Integration Koran an der Schule


Islamunterricht an deutschen Schulen? Was vielerorts nur als Experiment gehandhabt wird, könnte bald Einzug in die deutschen Klassenzimmer nehmen.

Seit 30 Jahren fordern viele der in Deutschland lebenden Muslime den Islam als Schulfach. Vergeblich. Nach langjährigen Diskussionen, Modellversuchen und juristischen Rangeleien hat diese Forderung nun zum ersten Mal Aussicht auf Erfolg. Möglich macht das ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig, das gestern eine Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts (OVG) in Münster aufgehoben hatte.

Das Recht am Unterricht

2003 hatten der Zentralrat für Muslime und der Islamrat ihr Recht auf Religionsunterricht in Nordrhein-Westfalen einklagen wollen. Die Klage scheiterte am Begriff der Religionsgemeinschaft. Nur wenn eine Religion in Deutschland als Gemeinschaft anerkannt ist, hat sie einen Anspruch auf Unterricht an öffentlichen Schulen. Das OVG hatte die beiden klagenden Verbänden nicht als Religionsgemeinschaft anerkannt. Das OVG muss nun erneut über diesen Tatbestand entscheiden.

2500 Korankurse in Deutschland

Das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts reicht tief hinein in die derzeitige Debatte um Parallelgesellschaften und die Integration der in Deutschland lebenden Muslime. Experten und Politiker sehen in einem deutschen Islamunterricht unter staatlicher Verantwortung die Möglichkeit, muslimischen Kindern eine Alternative zu Koranschulen anzubieten und damit schon frühzeitig extremistischen Einflüssen entgegenwirken. Experten schätzen, dass mehr als 2500 Korankurse in Deutschland angeboten werden. Fast jeder muslimische Kulturverein oder jedes Kulturzentrum bietet Unterricht in der Auslegung des Heiligen Buches an. Allein im letzten Jahr sollen rund fünfzehn Prozent aller hier lebenden muslimischen Kinder und Jugendlichen an Korankursen teilgenommen haben.

Dubiosen Gruppen das Wasser abgraben

Mittlerweile unterstützen viele Politiker einen Islamunterricht unter staatlicher Verantwortung. Vor allem der Mord an dem islamkritischen Filmemacher Vincent van Gogh in Holland hatte in Deutschland die Debatte um Islamunterricht an deutschen Schulen angeheizt.

Grünen-Parteivorsitzende Claudia Roth sieht darin eine Möglichkeit organisierten Korankursen dubioser Gruppen das Wasser abzugraben. Es müsse jedoch dafürgesorgt werden, "dass unser Wertesystem auf Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Menschenrechten zur Grundlage dieses Unterrichts wird", so Roth. Ein aufgeklärter Islamunterricht könne dazu beitragen, dass ein neuer Euro-Islam entsteht, der langfristig auch auf die Heimatländer wirkt, so der schleswig-holsteinische Innenminister Klaus Buß (SPD).

Modellversuche an Schulen

Vorreiter ist Nordrhein-Westfalen. In dem Bundesland, in dem 32 Prozent der Fünfzehnjährigen Einwandererkinder sind, existiert seit 1999 der Modellversuch "Islamische Unterweisung in deutscher Sprache". 110 Schulen beteiligen sich an dem Test, der etwa 5000 Schüler betrifft. Die Lehrpläne des Unterrichts wurden von dem Landesinstitut für Schule und Weiterbildung entwickelt, 75 Lehrer, darunter vierzehn Islamwissenschaftler, nehmen an dem Projekt teil. Das Unterrichtsfach soll sachlich über den Islam informieren. Von Glaubenvermittlungen, wie ihn der evangelische oder katholische Religionsunterricht vorsehen, soll jedoch Abstand genommen werden.

Auch andere Bundesländer, wie zum Beispiel Niedersachsen und Berlin, versuchen, den Islamunterricht an Schulen zu integrieren. Vorerst ist es aber bei bloßen Versuchen geblieben. Nicht alle sehen das mit Bedauern. Ein Hauch der Erleichterung zog durch die Reihen der Kultusbehörden der Länder, als das Münsteraner 2003 Gericht die Klage des Islamrats und des Zentralrats der Muslime abwies. Denn manche ihrer Mitgliederorganisationen stehen auf der Liste des Verfassungsschutzes, wie zum Beispiel die Milli Görüs – eine Islamische Gemeinschaft, die Mitglied des Islamrats ist.

"Unabdingbar für die Integration der muslimischen Kinder"

Mit dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts können Muslime jetzt wieder auf Religionsunterricht an deutschen Schulen hoffen. Auch wenn die Entscheidung vor Gericht längst noch nicht ausgefochten ist. Der Zentralrat der Muslime begrüßte jedoch das Urteil aus Leipzig. "Wir sind der festen Überzeugung, dass die Vermittlung ethischer Inhalte des Islam durch einen deutschsprachigen Religionsunterricht unabdingbar für die Integration der muslimischen Kinder und Jugendlichen ist", so der Rat in Eschweiler.

Nele Justus

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