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Identitätskrise: Die Grünen spielen "Was bin ich?"

Joschka Fischer will Professor werden, die Grünen müssen sich ohne ihn bewähren. Fragt sich nur womit, denn die große Koalition hat zentrale Inhalte des grünen Programms längst verfrühstückt.

Überraschend kam Joschka Fischers weiterer Rückzug nicht. Seine Parteifunktionen hat der einstige Grünen-Patriarch drangegeben. Von der Rückgabe seines Bundestagsmandats ist in der Grünen-Führung schon länger die Rede. Dass der 57-Jährige als Gastprofessor an eine US-Elite-Universität will, wie der stern berichtet, hält man in seiner Umgebung für "nicht abwegig". Bahn frei für eine neue Ära jenseits der 68er. Zunächst steht die einstige Sponti-Partei allerdings mit schwerem Gepäck vor einer unbequemen Durststrecke.

Bei ihrer traditionellen Winterklausur in Wörlitz (Sachsen-Anhalt) will die Grünen-Bundestagsfraktion ab diesem Mittwoch neue Themen stärker erschließen. Derzeit kommen der Ökopartei Unionsforderungen auf ihren ureigenen Feldern sehr gelegen. "Sollte die große Koalition beim Atomausstieg wackeln, werden die Grünen den Protest auf die Straße tragen", kündigt Fraktionschefin Renate Künast an. Co-Vorsitzender Fritz Kuhn sagt: "Wir müssen die Verbraucher außerdem vor Seehofer schützen, denn er will die grüne Gentechnik einführen, die 70 Prozent der Menschen nicht haben wollen."

Längerfristig dürfte das kaum reichen - zumal Minister Sigmar Gabriel im grünen Traditionsbereich Umwelt als standfester Ökologe fleißig Punkte für die SPD sammelt. "Wir haben ja viele gute Wirtschafts- und Sozialpolitiker bei uns, aber hier noch zu wenig Ansehen bei den Wählern", sagt Kuhn. So will man bei den Grünen mit neuen Akzenten gegen Monopole und mit sozialreformerischen Ideen ins Gespräch kommen. Die große Hoffnung, die Spitzen-Grüne demonstrativ mit einem im September geplanten "Zukunftskongress" in Berlin verbindet, löst aber bereits Sorgen aus. Werde der laut erhobene Anspruch der Partei der Inhalte dabei nicht eingelöst, "dann haben wir ein Problem", sagt einer in der Berliner Zentrale.

Die Wunden aus der Regierungszeit

Fischers Abwesenheit eröffnet zunächst der FDP das Feld für Steilvorlagen - falls der Ex-Außenminister weiter zum Fall des vom US-Geheimdienst entführten Deutschen Khaled el Masri schweige, will FDP-Chef Guido Westerwelle einen Untersuchungsausschuss durchsetzen. Die Grünen wollen der amtierenden Regierung dagegen noch etwas Zeit zur Aufklärung geben.

Auch in anderen Feldern haben die Grünen an Hinterlassenschaften von sieben Jahren Rot-Grün zu knabbern. "Wenn wir zu viel und zu schnell neu machen, kommt immer die Frage: Warum habt ihr das nicht in der Regierung gemacht?", sagt ein jüngerer Abgeordneter. Gar nicht glücklich sind viele Abgeordnete zudem mit dem gültigen Parteitagsbeschluss vom vergangenen Sommer gegen ein Elterngeld - in Zeiten neuer Familienfreundlichkeit der großen Koalition.

Richtungswechsel nicht ausgeschlossen

Bei den fünf Landtagswahlen 2007 wollen die Grünen vor allem eins: ordentlich abschneiden. "Sehr hoch dotierten Wetten auf eine Regierungsbeteiligung in diesem Jahr" will man in der Parteiführung dagegen nicht eingehen. Gedankenspiele über andere Koalitionen als Rot-Grün gelten zwar längerfristig als unumgänglich - aber in diesem Jahr angesichts der reservierten Haltung der CDU etwa in Baden- Württemberg und dem Widerstand der Basis gegen Schwarz-Grün für wenig realistisch.

Im März, wenn in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen- Anhalt gewählt wird, stehen die ersten Grünen-Wahlkämpfe seit langem wohl ganz ohne Fischer an. "Wenn sie so einen politischen Mega-Star haben, der sagt: Er hört auf, er geht in die zweite Reihe, dann ist es eine politische Zäsur", sagt Kuhn. In Fraktion und Partei gebe es aber "viele gute Leute".

Basil Wegener/DPA / DPA