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stern-Reportage

Opfer der Energiewende: Immer auf der Kippe - wie der Kohleausstieg ein Dorf in der Lausitz spaltet

Ein Dorf in der Lausitz soll weggebaggert werden. Wegen der Braunkohle. Nun kommt der Ausstieg. Warum freuen sich die Menschen von Welzow nicht?

Versöhnt mit den Zumutungen des Tagesbaus: Welzows Bürgermeisterin Birgit Zuchold

Versöhnt mit den Zumutungen des Tagesbaus: Welzows Bürgermeisterin Birgit Zuchold

"hier liegt mein vater unter der erde/

meine mutter liegt aufm balkon/

hier frisst mir eine kinderherde/

die letzten haare vom ballon/

hier sind wir alle noch brüder und schwestern/

hier sind die nullen ganz unter sich/

hier isses heute nicht besser als gestern/

und ein morgen gibt es hier nicht

("Hier bin ich geboren" - Gerhard "Gundi" Gundermann, ostdeutscher Liedermacher und Baggerfahrer)


Tief in der Nacht kam Hans Joachim Schellnhuber zu ihr, ehemaliger Direktor des renommierten Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Es muss so kurz vor vier an diesem Samstagmorgen gewesen sein, vielleicht auch schon ein paar Minuten später, so ganz genau weiß Hannelore Wodtke das nicht mehr. Nur, dass sie noch hellwach war und aufgekratzt, "so richtig munter". Zu dieser nachtschlafenden Zeit war in Berlin nach einer Marathonsitzung nun also fast alles verhandelt worden, was man in Deutschland in einer Kommission an einem großen Tisch verhandeln kann: die Zukunft der Energieversorgung, die Rettung des Weltklimas, die Befriedung der Gesellschaft - flankiert durch den versprochenen Einsatz zweistelliger Milliardensummen.

Alles? Fast alles.

Eine Kleinigkeit fehlte noch - oder, aber das hängt vom Standpunkt ab, eine Herzensangelegenheit. Proschim. Ortsteil von Welzow. Nicht so wichtig. Aus Berliner Sicht jedenfalls.

Hans Joachim Schellnhuber hatte fünf Worte gesagt: "Mädel, du musst jetzt entscheiden."

Und Hannelore Wodtke, 68, entschied. Ihr Martin-Luther-Moment war gekommen, ihr "Hier stehe ich, ich kann nicht anders" - ein bisschen Herzklopfen war auch dabei.

Und so verweigerte die Rentnerin aus Welzow als Einzige von 28 Mitgliedern der Kohlekommission ihre Zustimmung zu einem historischen Dokument: dem 336-seitigen Bericht, in dem der Ausstieg aus der Kohleverstromung bis spätestens zum Jahr 2038 vorgeschlagen wird. Was damit besiegelt werden soll, ist nicht weniger als das Ende einer Ära, einer Industriekultur, aus der ganze Regionen über Generationen hinweg ihre Identität bezogen. Ihren Stolz. Ihren Daseins-Sinn.

Frau Wodtke aus Welzow, diesem Staubkorn in der Lausitz, ist nun bundesweit bekannt.

Eine aussterbende Industrie bedroht das Dorf

Viele Details sind in dem Bericht geregelt, seitenweise werden die "strukturpolitischen Effekte und Zukunftsvisionen" für die Kohlereviere erörtert. Es sind Sätze zu lesen wie: "Auch die Lausitz soll eine europäische Modellregion für den Strukturwandel werden." Und es ist bestimmt kein Zufall, dass in dem Bericht der Erhalt des Hambacher Forsts, des "Hambis" , tief im Westen der Republik, für "wünschenswert" erklärt wird.

Nur Proschim fehlt.

Proschim. Südliches Brandenburg. Ein ländliches Klinker-Idyll, 1527 erstmals urkundlich erwähnt, mit eigenem Schulgebäude seit 1907, im 21. Jahrhundert aber dummerweise nur ein paar Hundert Meter Luftlinie entfernt vom Braunkohletagebau Welzow-Süd.

Es gibt Pläne des Energieunternehmens LEAG, den Tagebau exakt dorthin zu erweitern, wo Proschim liegt. In jener Nacht, in der die Kohlekommission ihren Bericht fertigstellte, wollte niemand die Zusage geben, dass Proschim nicht doch noch abgebaggert wird. Sozusagen in den Abgrund gerissen vom letzten Zugriff einer aussterbenden Industrie.

346 Einwohner sind seitdem allein gelassen mit ihrer Unsicherheit. Wieder mal.

Man kennt das hier schon. Dieses Gefühl, dass irgendwo ganz weit oben über die eigenen Köpfe hinweg entschieden wird. "Bei uns in Brandenburg ist weiter alles in der Schwebe", sagt Hannelore Wodtke - und wahrscheinlich sind das die einzigen Worte, die so auch Birgit Zuchold unterschreiben würde.

Der Tagebau in Welzow-Süd

Der Tagebau in Welzow-Süd

Durch Welzow geht ein Riss

Ansonsten haben die beiden Frauen nicht viel gemein. Durch Welzow geht ein Riss. Die einen hängen an ihrer Heimat. Sie soll bleiben, wie sie immer war. Die anderen lieben sie auch, sind aber bereit, deren Grund und Boden (hier isses heute nicht besser als gestern/ und ein morgen gibt es hier nicht ("Hier bin ich geboren" - Gerhard "Gundi" Gundermann, ostdeutscher Liedermacher und Baggerfahrer) aufzugeben, wenn dafür langfristig ihre Arbeitsplätze gesichert werden. Noch vor wenigen Jahren hätte eine große Mehrheit der Menschen von Proschim die Entschädigungen für eine Umsiedlung genommen.

Das macht die Geschichte um den Kohleausstieg in der Lausitz so kompliziert.

Birgit Zuchold ist seit fast zehn Jahren Bürgermeisterin von Welzow. Auf dem Tisch in ihrem Amtszimmer hat sie am Mittwoch vergangener Woche Karten und Luftaufnahmen ausgebreitet, auf denen zu sehen ist, wie sich der Tagebau in den vergangenen Jahrzehnten um Welzow herumgefressen hat.

An manchen Stellen klafft ein riesiges Loch, mehr als hundert Meter tief. An anderen Stellen sind schon die Renaturierungen zu sehen. Es ist ja nicht so, als bliebe die geschundene Landschaft auf alle Ewigkeit eine tiefergelegte Geröllwüste. Auf einer Kippe des Tagebaus Welzow-Süd ist etwa der Wolkenberg entstanden, ein kleines Weinbaugebiet. "Wir können hier unsere Landschaft modellieren", sagt die Bürgermeisterin, als sie anderntags am "Welzower Fenster" steht, einem Aussichtspunkt, von dem aus man einen guten Blick auf das riesige Tagebaugelände hat und in weiter Ferne die Kühltürme des Kraftwerks Schwarze Pumpe sieht. Die Bürgermeisterin hat Pläne im Kopf für einen Mountainbike-Park, seit sie gehört hat, dass man in Rio den Olympia-Parcours auf einem künstlichen Berg angelegt hat.

Die Bergbaufamilie: Es ist unser Leben

In jedem ihrer Sätze ist zu spüren, wie sehr sie bereit ist, sich mit den Zumutungen des Braunkohletagebaus zu versöhnen. Zuchold kommt aus einer Bergbaufamilie, ihr Mann arbeitet im Tagebau, ihr Sohn, "auch bei minus 20 Grad stehen meine Männer in Matsch und Pampe" , sagt sie. Und die Art, wie sie das sagt, lässt keinen Zweifel an der Botschaft: Es ist unser Leben.

Es ist schon so viel rumgepfuscht worden in diesem Leben. Zu DDR-Zeiten war der Bergbau der Stolz der Lausitz. Nach der Wende mussten Zehntausende Kumpel ihren Job an den Nagel hängen. Die Lausitz blutete aus. Auch Welzow schrumpfte, tut es bis heute. Es war mal etwa doppelt so groß. Die Geburten können die Sterberate nicht kompensieren. Und die, die wegwollen, haben Probleme, ihre Immobilien zu akzeptablen Preisen zu verkaufen.

Es dauert ein bisschen, bis Birgit Zuchold den Satz sagt, der die Befindlichkeit in der Region wohl am besten zusammenfasst: "Wir hier müssen die Auswirkungen einer ideologiegetriebenen Politik ausbaden." Zuchold meint die Energiewende. "Irgendwann hat sich die Politik aufs falsche Pferd gesetzt. Und nun reitet sie stur in die falsche Richtung."

Zuchold will kämpfen. Um ihre Stadt, um ihre Region. Sie hätte gern Planungssicherheit, um Zuversicht verbreiten zu können. Sie würde beides nehmen: ein klares Ja oder auch ein klares Nein zu Proschim. Nur eine Entscheidung muss her. Sonst geht wieder Zeit verloren. Seit Jahren muss sie in ihrer Stadt Ausgleichsflächen für Bewohner vorhalten, die umgesiedelt werden müssen, falls der Bergbau doch noch kommt. Und nun? Kommt er? Oder nicht? Nichts ist geklärt.

Verfallene Werte: Der Tagebau hat Folgen für die Stadt. Viele Häuser stehen leer

Verfallene Werte: Der Tagebau hat Folgen für die Stadt. Viele Häuser stehen leer

Die Lausitz vor Entvölkerung bewahren

Es macht die Sache nicht einfacher, dass dieser Kampf nun weiter tief im Osten der Republik geführt wird, in einer Region, die sich ab gehängt fühlt, vom Westen seit der Wende notorisch über den Löffel balbiert. Einer Region, der man nicht mehr mit den Parametern einer Gerechtigkeit zu kommen braucht, die sich bei näherem Hinsehen doch nur als Selbstgerechtigkeit entpuppt.

Wolfgang Rupieper ist jemand, der diese Parameter sehr gut auseinandernehmen kann.

30 Kilometer von Welzow entfernt, in Cottbus, sitzt er in seinem Büro im "Haus der Wirtschaft". Rupieper kam in den Neunzigern aus dem Westen nach Brandenburg. Er war mal Amtsrichter in Lübben und in Cottbus und erlangte bundesweite Berühmtheit, weil er gegen einen Rechtsradikalen, der im Suff Brandsätze gegen ein Flüchtlingsheim geschleudert hatte, Haftbefehl wegen versuchten Mordes erließ. Ein Raunen ging damals durchs Land. Rupieper macht man nichts vor in seinem Kampf gegen rechts und für eine Bürgergesellschaft. Dem einstigen Wessi ist Brandenburg zur Heimat geworden. Heute ist er Vorsitzender des Vereins "Pro Lausitzer Braunkohle".

Rupieper sagt: "Ich kenne keine Region in Deutschland, wo ein Strukturwandel gelungen ist."

Sein Verein hat es sich zum Ziel gesetzt, die Lausitz "vor dem Schicksal der Deindustrialisierung und Entvölkerung zu bewahren". Er hätte gern, dass die Energiewende nicht überhastet angegangen wird, sondern sozial verträglich. Er hat da seine Zweifel. Rupieper wähnt sich, buchstäblich, im Kampf gegen die Windmühlen des Zeitgeistes. Bei "Pro Braunkohle" ist man überzeugt: "Ausgerechnet in der Lausitz wollen Umweltkonzerne ein Exempel statuieren und den fürs Weltklima völlig unbedeutenden Ausstieg aus der Lausitzer Braunkohle durchsetzen." Dass nur ein paar Kilometer weiter östlich in Polen weitere Bergbauregionen erschlossen werden sollen - absurd.

Es geht ein Riss durchs Land

Bei "Pro Braunkohle" hat man über Jahre die Argumente zusammengestellt, die auch in Zeiten der Technologiewende für die Kohle sprechen würden. Die Versorgungssicherheit. Die Bezahlbarkeit des Stroms. Die Zweifel, ob erneuerbare Energien in benötigtem Umfang speicherfähig sind. Nur, so recht hören will das niemand. Im Kampf der Technologien geht es - wie immer - auch um die Symbole.

An jenem Samstagmorgen gegen vier Uhr, ungefähr zu der Zeit also, als Hannelore Wodtke ihre Entscheidung fällte, hatte die Braunkohle übrigens einen Anteil von exakt 20,7 Prozent an der deutschen Stromversorgung. Man kann das auf "Energy Charts" nachlesen. Wie diese Menge in 20 Jahren kompensiert werden soll? Gute Frage. Die einen loben den Mut der Entscheidung. Die anderen beschwören das Risiko.

In Welzow gibt es auch in der Kneipe immer nur ein Thema: die Zukunft des Tagebaus

In Welzow gibt es auch in der Kneipe immer nur ein Thema: die Zukunft des Tagebaus

Es geht ein Riss durchs Land

Hannelore Wodtke hat derweil ihren Fraktionskollegen Günter Jurischka von der CDU zum Treffen mit in die "Kumpelklause" gebracht. Der Wirt hat eigens eine Stunde früher aufgemacht und zwei Kannen Kaffee und Kanapees auf den Tisch gestellt. Zu DDR-Zeiten war die Kneipe das Kulturhaus, wurde aber nur "Der blaue Bohrer" genannt, weil sich die Arbeiter vom benachbarten Bohr- und Schachtbaubetrieb freitags oft schon nachmittags um drei am Tresen drängelten, obwohl eigentlich erst um halb fünf Schicht ende war. Der Betrieb hat lange dicht gemacht. Und so verlieren sich abends allenfalls ein paar Rentner in die Kneipe. Man geht früh schlafen in Welzow.

Jurischka wohnt in Proschim. Er hat in den Anfangsjahren der DDR schon einmal seine Heimat verloren, weil sein Dorf dem Tagebau weichen musste. Er will das nicht ein zweites Mal erleben. Er ist kaum zu stoppen in seiner Wut und spricht von "staatlich organisiertem Betrug". Auf einer der Karten, die er in die "Kumpelklause" mitgebracht hat, ist Proschim zu sehen. Es liegt direkt neben einer Fläche, die als "Änderungs- und Verkippungsbereich in Verlängerung der Erweiterung" des Tagebaus Welzow-Süd gekennzeichnet ist.

"Das müssen Sie sich merken", echauffiert sich Jurischka, "Verlängerung der Erweiterung".

Dann kommt er auf die Pointe. Denn laut der Analysen der Lagerstätten in der Region liege unter Proschim gar keine Kohle. Der Ort befände sich in einer Rinne, exakt zwischen den Kohleflözen. Jurischkas Heimat würde abgebaggert, weil man Erdmassen braucht, um anderswo die Braunkohlegrube zu füllen.

Am Abend steht Jurischka zusammen mit Hannelore Wodtke an der Bergbaukante. Er ist nun 69. Er will jetzt endlich Sicherheit. Er will, dass Proschim verschont bleibt. "Wir könnten endlich aufleben", ruft Jurischka hinein in die hereinbrechende Dunkelheit Richtung Bagger, "ohne Druck von oben." Dann lässt er seinem Zorn noch einmal freien Lauf: "Die haben schon so viele Dörfer auf dem Gewissen, diese Krücken."

Baumhaus im Hambacher Forst
tis