer nur gefasst, kontrolliert und diszipliniert. Haben Sie ihn mal fröhlich oder ausgelassen erlebt?

Ausgelassen nicht, aber fröhlich und entspannt ja.

Wann konnte er lockerlassen? Im Urlaub?

Einmal waren wir in Kenia. Da waren die Topleute der deutschen Sparkassen und Banken dabei. Wir haben mit einem kleinen Flugzeug einen Rundflug über einen Krater gemacht. Es kam Nebel auf. Der Pilot verlor total die Orientierung, wir hatten das Gefühl: Gleich fliegt er gegen einen Berg. Wir hatten unheimlichen Schiss. Meine Mutter hat dann zwischen den Wolken einen See gesehen und den auch richtig identifiziert. So sind wir wieder heil runtergekommen. Danach haben wir das gefeiert und Schnaps getrunken. Da wurde mein Vater ausgesprochen fröhlich. Es war das einzige Mal, dass ich das so erlebt habe. Er trinkt ja sonst fast gar keinen Alkohol.

Helmut Schmidt war also eher der klassische Vater, der Sicherheit und Geborgenheit vermittelt. Aber nicht der sensible, mit dem man über die innersten Befindlichkeiten redet?

Na, gucken Sie sich ihn doch an. Würden Sie denken, dass er einer ist, mit dem man ständig über Befindlichkeiten redet? Nee, innere Befindlichkeiten, das war nicht so angesagt. Wir sind ohnehin keine Familie, die ewig Nabelschau macht oder ständig Emotionen zeigt, linksrum und rechtsrum und so. Es wird einfach gemacht und nicht endlos geredet.

War Ihr Vater jemand, zu dem die Tochter kommen konnte, wenn sie ein Problem hatte?

Zu beiden Eltern konnte ich mit Problemen kommen, das meiste habe ich aber mit mir selbst abgemacht. Doch das große Thema, wie man Kinder kriegt, oder auch, wie nicht, das hat mir mein Vater erklärt.

Sie meinen, Ihr Vater hat Ihnen erklärt, wie man mit Kondomen verhütet? Das ist un- gewöhnlich für einen Mann seiner Generation.

Bei Mädchen machen das doch die Mütter. Hier war es eben mein Vater. Das finde ich übrigens gar nicht ungewöhnlich, nicht bei ihm.

War er ein zärtlicher Vater?

Zärtlich würde ich nicht sagen. Aber wir haben uns oft sportlich gekeilt, auf dem Teppichboden. Das war immer prima. Andere hängen bei Vater oder Mutter am Hals und geben Küsschen, wir haben uns eben auf dem Boden gewälzt und gerangelt.

Hätte er lieber einen Jungen gehabt?

Denke ich eigentlich nicht. Ich war auch nie der Typ anschmiegsames Mädchen. Insofern kam mir diese rustikale Zuneigung sehr entgegen.

Und dann ist der berühmte akkurate Scheitel des Helmut Schmidt durcheinandergeraten?

Das kann sein. Ist der so berühmt, der Scheitel?

Klar, und wie! Waren Ihre Eltern eher streng? Oder antiautoritär?

Das sind die falschen Kategorien. Beide haben immer sehr an meine Vernunft appelliert. Vielleicht ein bisschen zu sehr. Ich war immer vernünftig.

Viele Politikerkinder klagen, ihr Vater sei für sie fast nicht existent gewesen, weil er immer gearbeitet hat. War das bei Ihnen ähnlich?

Also, physisch war das bestimmt so. Während der Woche war er in Bonn. Und am Wochenende war er im Wahlkreis oder an seinem Schreibtisch. Er war ja ein richtiges Arbeitstier.

Dann durfte er auch nicht gestört werden?

Nee, sein Arbeitszimmer war tabu.

Ihre Mutter hatte sechs Fehlgeburten, Sie sind das einzige überlebende Kind. War das für Sie eine Belastung?

Ich hätte sicherlich gerne Geschwister gehabt. Ich glaube, das möchte jedes Einzelkind. Natürlich habe ich meine Mutter auch danach gefragt. Ja, und dann hat sie mir erzählt, wie schwer das für sie war.

Sind Ihre Eltern stolz auf Sie?

Nicht, dass ich das ständig höre. Aber ich denke schon.

Sind Sie stolz auf Ihre Eltern?

Aber sicher. Sie sind beide ganz besondere Persönlichkeiten, und beide haben jeweils fantastische Lebenswerke geschaffen. Und immer haben sie noch Tatendrang und Schaffenskraft. Ist doch toll.

Im Eigenheim in Hamburg-Langenhorn gingen die Mächtigen ein und aus. Leonid Breschnew war zu Besuch und Henry Kissinger ...

... ein paar habe ich erlebt, Kissinger war zum Beispiel ein beeindruckender Mann. Aber eigentlich war das ganz normal. Es war Vaters Beruf: Papa ist bei der Arbeit, und deshalb kommt Breschnew zum Tee.

Haben Sie sich privilegiert gefühlt als Tochter eines führenden Politikers?

Nö. Aber es haben sich natürlich Leute an die Tochter des Kanzlers rangedrängelt. Das mochte ich nicht so gerne.

Während der Hamburger Flut 1962 wurde Ihr Vater als Innensenator und Krisenmanager zum Helden der Stadt. Sie waren 14 Jahre alt. Waren Sie damals stolz auf ihn?

Ja, aber mit ein bisschen Zeitverzögerung, als ich begriffen habe, wie hervorragend er da funktioniert hat.

Haben Sie Ihren Vater mal schwach erlebt?

Schwach im Sinne von physisch schwach, ja. Er hat ja inzwischen den vierten Herzschrittmacher. Aber seelisch oder mental schwach, dass er verzweifelt war oder so was, das habe ich bei ihm nie erlebt. Er war immer gefasst. Und wenn ihn mal was wirklich bedrückt hat, dann hat er wohl versucht, das niemandem zu zeigen.

Wie war das, als der Kanzler aus der Umlaufbahn der großen Politik heimkam ins Reihenhaus nach Langenhorn?

Das ist doch ein riesiges Gefälle. Da prallen Welten aufeinander. Ich glaube, für ihn war es eher eine weitere Fortführung dessen, was er in der Woche getan hat. Er hatte ja seinen Wahlkreis in Hamburg. Das heißt nicht, dass die Familie für ihn nicht wichtig war. Hauptsache, der Familie geht es gut - das war und ist die Bedingung dafür, dass er sich wohlfühlt.

Auf die Frage, warum er nicht, als Kanzler, an die feine Elbchaussee gezogen sei, sagte Helmut Schmidt: Da gehör ich nicht hin ...

... der Satz charakterisiert meine Eltern sehr genau.

Immer wieder wird Spitzenpolitikern nachgesagt, sie seien süchtig nach Macht und Politik. Ihr Vater auch?

Politik war unwahrscheinlich wichtig für ihn. Aber wenn ich mir überlege, mit welcher Würde er seinen Sturz 1982 akzeptiert hat, dann kann ich nicht sagen, dass er süchtig war.

Hat er sehr unter seiner Abwahl gelitten?

Das weiß ich nicht. Er hat es abgehakt, und dann kam das nächste Kapitel. Das war die "Zeit", wo er bis heute Herausgeber ist. So ist er. Wir sind alle drei keine Leute, die ständig ihr Innerstes nach außen kehren. Jammern ist nicht angesagt.

Hat Ihr Vater zu Hause von seinen politischen Erlebnissen erzählt, Sie teilhaben lassen?

Natürlich wurde viel über Politik geredet. Und offen. Da haben meine Eltern mir immer vertraut. Denn ich war verschwiegen wie ein Grab. Jeder wusste, dass man sich auf die Kleine verlassen konnte.

Hat Ihnen Ihr Vater manchmal ganz schrecklich gefehlt?

Nö, das war eben so. Ich glaube, ich war sechs, als er in den Bundestag kam. Und während der Woche haben meine Mutter und ich eben ein Leben zu zweit geführt, da hatte ich sie dann ganz für mich alleine. Für meine Mutter war das wahrscheinlich nicht so wunderbar.

In Deutschland lief in diesem Jahr der "Baader Meinhof Komplex", ein Film über die Terrorjahre der RAF. Ihr Vater stand damals auf der Abschussliste der RAF ganz oben. Werden Sie sich den Film anschauen?

Das würde mir zu nahe gehen. Ich würde mich total ärgern - oder ich wäre emotional berührt. Das waren hochdramatische Zeiten, an die ich nicht gern zurückdenke.

Ihre Mutter schreibt in ihrem neuen Buch*, 1977 wurde Ihnen empfohlen, als Tochter des Kanzlers nicht in Deutschland zu bleiben. Haben Sie sich von der RAF bedroht gefühlt?

Natürlich. Ich wohnte damals bei meinen Eltern. Die hatten ständig Personenschutz und ich auch.

Und wenn Sie ausgegangen sind?

Mochte ich nicht. Ich konnte nicht einfach sagen: Ich geh heute Abend mit Freunden zum Italiener. Es waren zeitweise vier Bodyguards dabei, mit Maschinenpistolen. Da haben mich die Leute natürlich angestarrt.

Und dann sind Sie nicht mehr aus dem Haus?

Nur noch zu Freunden.

Hatten Sie auch Freunde, die sich gefragt haben: Was wäre, wenn die von der Polizei gesuchte Ulrike Meinhof an die Tür klopfte - würden wir sie reinlassen?

Die klassische Szenefrage damals. Ich würde sagen, im erweiterten Bekanntenkreis gab es sicher Leute, die gesagt haben: Die Pistole gebe ich Ulrike nicht grade in die Hand, aber übernachten dürfte sie hier schon. Da gab es doch unter Intellektuellen und Studenten eine ziemliche Sympathie.

Wie haben Sie reagiert, wenn Sie das festgestellt haben?

Bei manchen war ich mir nicht ganz sicher. Von solchen Leuten hab ich mich ferngehalten. Für Sympathisanten hatte ich keine Zeit. Außerdem: Die Tatsache, dass wir alle Antinazi waren, machte doch nicht alle zu Sympathisanten der RAF.

Hatten Sie Angst um Ihre Eltern?

Natürlich. Es war eine sehr bedrückende Zeit. Aber ich hab das alles irgendwie weggedrückt.

War das Eigenheim der Schmidts damals eine Festung mit Mauer und Stacheldraht?

Keine Mauer. Aber Zaun, Kameras und natürlich Polizisten.

Ihre Mutter schreibt, sie habe gemeinsam mit ihrem Mann bei einem Spaziergang beschlossen, sich im Falle einer Entführung nicht freipressen zu lassen ...

Wir haben auch zu dritt darüber gesprochen. Wir waren einer Meinung: Der Staat darf sich nicht von Terroristen erpressen lassen. Auch ich habe für mich entschieden: Ihr sollt mich im Ernstfall nicht austauschen. Das habe ich meinen Eltern auch so gesagt.

Wie - Sie waren 30 Jahre alt, und Sie hätten sich fürs Vaterland erschießen lassen?

Das klingt viel zu heroisch. Aber im Ernstfall wäre es so gewesen.

Haben Sie in der Familie auch über die Motive der RAF diskutiert?

Daran kann ich mich nicht erinnern. Wir fanden die Motive abwegig. Man kann sich natürlich immer eine bessere Gesellschaft vorstellen, aber man kann sie nicht herbeischießen. Außerdem - Vaddern hat regiert, Muttern war seine Frau und mit ihren eigenen Dingen beschäftigt, ich hab gearbeitet, und die RAF sollte nicht unsere Hauptbeschäftigung werden.

Wie haben Sie in diesen bedrückenden Monaten Ihren Vater erlebt?

Angespannt und schwer arbeitend.

Hat er mit Ihnen seine Konflikte besprochen?

Nein.

Hat Ihr Vater Sie überhaupt jemals konsultiert, wenn er Probleme hatte?

Nee. Auf den Tag müssen wir noch warten.

Sie sind 1979, auch aus Sicherheitsgründen, nach London gegangen, zur Deutschen Bank. Wurden Sie dort auf die RAF angesprochen?

Nein. Für die Engländer war das weit weg. Heute kommen manchmal jüngere deutsche Kollegen und fragen mich danach.

Sie sind 1947 geboren und waren 1968 im typischen Studentenalter. Haben Sie sich der 68er-Generation zugehörig gefühlt?

Nicht wirklich. Ich war stinksauer, wenn ich nicht in die Uni gehen konnte, weil sie mal wieder streikten. Sie können das angepasst nennen - aber ich hatte dafür einfach keine Zeit. Ich wollte einfach mein Ding machen. Im Übrigen habe ich eine oppositionelle Politik nur innerhalb der parlamentarischen Möglichkeiten gesehen. Das gilt bis heute.

In einem Punkt gab es zwischen Ihnen und Ihren Eltern größere Differenzen, das war der Umgang mit der Nazizeit.

Natürlich habe ich als Kind alle permanent gefragt: "Wie war das denn wirklich?", "Wie konntet ihr das nicht sehen?" Und da hatten wir eine Reihe von Gesprächen.

Wie haben Ihre Eltern reagiert?

Ich glaube, sie haben mir das beantwortet, so gut sie es konnten. Beide kommen ja aus richtigen Antinazi-Haushalten. Irgendwann - aber das hat ein bisschen gedauert - habe ich das dann akzeptiert. Zunächst mal nur intellektuell, mit dem Verstand. Inzwischen kann ich es auch glauben.

Waren Sie wütend auf Ihre Eltern?

Nein, das nicht. Aber bei uns hat es die gleichen Diskussionen gegeben wie in vielen anderen Familien auch. Meine Generation, eben die 68er, wir waren so jung, wir konnten es einfach nicht begreifen. "Das muss euch doch in die Augen gestarrt haben!", habe ich immer wieder gesagt. Ich habe jedenfalls ein bisschen gebraucht, um zu akzeptieren, dass es eben doch nicht allen Leuten in die Augen gestochen ist. Aber mein Grundgefühl war lange Zeit: So doof könnt ihr doch gar nicht gewesen sein. Ich glaube, ihr verschweigt was.

Glauben Sie, dass die Zeit als Wehrmachtsoffizier Ihren Vater sehr geprägt hat?

Die Soldatenzeit? Er hat nicht viel darüber erzählt, aber es muss wohl sehr schrecklich gewesen sein. Er war eigentlich noch ein Bubi von gut 20 Jahren, als es losging. Aber ich glaube, der Krieg hat ihn, wie alle dieser Generation, sehr erwachsen gemacht.

Sie leben seit vielen Jahren mit Ihrem Mann Brian, einem Banker, in der Grafschaft Kent. Besuchen Ihre Eltern Sie häufig?

Jetzt nicht mehr so oft. Dies ist ein altes Haus mit vielen Treppen. Das ist mühsam für Leute, die fast 90 Jahre alt sind, also fahren mein Mann und ich eben häufiger nach Hamburg.

Helmut Schmidt hat ein neues Buch veröffentlicht: "Außer Dienst". Es schoss auf Platz eins der Bestsellerliste. Die Tochter wird mit keinem Satz erwähnt. Kränkt Sie das?

Nein. Meine Eltern und ich lieben uns heiß und innig, und das muss nicht unbedingt in eines ihrer Bücher.

Wirklich? Da wären wir aber beleidigt.

Na, dann gibt es eben einen Unterschied zwischen Ihnen und mir.

Sie sind promovierte Finanzexpertin. Ihr Vater ist Weltökonom. Wer gewinnt bei wirtschaftlichen Debatten?

Wir sind uns oft einig.

Aber Sie sind Doktor und er nicht.

Und er war Bundeskanzler und ich nicht.

Sie arbeiten in London für den Börsenkanal Bloomberg-TV. Sehen das Ihre Eltern?

Manchmal ruft meine Mutter meinem Vater zu: "Guck mal, Suse ist im Fernsehen." Dann macht mein Vater den Ton wieder an - häufig zappt er tonlos durchs Programm -, und sie gucken beide ihre Tochter an.

Sind Sie Mitglied der SPD?

Ja, seit etwa 1980, bis heute.

Welcher Flügel?

Konservativ.

Wie legt die Finanzexpertin Susanne Schmidt in der Krise ihr Geld an?

Konservativ. Wie man das in meinem Alter tun sollte.

Interview: Tilman Gerwien, Gerda-Marie Schönfeld / print