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Holocaust-Gedenken im Bundestag: Reich-Ranickis großer Auftritt

Er ist gebrechlich, er ist würdig, er nennt Namen: Der Holocaust-Überlebende Marcel Reich-Ranicki, 91, sprach im Bundestag zum Gedenken an die Nazi-Opfer. Sein bewegender Auftritt.

Von Sophie Albers

Lechol ish jesh shem - "Jeder Mensch hat einen Namen", ist der Titel eines Gedichts, das in Israel am Jom Ha'Shoah, dem Holocaust-Gedenktag, verlesen wird. Jedes Jahr im April wird an den Aufstand im Warschauer Ghetto von 1943 erinnert, als rund 750 jüdische Widerstandskämpfer die deutsche Vernichtungsmaschine wenigstens kurzzeitig aufhalten konnten. Deutschland gedenkt seiner Schuld alljährlich offiziell am 27. Januar, dem Tag, an dem die Rote Armee 1945 die Gefangenen im Konzentrationslager Auschwitz befreite - das Lager, das zum Symbol der industriellen Vernichtung der europäischen Juden während der Nazizeit geworden ist. Altbundespräsident Roman Herzog hatte das Gedenken 1996 zur notwendigen Pflicht gemacht.

In diesem Jahr war der berühmte Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, ein Überlebender des Warschauer Ghettos, geladen, um im Bundestag zu sprechen, vor den höchsten Vertretern des Landes, den Abgeordneten, aber auch vor Schülern aus Frankreich und Polen. Um Namen zu nennen.

Adam Czerniaków

Nach einer Einführung von Bundestagspräsident Norbert Lammert, der auch auf die aktuellen Neonazimorde und den latenten Antisemitismus bei 20 Prozent der Bevölkerung hinweist, wird dem gebrechlichen 91-Jährigen ans Mikrofon geholfen. Und er nennt mit schwacher Stimme, aus der der wütende Kritiker, als der er bekannt wurde, nur noch gelegentlich hervorbricht, vor allem den Namen Adam Czerniaków, Obmann des "Judenrates" im Ghetto, für den Reich-Ranicki damals arbeitete.

Der Redner erinnert an den 22. Juli 1942, als die SS die "Umsiedlung" der Ghettobewohner "in den Osten" verkündete. Czerniaków sollte dabei helfen, das, was in Wahrheit die Deportation in den Tod bedeutete, umzusetzen. Und er nahm sich das Leben.

"Ich habe beschlossen abzutreten", schrieb er dem "Judenrat" in seinem Abschiedsbrief. "Betrachtet dies nicht als einen Akt der Feigheit oder eine Flucht. Ich bin machtlos, mir bricht das Herz vor Trauer und Mitleid, länger kann ich das nicht ertragen. Meine Tat wird alle die Wahrheit erkennen lassen und vielleicht auf den rechten Weg des Handelns bringen". Er sollte Unrecht behalten.

Reich-Ranicki tritt an diesem Tag im Bundestag als Zeuge auf, der sachlich davon berichtet, was er damals gesehen und gehört hat. Czerniaków war "still und schlicht abgetreten. Nicht imstande, gegen die Deutschen zu kämpfen, weigerte er sich, ihr Werkzeug zu sein". Die Emotionen liegen in den kleinen Beobachtungen: "Nicht laut zwar, doch ganz deutlich konnte man den frohen Walzer hören, der von 'Wein, Weib und Gesang' erzählte. Ich dachte mir: Das Leben geht weiter, das Leben der Nichtjuden", sagt Reich-Ranicki, der damals protokollieren musste, was SS-Sturmbannführer Hermann Höfle den Vertretern des "Judenrates" befahl, während andere SS-Soldaten Fotos machten oder Musik hörten. Es ist das Nebeneinander des Harmlosen und der Unmenschlichkeit, das jeden, der sich mit dieser Zeit beschäftigt, fassungslos macht.

Der ergreifendste Moment der Rede des Marcel Reich-Ranicki war allerdings ohne jedes Wort. Nachdem er am Rednerpult Platz genommen hatte, lehnte sich Reich-Ranicki zurück und betrachtete in Ruhe sein Publikum, in diesem Raum, in diesem Gebäude, das auch ein Sinnbild der Macht der Nationalsozialisten war. Das im Februar 1933 angezündet wurde, was den Nazis dazu diente, die "Reichstagsbrandverordnung" "zum Schutz von Volk und Staat" zu aktivieren, die die Grundrechte außer Kraft setzte. 1937 hauste hier die antisemitische Propaganda-Ausstellung "Der ewige Jude".

Elie Wiesel

"In uns allen gab es diese eine, alleinige Angst, der Letzte zu sein, der letzte Zeuge, der letzte Bote, der Letzte, der sich erinnert, der Letzte, der weiß, was passiert ist", schrieb einst Elie Wiesel, Holocaustüberlebender und Autor. "Sollte er oder sie sterben, hat der Feind seinen Sieg: Nichts, was hier passiert ist, bleibt in Erinnerung." Vielleicht war das ein Gedanke, der auch Marcel Reich-Ranicki in diesem Augenblick der Stille durch den Kopf gegangen ist.

Um nicht zu vergessen und um gewappnet zu sein, müssen wir immer wieder Namen nennen, denn "jeder Mensch hat einen Namen/ den das Meer ihm gab/ und sein Tod".