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Kritik an Merkels Euro-Kurs Joschka Fischer schwingt die Nazi-Keule


Beinahe hätte Joschka Fischer die Bundeskanzlerin mit den Nazis verglichen, doch er kriegt noch knapp die Kurve.
Von Peter Ehrlich, Brüssel

Wenig zimperlich: Joschka Fischer, Außenminister a. D., schießt gegen die Kanzlerin.

Joschka Fischers Berufsleben war geprägt von harten Attacken gegen die politischen Gegner, und seine Beiträge waren der Pfeffer in so mancher Bundestagsdebatte. Jetzt hat der Ex-Minister wieder einmal gezeigt, dass er noch provozieren kann. In einem Meinungsartikel, den verschiedene europäische Medien veröffentlicht haben, stellt er die Bundeskanzlerin Angela Merkel in eine Reihe mit Adolf Hitler und Kaiser Wilhelm II. - aber nur ein bisschen. Denn weder der Kaiser noch der Diktator werden in dem Artikel namentlich genannt.

Fischers Vorwurf lautet: Merkel ist Schuld daran, dass aus der Finanzkrise in der Eurozone eine "Existenzkrise" Europas geworden ist, sie riskiere die Zerstörung Europas. Merkel lösche den Brand nicht mit Wasser, sondern mit dem hochexplosiven Kerosin - gemeint ist die anderen Ländern aufgezwungene Sparpolitik. Und dann kommt es (zitiert aus der deutschen Version der Kolumne in der "Süddeutschen Zeitung"): "Im 20. Jahrhundert hat Deutschland zweimal mit Krieg bis hin zu Verbrechen und Völkermord sich selbst und die europäische Ordnung zerstört, um den Kontinent zu unterjochen." Gemeint sind die beiden Weltkriege. Und weiter: "Es wäre eine Tragödie und Ironie zugleich, wenn jetzt, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, das wiedervereinigte Deutschland, diesmal friedlich und mit den besten Absichten, die europäische Ordnung ein drittes Mal zu Grunde richten würde."

Der Satz ist etwas lang, in einer Bundestagsrede von Fischer hätte er heißen müssen: "Wollen Sie, Frau Merkel, riskieren, dass Deutschland noch einmal einen Fehler macht, wie ihn Kaiser Wilhelm und Adolf Hitler gemacht haben?" Den Tumult auf den Bänken der CDU/CSU kann man sich leicht vorstellen.

Fischer provoziert eben gern

Nun weiß natürlich auch Fischer, dass Merkel alles andere will als die Zerstörung der EU. Schließlich hat sie oft genug gesagt: "Scheitert der Euro, dann scheitert Europa." Aber sehr viele Politiker, Kommentatoren, Intellektuelle und auch Ökonomen glauben eben, dass Merkels Rezepte für die Euro-Rettung nicht ausreichend oder sogar gefährlich sind. Zwar ist sie nicht ganz so isoliert, wie Fischer behauptet, aber seit der Wahl Francois Hollandes zum französischen Präsidenten ist sie einsamer als vorher. Die Allianz gegen Merkel und die Bundesbank reicht von Frankreich über Südeuropa bis hin zu den angelsächsischen Experten.

Fischer hat eine weit verbreitete und außerhalb Deutschlands täglich zu lesende Meinung zugespitzt und damit auch seinen alten Parteifreunden mal wieder gezeigt, wo der Hammer hängt. Indem er Merkel "die besten Absichten" unterstellt, hat er den Adolf-und-Willem-Vergleich knapp umschifft und doch die Keule herausgeholt, die einen deutschen Regierungschef immer in Bedrängnis bringt: die Historie.

FTD

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