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Krieg im Kaukasus: Die Ohnmacht der Verwandten

Nur schlechter Kontakt in die Heimat und die ständige Ungewissheit, wie es den Verwandten geht: In Deutschland lebende Georgier reagieren ohnmächtig und schockiert auf den Krieg in ihrer Heimat. stern.de hat zwei von ihnen getroffen und mit ihnen über die Lage in ihrer Heimat gesprochen.

Von Tonio Postel

Wer Kakha Amashukeli und Badur Tetradze dieser Tage trifft, blickt auf tiefe Augenränder und vor Müdigkeit hängende Lider. Beide kommen aus Georgien, jenem Land, in dem Russen und Georgier seit Freitag vergangener Woche erbittert um die abtrünnigen Provinzen Abchasien und Südossetien kämpfen. Von dort, wo seither etwa 2000 Menschen gestorben und Zehntausende auf der Flucht vor Bomben, Raketen und Minen sind.

Badur Tetradze, 41 Jahre alt, kommt aus Suchumi, der Hauptstadt Abchasiens, um genau zu sein. Er lebt seit 13 Jahren in Hamburg, arbeitet hier als Schausteller. Kakha Amashukeli stammt aus der Nähe der georgischen Hauptstadt Tiflis. Der 33-Jährige ist erst seit eineinhalb Jahren in Deutschland, verkauft Eis und Crèpes auf dem Museumsschiff "Cap San Diego" in Hamburg.

Kaum Kontakt in die Heimat

Müde sind sie, weil der Krieg im Kaukasus ihnen den Schlaf raubt: Der Kontakt zu ihren Familien ist entweder abgebrochen oder unregelmäßig und jede Nachricht einer weiteren, in ihrer Heimat niedergegangen Bombe, trifft sie wie eine Nadel ins Herz. "Vor drei Tagen habe ich zuletzt mit meiner Mutter gesprochen", sagt Amashukeli, ein stämmiger Mann mit einem schüchternen Lächeln. Mutter und Vater leben im Grenzgebiet zwischen Südossetien und Georgien, in einem Dorf namens Apnsi. "In der Nähe fielen Bomben, ich hoffe, ihr Dorf bleibt verschont." Kontakt hat er zurzeit nur zu seinem Bruder, der in der Nähe von Tiflis lebt.

Der Bruder berichtete Amashukeli von der Flucht ihrer Eltern in die Berge des Kaukasus; dort wähnen sie sich nun in Sicherheit. Während des Gesprächs in einem Hamburger Café, erreicht ihn eine Kurzmitteilung seines Bruders auf dem Handy: Auch ein Cousin und dessen Familie seien jetzt bei ihnen in Sicherheit. Über Kakha Amashukelis Gesicht huscht ein flüchtiges Lächeln. Ob weitere Verwandte oder Freunde vielleicht bereits tot seien, darüber will er gar nicht weiter nachdenken und schlägt die Hände vors Gesicht.

Seinen Freund, Badur Tetradze, quält die Ungewissheit bereits seit fünf Tagen. "Weder Festnetz noch Handy funktionieren dort", sagt der hagere Mann mit den grauen Schläfen, dessen Augenlider beinahe die Hälfte seiner großen Augen verschlucken. Erreicht hat der Mann, der 1995 als Flüchtling nach Deutschland kam und dessen Familie einst im Winter über den Kaukasus nach Tiflis fliehen musste, lediglich seine drei in Abchasien zurückgebliebenen Brüder - wenigstens sie sind wohlauf. Am Montag habe er aus Sorge gar nicht schlafen können.

Über Gründe und Konsequenzen des Konflikts streiten sich die beiden Freunde manchmal. "Ich habe immer gehofft, dass das nicht passiert", sagt Kakha Amashukeli und reibt sich die Augen. "Jetzt bete ich, dass beide Parteien über ihren Schatten springen können und wieder verhandeln."

Er durchlebt ein wahres Gefühlschaos, denn seine Cousins haben gemischte Familien aus Russland, Georgien und aus Ossetien. "Wer soll da eigentlich auf wen schießen?", fragt er rhetorisch. Einer von ihnen habe zwei Kinder und müsse vielleicht bald sein Land im Krieg verteidigen. Amashukeli folgert, man solle "das Positive zwischen den Parteien sehen." Zum Beispiel, dass es ebensolche Familien gebe, die alle zerstrittenen Parteien vereinten. "Ist das nicht schön?"

Seine Vorschläge zur Beilegung des Konflikts klingen ungewöhnlich aber einleuchtend: "Man braucht in der Region und nirgendwo auf der Welt Grenzen, dann gibt es auch keinen Krieg!" Schließlich lebten wir gemeinsam auf einer Erde und hätten alle die gleichen Probleme und Wünsche. Amashukelis zweite Vision geht in die gleiche Richtung: "Warum besteht man auf Waffen, mit ihnen löst man doch keine Probleme." Auch die Nato, das größte Militärbündnis der Welt, hält der Pazifist für überflüssig. "Ich habe geglaubt, die Menschen seien durch die Aufklärung der Medien und die Globalisierung so weit, friedlich miteinander zu leben", sagt der Pastorensohn.

Russland ist schuld!

Badur Tetradze denkt da etwas politischer. Die Schuld für den Krieg gibt er den Russen: "Es gibt nur einen Aggressor - und das ist Russland!" Deren einziger Wunsch sei es, alle Staaten im Kaukasus zu annektieren und wieder eine vereinte, sowjetische Republik zu schaffen. "Dass Georgien sich in Richtung des Westens entwickelt, gefällt den Russen nicht, man hat ja in Tschetschenien gesehen, wie das dann abläuft."

Die Behauptung Russlands, man helfe und verteidige die Abchasen und die Südossetier, hält Badur Tetradze für eine glatte Lüge: "Sie wollen in Georgien eine Demokratie verhindern!" Ihnen würde von russischer Seite eingebläut, sie bräuchten weder Europa noch die USA, nur Russland. Hintergrund sei dabei auch das georgische Öl, an welchem Russland großes Interesse besitze, glaubt Tetradze.

Beide Männer würden irgendwann gerne in ihre Heimat zurückkehren, betonen sie, doch wann ist jetzt offener denn je. Badur Tetradze, der 1992 zwei Jahre lang im Unabhängigkeitskrieg gegen die Russen kämpfte, will erst zurück nach Abchasien, "wenn die Russen abziehen." Kakha Amashukeli hat noch keinen festen Zeitplan; er grübelt noch immer über den Konflikt nach und sagt dann: "Ich weiß doch auch keine Lösung, ich bin ja nur ein Eisverkäufer."