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Kerner-Show aus Afghanistan: "Wie fühlen Sie sich?"

TV-Mann Johannes B. Kerner wollte als "Aufklärer" nach Afghanistan reisen. Das verschaffte dem Talker viel Aufmerksamkeit - seine Politainment-Show fiel trotzdem durch.

Von David Bedürftig

Deutschland hat einen neuen Hauptbeauftragten für politische Aufklärung. Das Problem: Außer ihm selbst weiß noch niemand von der Ernennung. Im Interview mit dem Berliner Tagesspiegel sagte der Sat.1-Talker Johannes B. Kerner am Mittwoch, er verstehe nicht, weshalb 71 Prozent der Bundesbürger den Afghanistankrieg ablehnen. Ganz klar: Es muss daran liegen, dass das Volk keine Ahnung hat, was am Hindukusch in Wahrheit geschieht. "Und wo Unwissenheit herrscht, hilft Aufklärung", erzählte er der Zeitung. Deutschland hat noch mal Glück gehabt. Wenigstens Kerner sorgt sich um Wissen und Aufklärung der Bürger.

Den ersten Erfolg seiner Mission sackte Deutschlands neuer Polit-Aufklärer selbst ein: Noch nie seit Sendungsbeginn hat Kerners Talk-Show so viel Aufmerksamkeit erhalten wie zu seinem "Spezial" aus Afghanistan. Gerechnet hat der Talker damit natürlich nicht. Im erwähnten Interview geißelte er Afghanistan als "Quotengift" - und sollte damit Recht behalten: Nur 1,01 Millionen sahen zu, Marktanteil 7,1 Prozent. Aber: Dass eine Sat.1-Sendung, komplett aufgezeichnet in Afghanistan, Teil einer Reise an der Seite des populären Verteidigungsministers samt Ehe-Baronin, Kerners Talk-Show den nötigen Trubel besorgen würde - so weitsichtig ist nicht mal der Aufklärungsbeauftragte. Ohnehin: Kerner selbst nennt sein Format lieber "Magazinsendung mit langen Film- und kurzen Gesprächsbeiträgen". Danke für die Vorwarnung. Dass dieses Format bei der Aufklärung über den Afghanistankrieg (nicht) hilft, bewies der Talkmaster am Donnerstagabend eindrucksvoll.

Staubige Schuhe, gehaltlose Fragen

Johannes B. Kerner und Karl-Theodor zu Guttenberg, die Schuhe staubig, sitzen auf einem kleinen Podest in einem Zelthangar. Drum herum, brav aufgereiht, an die 300 Soldaten. Im Hintergrund tischt die Bundeswehr ordentlich auf: Militärfahrzeuge und Helikopter flankieren das Podium. Noch weiter hinten heben sogar Flugzeuge und Hubschrauber ab. Der Zuschauer wird mit der Nase auf das "Spezial" der Kerner-Sendung gestoßen, die Bundeswehr dürfte es freuen. Besonders wird dann leider kaum noch etwas. Auf fünfminütige Interviews folgen lange, emotional aufgeladene Bild- und Klangwelten. So erfährt der Zuschauer von Einzelschicksalen deutscher Soldaten, sieht, wie Familien wiedervereint werden, und lernt die Ausrüstung kennen, mit der man sich "im Kampf behaupten" kann. Unnützer sind nur noch Kerners banale, auf Gefühlsbekundungen abzielende Fragen.

Dabei fing doch eigentlich alles so viel versprechend an. Guttenberg leitet gleich Kerners erste gehaltlose Nachfrage, wie er die Reise seinen Kindern erklärt habe, geschickt um: "Offen und schonungslos" habe er schon immer mit seinen Kleinen über Afghanistan gesprochen, auch von seiner Fahrt "in ein Kriegsgebiet". Genau dieser unverfälschte Umgang müsste auch in der Öffentlichkeit zum Standard werden, so der Bundesverteidigungsminister. "Wir haben bei dem Thema viel zu lange rumgedruckst!" Interessante, wahre Worte. Doch die Fernsehkameras scheinen Kerner vergessen zu lassen, dass er als Polit-Aufklärer angetreten ist. Statt das Kriegsgebiet Afghanistan und die Rolle der Bundeswehr zu diskutieren, zielt der Sat.1-Mann auf TV-Politainment - die gegenseitige Durchdringung von Information und Unterhaltung.

Perfekt inszenierte Schicksale

Im ersten Clip lernt der Zuschauer das persönliche Schicksal der Familie Schramm kennen. Papa Kristian ist seit einem Jahr in Afghanistan stationiert. Tochter Katharina erzählt beim Weihnachtsschmuckbasteln: "Ich liege nachts oft wach, kann nicht richtig schlafen. Die Angst ist groß." Das weckt beim Beobachter Mitgefühl. Dann ein Spannungsaufbau: Die Kamera folgt Herrn Schramm, als er sein Militärfahrzeug durch armselige afghanische Straßen steuert. Druckvolle Musik unterlegt seine Schilderung von Angriffen auf seine Einheit. Der Höhepunkt ist mit bewegten Bildern von deutschen Soldaten im Gefecht mit Aufständischen erreicht. Dann der Spannungsabfall: Zarte Klavierklänge begleiten Schramms Rückkehr nach Deutschland und das herzliche Wiedersehen mit seiner Familie.

Ähnlich wie dieses perfekt inszenierte persönliche Schicksal rühren auch weitere Geschichten, wie die Thilo Feldts, des Sanitäters, der in Afghanistan Ultraschallbilder seines ungeborenen Babys betrachtet, das Gefühl. Intimisierung statt Information. Johannes B. Kerners Fragen bezwecken nichts anderes: Von "wie fühlen Sie sich wenn sie das Camp verlassen?" über "wie viele Schutzengel haben Sie?" bis hin zu "gibt es Bilder, die sie nie vergessen werden?" Der Talkmaster bedient die Unterhaltung, sein Versprechen, aufzuklären, erfüllt er nicht.

Das verschwiegene Elend

Interessant wird es nur noch einmal als ein Oberfeldwebel erzählt, wie desillusioniert er lange Zeit war. Das liegt auch an Kerners einziger interessanter Frage: "Wissen Sie, wofür Sie kämpfen?". Pause. "Letztens hatten wir mal einen erfolgreichen Auftrag. Zum ersten Mal seit langer, langer Zeit." In dieser Antwort steckt mehr Wahrheit als im kompletten restlichen Show-Programm. Die Lage am Hindukusch ist miserabel. Im Kriegsjahr 2010 sind so viele Tote, Zivilisten wie Soldaten, zu verzeichnen, wie seit der ersten Kriegsjahre nicht mehr. In vielen Regionen verschlimmert sich die Sicherheitslage zusehends, gerade dort, wo das Militär überrepräsentiert ist. Das besagen unabhängige UN-Berichte und auch der Report, den die Bundesregierung am Donnerstag vorlegte - ironischerweise heißt er "Fortschrittsbericht".

Doch diese Fakten, ebenso wie die auch die Bundeswehr belastende Korruption im Land, das Gewaltmonopol, das Afghanistan noch immer nicht gewährleisten kann, oder die zerfließenden Grenzen von Krieg und Frieden, weswegen man lokal mit gemäßigten Aufständischen verhandelt - all das scheint im "Kerner Spezial" nicht zu interessieren. Selbst als von einem bei Kundus gefallenen Soldaten die Rede ist - die sogannte Kundus-Affäre mit 142 Toten wird mit keinem Wort erwähnt. Afghanen oder andere Kriegsparteien kommen schon gar nicht zu einer Stellungnahme. Johannes B. Kerner begeht in seiner Sendung eine Art Boulevardisierung der Politik - nach dem Motto: Emotionen gleich Aufmerksamkeit gleich Quote. Eine gewisse Komplexitätsreduktion mag verkraftbar, ja nötig sein: Das Kernersche Politainment aus Masar-i-Scharif unterdrückt die eigentlichen Kriegsproblematiken jedoch vollkommen.