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Interview

"Nicht klug" und "dilettantisch" : So denkt ein Verhandlungsexperte über die Jamaika-Sondierungen

Verhandlungsexperte Jack Nasher lässt kaum ein gutes Haar an den Jamaika-Sondierern. Im stern-Interview sagt er, was alles schiefgelaufen ist und nimmt die FDP in Schutz.

Die Inszenierung der Jamaika-Sondierer auf dem Berliner Balkon - nicht ihr einziger Fehler, sagt Verhandlungsexperte Jack Nasher

Die Inszenierung der Jamaika-Sondierer auf dem Berliner Balkon - nicht ihr einziger Fehler, sagt Verhandlungsexperte Jack Nasher

Herr Nasher, auch Sie haben die intensiv verfolgt. Nach dem, was sie dort in den vergangenen Wochen gesehen haben: Wie überrascht waren Sie, als Christian Lindner vor die Presse getreten ist und den Abbruch verkündet hat?

Ehrlich gesagt, war ich eher überrascht, dass das nicht schon viel früher passiert ist. Es wurde immer wieder betont, dass der Wähler den Parteien den Auftrag für eine Jamaika-Koalition gegeben habe, das war aber überhaupt nicht der Fall. Union, und Grüne haben zusammen rund 53 Prozent der Stimmen bekommen, weniger als die GroKo. Wenn überhaupt, haben die Wähler also für eine erneute Große Koalition gestimmt. Insofern wundert es mich, dass die Partner so lange an der Jamaika-Idee festhielten.

Es haben doch alle von vornherein gesagt "Wir schaffen das" …

Ja, das war der einer der größten Fehler, das ging viel zu schnell. Man kann nicht in eine Verhandlung hineingehen und vorher schon sagen, was für ein Ergebnis man haben wird. Das war nicht klug.

Jede Partei hat aber doch auch ihre roten Linien und No-Gos formuliert …

Das ist genauso falsch. Wenn die eine Partei zur Bedingung macht, dass der Soli abgeschafft wird und andere sagen, dass das auf keinen Fall in Frage kommt - was gibt es denn dann bitte zu verhandeln? Das Gleiche gilt zum Beispiel für den Kohleausstieg. So funktioniert es nicht. Sie können doch auch nicht zum Autohändler gehen und sagen: "Ich kaufe das Auto auf jeden Fall" und dann Bedingungen stellen, die der Händler gar nicht erfüllen kann. So werden Sie keinen Vertrag abschließen.

Wie wären Sie in solche Verhandlungen denn hineingegangen?

Man muss den eigenen Anhängern vorab sagen: "Lieber Wähler, wir verhandeln jetzt und werden umsetzen, was wir können." Nicht mehr und nicht weniger. Und dann geht man in die Verhandlungen und irgendwann steigt vielleicht weißer Rauch auf. Die ganzen Inszenierungen und Wasserstandsmeldungen muss man sich sparen.

Also die Bilder vom Balkon der Parlamentarischen Gesellschaft, die Interviews nach jeder Runde?

Ganz genau, vermutlich funktioniert die Medien-Demokratie zwar so, aber aus Verhandlersicht ist das dilettantisch: Ständig in die Öffentlichkeit gehen, sich völlig übermüdet und schlecht gelaunt gegenseitig angreifen und seinen Wählern vermeintliche Teilerfolge präsentieren - nicht gut. Ich hätte empfohlen, ein paar Wochen in irgendein Landhotel zu gehen oder nach Wildbad Kreuth, da ist ja gerade wenig los, und dort in Ruhe zu verhandeln und am Ende ein Ergebnis zu präsentieren.


Letztendlich hat die FDP den Schluss gezogen, dass es so nicht mehr weiter gehen kann …

Das war die richtige Entscheidung. Wenn man merkt, dass eine Einigung nicht möglich ist, muss man die Verhandlungen abbrechen. Wissen Sie, in Verhandlungen geht es immer auch darum, dass das Gegenüber sein Gesicht wahren kann. Das wurde im Fall der FDP versäumt. Nach der offensichtlichen Verbrüderung von Union und Grünen stand die Partei alleine und mit leeren Händen vor ihren Wählern da - obwohl sie Kompromisse eingegangen wäre. 

Es wurde zu wenig Rücksicht darauf genommen, dass auch die FDP glänzen muss. Ich kann der Partei keinen Vorwurf machen. Scheitern gehört bei Verhandlungen dazu, ansonsten könnte man das Ganze auch sein lassen.

Können die Parteien nach so einem furiosen Ende der Gespräche aus ihrer Sicht einen zweiten Anlauf wagen?

Theoretisch ja, aber das ginge nur, wenn die Personen ausgetauscht werden. Und das wird vermutlich nicht passieren. Ich persönlich glaube eher, dass es früher oder später auf eine neue hinauslaufen wird - ohne Martin Schulz. Es ist mir ohnehin ein Rätsel, warum er und die SPD bislang so wenig von dem Zorn abbekommen, bei ihrer sofortigen Verweigerungshaltung, die ich wohlgemerkt für legitim halte.