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Käßmann-Rücktritt "Jeder Karnevalist hätte seine Scherze gemacht"


Im Interview mit stern.de spricht Günther Beckstein über den Rücktritt von Margot Käßmann, die Versuchung Alkohol und die Zukunft der evangelischen Kirche.

Frau Käßmann hat die Konsequenzen aus ihrer Autofahrt im betrunkenen Zustand gezogen und ist als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und als Bischöfin zurückgetreten. Bedauern Sie das?
Ich bedauere den Schritt und respektiere ihn. Es ist eine absolut autonome Entscheidung von Frau Käßmann gewesen zu sagen: "Ich glaube, dass das Amt weniger beschädigt wird, wenn ich zurücktrete."

Das wundert uns. Mit Äußerungen beispielsweise gegen den Afghanistan-Einsatz lag Frau Käßmann ja nicht unbedingt auf der Linie Ihrer CSU.
Das ist richtig. Aber sie war jemand, der sehr ergreifende Predigten und Andachten halten konnte. Man hat ihr die Seelsorgerin angemerkt und auch den Menschen, der gewusst hat, dass Siege und Niederlagen zum Leben dazugehören genauso wie Sünden und Fehlbarkeit. Sie konnte dabei aus ihren Erfahrungen der Krebserkrankung und aus ihrer Scheidung schöpfen, unter der sie sehr gelitten hat. Ihr Rücktritt tut mir leid, und ich bedauere es. Sie war jemand, in den ich große Hoffnung gesetzt habe.

Sie haben Käßmann noch nach dem Bekanntwerden ihrer Trunkenheitsfahrt unterstützt und öffentlich erklärt, dass die EKD-Vorsitzende keine Heilige sein müsse. Auch andere haben Käßmann ihre Solidarität ausgesprochen. Warum hat sie sich trotzdem zum Rücktritt entschlossen?
Sie selbst hat gemerkt, wie schwierig ihre Lage sein wird, wenn sie beispielsweise zu Problemen wie Komasaufen, Drogenabhängigkeit oder sonst irgendeiner ethischen Frage Stellung genommen und dann möglicherweise schnell mit hämischen Zwischenfragen zu rechnen gehabt hätte. Es ist ihr darum gegangen, dass sie die Autorität des Amtes als höchste Theologin der evangelischen Kirche in Deutschland nicht beeinträchtigt sehen wollte. Sie hat die Entscheidung als Dienst an ihrer Kirche gesehen.

Immerhin handelte es sich bei der Fahrt im betrunkenen Zustand um eine Straftat. War der Rücktritt nicht eigentlich längst schon fällig gewesen?
Es ist ja Gottseidank kein Mensch zu Schaden gekommen, aber selbstverständlich ist das nicht nur eine Ordnungswidrigkeit wie Falschparken, sondern ein schwerer Verstoß. Bei 1,5 Promille kann man schon dankbar sein, dass es nicht zu einem Unfall gekommen ist. Da ist man objektiv absolut fahruntüchtig und beherrscht sein Auto nicht mehr. Frau Käßmann hat ja auch die Massivität ihres Versagens erkannt. Trotzdem: Ich hätte den Schritt nicht als unabwendbar angesehen, da niemand zu Schaden gekommen ist

Aber muss der oberste Theologe der evangelischen Kirche nicht als moralisches Vorbild fungieren?
Das Autofahren im betrunkenen Zustand war ein schwerer Fehler, es war ein Vergehen, das strafrechtlich sanktioniert werden muss. Aber der Mensch ist eben so, dass er auch Fehler macht. Bei uns in der evangelischen Kirche ist der Bischof nicht in der Weise von den normalen Menschen herausgehoben, dass man von ihm verlangt, dass er ehelos lebt oder ein halber Heiliger ist, sondern dass er ein Mensch mit denselben Schwächen und Stärken wie seine Mitmenschen ist. Aber es war mir klar, dass es für Frau Käßmann alles andere als einfach wird. Gut, der Fasching ist zwar vorbei, aber jeder Karnevalist und Karrikaturist hätte seine Scherzchen über sie gemacht. In jeder Talkshow wäre dazu eine böse Zwischenfrage gekommen.

Sie haben selber vor nicht ganz zwei Jahren erfahren müssen, wie empfindlich die Öffentlichkeit auf das Thema Alkohol reagiert. Damals sind Sie mit der Aussage zitiert worden, dass das Autofahren nach ein, zwei Maß Bier – also nach zwei Litern - kein Problem sei.
Das war damals eine oberflächliche und nicht verständliche Äußerung von mir, und natürlich hat die Opposition im Wahlkampf alles dafür getan, diese Aussage als völligen Blödsinn darzustellen. Ich habe auf diese Kritik auch nicht ordentlich reagiert. Wie auch Ihre Frage zeigt, wird mir das noch nach anderthalben Jahren nachgetragen. Darin sieht man, dass Alkohol im Straßenverkehr alles andere als ein Kavaliersdelikt ist. Das hat aber auch Frau Käßmann in den ersten Reaktionen deutlich gemacht. Sie hat gesagt, dass sie in schlimmer Weise versagt hat und über sich selbst erschrocken ist.

Als Politiker oder hoher geistlicher Würdenträger steht man ja unter hohem Druck – ist da die Versuchung größer, mal etwas zu entspannen und ein Glas mehr zu trinken?
Dass Frau Käßmann die Debatte über ihre Äußerungen zu Afghanistan und über die ersten hundert Tage ihrer Amtszeit zugesetzt hat, davon gehe ich aus. Aber das ist nicht im Leisesten eine Begründung dafür, dass man sich dann betrinkt. Und so begründet auch Frau Käßmann den Vorfall nicht.

Der Rat der EKD hat ja in einer ersten Reaktion Frau Käßmann unterstützt, aber ihr die Entscheidung überlassen. Nach voller Rückendeckung klang das nicht. Hat ihr die nötige Unterstützung in den eigenen Reihen gefehlt?
Nein, ich glaube schon, dass es da wirklich Unterstützung gegeben hat. Nach allem, was ich höre, haben auch noch mehrere Persönlichkeiten versucht, ihr den Rücken zu stärken. Aber ich verstehe auch, dass sie für sich selbst entscheiden wollte. Man wirft ein Bischofsamt nicht hin wie irgendein ungeliebtes Amt, aber wenn sie die Schlagzeilen der letzten Tage gelesen hat, ist ihr sicher deutlich geworden, dass das nicht eine Geschichte ist, die nach zwei Tagen versickert wäre. Das wäre etwas gewesen, das ihr auch noch ein oder zwei Jahren noch nachgetragen worden wäre.

Wie soll es denn jetzt für die evangelische Kirche Ihrer Ansicht nach weitergehen?
Zunächst leitet ja der stellvertretende Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider den Rat der EKD. Die Wahl eines neuen Bischofs muss dann in der Synode bestätigt werden, die ist im Herbst. Mit Frau Käßmann ist ganz bewusst eine Lutheranerin gewählt worden, nachdem es zuvor viele Jahre Unierte gewesen sind. Man sollte jetzt in Hinblick auf die Herbstsynode auch überlegen, ob man da nicht einen Lutheraner in die Kirchleitung der EKD mitberuft. Man muss dann ganz genau in den nächsten Wochen erwägen, wie man dieses fein austarierte Verhältnis zwischen Unierten und Lutheranern, zwischen Männern und Frauen, zwischen Nord und Süd bewahrt.

Roman Heflik

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