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Kindergartenplätze: Vater Staat und Mutterliebe

Im Streit um mehr Kindergartenplätze ist viel von Elternrechten die Rede. Wichtiger aber ist das Wohl der Kinder. Ein gutes Drittel der Väter und Mütter ist mit der Erziehung überfordert. In Deutschland herrscht längst Erziehungsnotstand - ein Frontbericht.

Von Walter Wüllenweber

Es war ein Fehler. Sie weiß es. "Ich bereue das", sagt sie. "Sehr. Und wenn ich könnte, würde ich es rückgängig machen." Im Herbst war sie mit ihrem Sohn Alex beim Kinderarzt. Der fand heraus: Für einen fast Sechsjährigen spricht Alex sehr schlecht. Er kann sich kaum konzentrieren und muss dringend gefördert werden. Im Januar meldete sie Alex im Kindergarten an, ein halbes Jahr vor seinem ersten Schultag. Zu spät. Alex ist ein normal begabter Junge. In den ersten paar Wochen im Kindergarten in der Rathenower Straße in Berlin-Moabit musste er vor allem lernen, dass die anderen Kinder schon viel mehr können als er. Alex kann sich nicht an Regeln halten, er greift beim Malen den Stift nicht richtig, und beim Basteln kann er nicht mit der Schere schneiden. Alex geht in die blaue Gruppe. Die anderen Kinder reden unentwegt. Alex lächelt still. "Wir versuchen wirklich alles", sagt Gudrun Finke, die Erzieherin der blauen Gruppe. "Turnen, Schwimmen, Vorlesestunden zu zweit, spezielle Förderkurse und Sprachtherapie - aber in einem halben Jahr können wir nicht alles aufholen, was in zwei, drei Jahren versäumt wurde." Wenn die Schule anfängt, wird Alex nicht in der Lage sein, dem Unterricht zu folgen. Vor allem sein Sprachverständnis ist zu unterentwickelt. Es wird ein Fehlstart ins Leben. Seine Mutter hat ihn zu spät in den Kindergarten geschickt. Das war der Fehler.

Ein Fehler aus Liebe

Es war ein Fehler aus Liebe. "Ich kann mich einfach nicht von ihm trennen. Wir schmusen doch so viel. Und ich vermisse ihn jede Stunde, die er weg ist", sagt seine Mutter. Sie erzieht Alex und seine beiden Geschwister allein. Sie ist nicht berufstätig, sie würde alles für ihre Kinder tun. Wenn sie nur wüsste, was. Bilder malen, Geschichten vorlesen, musizieren, Sport treiben, die Abenteuer der Großstadt erkunden und vor allem reden - so sieht der Alltag nicht aus, zu Hause bei Alex. Oft sehen sie fern. "Der Alex will immer nur mit Autos spielen. Ist halt so. Und wenn er was nicht will, dann kann man nichts machen. Ist halt so."

Welche zentrale Bedeutung die Sprachentwicklung in den ersten Lebensjahren hat, weiß Alex' Mutter nicht. Wer zum Schulbeginn nicht richtig sprechen kann, wird kaum dem Unterricht folgen können, hat nur eine winzige Chance, die Schule erfolgreich abzuschließen, wird nur mit Lottoglück einen Beruf erlernen können. Die heutige Arbeitswelt - und erst recht die der Zukunft - hat für so jemanden nur eine Rolle als Almosenempfänger zu bieten. Nicht richtig sprechen zu können ist für Kinder die Höchststrafe. Urteil: lebenslänglich. Alex' Mutter lässt ihre Kinder nicht verwahrlosen, sie hat kein Drogenproblem, sie ist nicht gewalttätig, wechselt nicht laufend den Partner, ihre Kinder sind gut genährt und ordentlich gekleidet. Eine ganz normale Mutter. Eine überforderte Mutter. Ist sie eine Ausnahme, oder gibt es viele solcher überforderten Mütter - und Väter -, die ohne Hilfe mit der Erziehung ihrer Kinder nicht klarkommen?

Mit dieser Frage haben sich Wissenschaftler intensiv beschäftigt. Ihre Ergebnisse sind der Leistungsnachweis der Eltern in Deutschland, die lückenlose Dokumentation eines Notstands. Eine kleine Auswahl: Je nach Studie haben bei der Einschulung 30 bis 40 Prozent der Kinder "Sprach-Defizite" und brauchen dringend Förderung oder gar Therapie. Ein gutes Drittel der Kinder kann sich nicht richtig bewegen. Mehr als die Hälfte der Schulanfänger in Nordrhein-Westfalen haben beim Schuleingangstest einen medizinischen Befund: meist Übergewicht, Haltungsschäden oder schlechte Zähne. Der Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung nennt Bewegungsmangel, Übergewicht und Verhaltensstörungen "die neuen Kinderkrankheiten". Allein über zwölf Prozent der Jungen sind verhaltensauffällig.
Kein Wunder also, dass sich die Zahl der Praxen für Kinder- und Jugendpsychiater seit dem Jahr 2000 verdoppelt hat. Unzählige Kinder wachsen zudem unter erschwerten Bedingungen auf: Drei Millionen leben in Familien mit Suchtproblemen. 15 Prozent werden häufig und heftig geschlagen. Und in der vergangenen Woche meldete Unicef, dass nur etwas mehr als 40 Prozent der Eltern von 15-Jährigen mehrmals in der Woche mit ihren Kindern sprechen.

Ein gutes Drittel der Eltern ist mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert

Seit vielen Jahren verfasst Professor Klaus Hurrelmann die Shell Jugendstudie, die umfassendste Untersuchung der Lebenswirklichkeit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. "Wenn man alles zusammenfasst, gibt es keinen Zweifel: Ein gutes Drittel der Eltern in Deutschland ist mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert. Und ihr Anteil wächst." Die Mehrheit der Eltern ist also in der Lage, ihre Kinder auf das Leben vorzubereiten. Viele lesen Erziehungsberater, besuchen Elternkurse und beschäftigen sich so intensiv mit ihrem Nachwuchs wie kaum eine Generation zuvor. Doch gleichzeitig gibt es eine beängstigend große Minderheit von Eltern, die ihren Aufgaben nicht gewachsen ist. Die kompetenten Eltern kommen auch allein zurecht. Sie brauchen den Staat nicht. Doch ein Drittel der Eltern - und ihre Kinder - sind existenziell auf Hilfe angewiesen. Sie brauchen den Staat als Erzieher.

So wie Habsa, die mit Alex zusammen in die blaue Kindergartengruppe geht. Auch Habsas Mutter erzieht ihre vier Kinder allein, die Libanesin trennt sich nicht gern von ihnen. Und auch Habsa war in ihrer Entwicklung deutlich hinter den Gleichaltrigen zurück, als ihre Mutter sie endlich in den Kindergarten schickte. Heute ist Habsa der Sonnenschein der blauen Gruppe. Sie strahlt den ganzen Tag. Bei den morgendlichen Yoga-Übungen sitzt sie über viele Minuten ganz entspannt und ruhig auf der Matte. Wenn Dustin und Murat beim Toben mal wieder die Schwelle zur Klopperei überrollen, besänftigt sie die wilden Jungs. Genau wie bei Alex haben die Erzieherinnen alle Register der Förderung gezogen. Sie halfen der Mutter, eine gute Ergotherapeutin und eine Logopädin zu finden. "Die Sprache, na ja, daran müssen wir alle bis zum Sommer noch intensiv arbeiten", sagt Sabine Hansen, die zweite Erzieherin der blauen Gruppe. "Aber Habsa ist richtig gut drauf. Bis zur Einschulung kriegen wir das hin." Warum klappt die Förderung bei Habsa, bei Alex hingegen nicht? Habsa hatte mehr Zeit. Sie kam ein Jahr früher in den Kindergarten, mit viereinhalb.

Kaum ein Thema erregt die Deutschen mehr als der Streit um Kindergärten. Als Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen ankündigte, das Angebot an Krippenplätzen massiv auszubauen, stand sie schon im Feuer. Aus der eigenen Partei. CDU-Fraktionschef Volker Kauder wehrte sich gegen den Eindruck, die CDU propagiere jetzt "das Familienmodell der erwerbstätigen Frau". CSU-Landesgruppenchef Peter Ramsauer warnte vor einer "Sozialdemokratisierung" der CDU. Und Sachsens Kultusminister Steffen Flath (CDU) befürchtete, "dass sich viele außerordentlich engagierte Eltern und Mütter regelrecht vor den Kopf gestoßen fühlen". Die politische Klasse streitet über die Bund-Länder-Zuständigkeiten, über die Wahlchancen der Union, über die Balance verschiedener Parteiflügel, über die Geburtenrate. Und der "Spiegel" enthüllt, dass in von der Leyens Ministerium ein Abteilungsleiter mit SPD-Parteibuch für die Kindergartenpolitik zuständig sei. Kinder kommen in der politischen Auseinandersetzung nicht vor.

Die Debatte um Kindergärten ist ein alter, ideologischer Grabenkrieg. Weil sich die Väter bei der Erziehung meist zurückhalten, ist es eine Auseinandersetzung um die Rolle der Mütter: Mütter mit Job gegen Mütter ohne Job. Im Zentrum standen stets die Rechte der Mütter, nicht die Rechte der Kinder. Für die Mütter geht es um die Durchsetzung ihres jeweiligen Lebensmodells. Für die Kinder geht es um viel mehr. Für Habsa und Alex, für das Drittel der Kinder, die Pech haben, deren Eltern ihnen abends nicht vorlesen, sie nachmittags nicht zum Musikunterricht kutschieren, die ihre Liebsten nicht optimal fördern können, für diese Kinder geht es um eine einigermaßen gerechte Chance, das zu entwickeln, was in ihnen steckt.

Der größte Förderer der Chancengerechtigkeit in der Geschichte der Deutschen war vermutlich Friedrich der Große. 1763 erließ er das Generallandschulreglement, die Basis der allgemeinen Schulpflicht. Davor durften nur die Sprösslinge der Hochwohlgeborenen lernen. Danach hing es nicht mehr von der Herkunft ab, wer gefördert wurde und wer nicht. Heute wissen wir jedoch, dass die entscheidende Zeit, in der sich die gesamte Lernfähigkeit eines Menschen entwickelt, fast schon vorbei ist, wenn die Schulpflicht beginnt. Wer die Schulpflicht richtig findet, muss daher auch die Pflicht unterstützen, Kinder dann zu fördern, wenn ihre Gehirne besonders aufnahmefähig sind: im Kindergarten.

Die Idee vom Staat als Erzieher ist im Kindergarten in Moabit schon sehr weitgehend umgesetzt. "Früher waren wir eine Ergänzung zu den Eltern. Jetzt werden wir immer mehr zu einem Ersatz", sagt Gudrun Finke. Viele Familien essen nicht mehr gemeinsam an einem Tisch, sondern auf dem Sofa vor der Glotze. Darum müssen gemeinsame Mahlzeiten, vom Teller essen, Tisch decken und nachher abwischen im Kindergarten geübt werden. Gudrun Finke und ihre Kollegin Sabine Hansen, die beiden Erzieherinnen der blauen Gruppe, achten streng auf die Einhaltung der Regeln, denn für viele Kinder ist der Kindergarten der einzige Berührungspunkt mit der Idee von Regeln überhaupt.

"Der Hund, der Hund", ruft Dustin aufgeregt

Die Kinder rennen wild durcheinander, ihre Gesichter glühen. "Der Hund, der Hund", ruft Dustin aufgeregt. Damit die Kinder lernen, wie man einem Hund begegnet, auf der Straße oder dem Spielplatz, besucht Heike Nagy mit der Golden-Retriever-Dame Eowyn regelmäßig den Kindergarten. Zuerst stehen die Kinder ganz andächtig und in sicherem Abstand vor dem großen Tier. Später trauen sie sich, den Hund zu streicheln, und Habsa ist selig, als sie ihm schließlich das Fell kämmen darf. Am Nachmittag sitzen sie mucksmäuschenstill am Tisch und malen den Hund. Manche in Rosa, "weil das ein Mädchen ist". Ihre Umwelt entdecken diese Kinder nicht mit den Eltern, sondern mit Tante Gudrun und Tante Sabine. Am Donnerstag steht ein Ausflug zum Brandenburger Tor auf dem Programm. Der Kindergarten liegt mitten in der Hauptstadt. Zum Brandenburger Tor kann man laufen. Doch die meisten waren mit ihren Eltern noch nie da. Und nicht am Reichstag, nicht an der Spree, nicht im Tiergarten, nicht im neuen Hauptbahnhof - alles in Spazierentfernung. Der Familienalltag der Kleinen findet in dem Viereck zwischen Kinder- garten, Aldi, Imbissbude und Wohnung statt.

Im Sommer fahren die Erzieher mit den Kindern ab und zu raus, in ein Waldstück am Stadtrand. Abends drücken sie den Eltern dann einen kopierten Stadtplan in die Hand, auf dem der Weg, den sie genommen haben, genau eingezeichnet ist. Den verdutzten Müttern und Vätern empfehlen sie, die Tour mit den Kindern zu wiederholen. So könnten die Kleinen mal die Großen führen - eine bewährte pädagogische Übung. Wie viele Eltern machen das? "Das kommt so gut wie nie vor", sagt Ralf Schnell, der Leiter des Kindergartens. Ab zwei Uhr nachmittags schlägt die konzentrierte Atmosphäre im Kindergarten um. Türen knallen. Es wird geschimpft. Kinder weinen. Die Ruhe ist vorbei. Die Eltern kommen. Gudrun Finke spricht einen Vater an, der vor seinem Sohn kniet und die Klettverschlüsse an den Schuhen zumacht. Mit dem Sohn gibt es in letzter Zeit verstärkt Probleme. "Der hat jetzt keine Probleme", schnauzt der Vater. "Der hat gerade erst eine Playstation bekommen." Murats Mutter ist immer besonders gehetzt. Sie muss zwei Kinder abholen, während ihre jüngste Tochter allein zu Hause wartet. Die Kleine ist erst fünf Monate alt. In ihrer Not schnallt die Mutter die Kleinste für die halbe Stunde in der Kinderwippe fest. Und die stellt sie unmittelbar vor den neuen Flachbildfernseher, in dem Trickfilme laufen. Wenn sie nach Hause kommt, schaltet die Mutter den Fernseher nicht etwa aus, sondern schiebt die Wippe mit dem Kind nur einen halben Meter zurück.

Jedes Nachdenken in diese Richtung ist tabu

Ein anderes Zusammenspiel von Staat und Familie gab es in Deutschland bereits: in der DDR. Weil es das Erziehungssystem einer Diktatur war, ist jedes Nachdenken in diese Richtung heute tabu. Sabine Hansen, die Erzieherin der blauen Gruppe, hat ihren Beruf in der DDR gelernt und ausgeübt. "Die Inhalte und die Ideologie, die den Kindern beigebracht wurden, das war wirklich falsch. Ich meine: Wir mussten richtig Staatsbürgerkunde büffeln." Darüber lacht sie heute. "Aber in der DDR gab es wenigstens überhaupt ein System. Das war schon was." Das System in der Bundesrepublik heißt Zufall. Manche Kindergärten, wie der in der Rathenower Straße, legen Wert auf Fortbildung ihrer Mitarbeiter und regen die Entwicklung der Kinder auf vielfältige Weise an. Doch in vielen Einrichtungen ist Basteln schon der Gipfel des Einfallsreichtums. Genau wie bei den Eltern ist es auch beim Kindergarten eine Frage des Glücks, ob ein Kind gefördert wird.

Gute Kindergärten nützen nicht nur den Kindern, sondern der ganzen Gesellschaft. Das beweisen unzählige Studien von Bildungs- und von Wirtschaftswissenschaftlern. Die aufschlussreichste begann in den 60er Jahren in den USA. Seitdem werden zwei Gruppen von inzwischen 40-Jährigen verglichen. Die einen wurden in einer Vorschule gefördert, die anderen nicht. Die Vorschulkinder waren besser in der Schule, gingen häufiger zur Uni, wurden seltener kriminell, seltener krank, seltener arbeitslos. Heute verdienen sie deutlich mehr. Und zahlen mehr Steuern. Für jeden Dollar, der damals in sie investiert wurde, haben die ehemaligen Vorschulkinder bis jetzt zwölf Dollar Steuern zurückgezahlt. Kein Staat kann es sich leisten, auf diesen Geldsegen zu verzichten.

Eine mangelhafte vorschulische Bildung ist noch teurer

Kindergärten verursachen Kosten. Doch eine mangelhafte vorschulische Bildung ist noch viel teurer. Das kann man in der Rathenower Straße gut beobachten. Der Kindergarten und die Schule bilden einen Gebäudekomplex, an den sich ein großes Bürohaus anschließt. Darin ist der erzieherische Reparaturbetrieb untergebracht: Sozialarbeiter, Erziehungsberatung, der allgemeine Soziale Dienst, der in vielen Fällen die Kinder aus den Familien holt, und die Jugendgerichtshilfe. Wenn die Institutionen im vorderen Gebäudeteil versagen, gibt es viel Arbeit in der Reparaturwerkstatt. Und exakt das geschieht zurzeit. Die Kosten für Kinder- und Jugendhilfe explodieren. Allein zwischen 2000 und 2004 sind die Ausgaben von 18,5 auf fast 21,5 Milliarden Euro gestiegen. Für Kindergärten geben Bund und Länder insgesamt nicht mal 10 Milliarden aus. Auf der anderen Straßenseite, gegenüber von Schule und Kindergarten, hat sich ein gutes Dutzend Werkstätten des Gesundheitswesens mit ihren Praxen angesiedelt. Wenn ein Kind nicht richtig gefördert wird und darum in seiner Entwicklung zurückbleibt, definieren wir das als Krankheit.

Die typische Therapiekarriere beginnt mit zwei Jahren. Das Kind kann sich nicht richtig bewegen. Der Kinderarzt verordnet Physiotherapie. Zwei Jahre später: Das Kind ist antriebslos und mag nicht spielen. Ergotherapie. Mit fünf Jahren, wenn die Einschulung in Sicht ist, stellt man fest: Das Kind kann nicht richtig sprechen. Logopädie. Zuerst wird gewartet, bis der Schaden, der Entwicklungsrückstand, eingetreten ist. Erst dann wird eingegriffen. Fast 15 Prozent aller Fünf- bis Neunjährigen haben so gravierende Entwicklungsrückstände, dass sie eine der drei Therapien brauchen. "Nur die allerallerwenigsten Kinder sind krank oder behindert. Das Problem sind immer die Eltern", sagt die Ergotherapeutin Monika Tietz. Ergotherapeuten bringen Kindern bei, sich richtig und gezielt zu bewegen. Von Frau Tietz' Praxis aus kann man den Kindergarten sehen. Am Nachmittag kommt Habsa. Die bei- den bauen ein Haus. Zusammen sägen sie aus Sperrholz die Wände zurecht und nageln sie zusammen. "Dabei geht es darum, überhaupt mal eine Aufgabe gestellt zu bekommen und zu erfüllen", erklärt Frau Tietz. "Das Erlebnis des Erfolges, das kennen viele Kinder ja gar nicht." Heute macht es Habsa besonders viel Spaß, denn sie beginnt damit, das Haus anzumalen. Die ganze Woche hat sie über die Farbe nachgedacht und das Problem mit ihren Freundinnen besprochen. "Rosa", hat sie entschieden. "Und die Fenster gelb."

Seit 30 Jahren therapiert Monika Tietz die Kinder überforderter Eltern. "In den letzten Jahren ist es wirklich noch mal dramatisch schlimmer geworden", sagt sie. "Viele Eltern kriegen nicht mal mehr die einfachsten Sachen hin." Beispielsweise waschen. Neulich hat ihr eine fünfjährige Patientin anvertraut, sie vermute, die anderen Kinder spielten nicht mit ihr, weil sie stinke. "Sie hatte sich nicht getäuscht." Der Grund war die Strumpfhose. Die Mutter wusch und wechselte sie nie. Also änderte Monika Tietz den Therapieplan und brachte dem Mädchen bei, wie man die Strumpfhose im Waschbecken wäscht und nachts auf der Heizung trocknet.

Nach zwei oder drei Sitzungen macht es bei den Kindern Klick

Die anstrengendsten Therapiestunden sind stets die ersten zwei oder drei. Es sind die "Guck-guck-guck-Stunden". Monika Tietz zeigt den Kindern etwas, die machen es nach und fordern sofort: "Guck-guck-guck!" Die Kinder sind daran gewöhnt, um jede Sekunde Aufmerksamkeit kämpfen zu müssen, in aussichtsloser Konkurrenz zum Fernsehprogramm. Nach zwei oder drei Sitzungen macht es bei den Kindern Klick. Und sie verstehen: Da guckt ja tatsächlich jemand! Die ganze Zeit! "Dann lieben einen die Kinder natürlich. Das kann man gar nicht verhindern." Neulich hat sich ein Kind nach der Therapiestunde vor Monika Tietz gestellt und sie sehr ernsthaft gefragt: "Sag mal, Moni, kann man Eltern tauschen?"

Die Eltern kommen verteilt über vier Stunden. Grund sind nicht die Termine der Eltern, sondern das Gesetz. Je weniger die Eltern arbeiten, umso geringer ist die Anzahl der Stunden, die ihre Söhne und Töchter im Kindergarten verbringen dürfen. Für arbeitslose Eltern ist es in manchen Bundesländern nur theoretisch möglich, ihren Anspruch an einen Kindergartenplatz durchzusetzen. Keine Arbeit - keine Förderung der Kinder. Dabei sind gerade diese Kinder am meisten darauf angewiesen.

Im Kindergarten nur betreut, aufbewahrt, geparkt

Hinter diesem Unsinn steckt der Fundamentalirrtum des deutschen Kindergartenwesens. Er trägt den Namen Betreuung. Das Wort suggeriert, die Kinder müssten im Kindergarten nur betreut, aufbewahrt, geparkt werden, solange Mami gerade nicht kann. Ansonsten sollen sich die Kindergärten so weit wie möglich raushalten. "Nur in Deutschland gibt es diesen Mythos, die Erziehung funktioniere am besten, wenn man die Familie damit allein lässt. Weil die Familien das ja angeblich alle von Natur aus so wunderbar können", sagt Professor Thomas Rauschenbach, der Direktor des Deutschen Jugendinstituts. Das Grundgesetz schützt die Eltern vor staatlichen Eingriffen und gibt ihnen das Recht, ihre Kinder zu erziehen. "Aber haben sie auch die Fähigkeiten?", fragt Rauschenbach. Er verlangt Konsequenzen aus der Erkenntnis, dass ein Drittel der Eltern überfordert ist: "Wir müssen das gesamte System des Aufwachsens der Kinder umbauen und zu einem neuen Zusammenspiel von Staat und Familie kommen."

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