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Lafontaine gibt Parteivorsitz auf: Der Saar-Napoleon kehrt heim

Mit Oskar Lafontaine verlässt ein Großer die Bühne in Berlin. Doch es ist diesmal keine Flucht. Der kranke 66-Jährige will bei seiner Familie sein. Und man wird weiter von ihm hören.

Von Hans Peter Schütz

Die Journalisten blicken verblüfft. Weiße Lilien, zu einem stattlichen Gebinde komponiert, bestimmen die Szenerie auf dem Podium. War man zu einer Beerdigung in die Berliner Zentrale der Linkspartei gebeten worden - und sei es nur im übertragenen politischen Sinn? Weil Oskar Lafontaine den Parteivorsitz niederlegt?

In letzter Sekunde wird das falsche Signal in eine uneinsehbare Ecke des Konferenzraums gequetscht. Werden die Blumen ausgeblendet aus der Reichweite von drei Dutzend TV-Teams und Fotografen.

Der Krebs war ein "Warnschuss"

Sie wären auch eine komplett irreführende Optik gewesen. Als Oskar Lafontaine, begleitet von Gregor Gysi, vor dem Mikrophon auf der Bühne Platz nimmt, sitzt dort kein Mann, der Gedanken an Abschied zulässt. Braun gebrannt. Lässig die Medienmeute betrachtend, die sich ohne ihn so schnell nicht mehr im Hauptquartier der Linkspartei derart ballen wird. Zuweilen schmuggelt sich ein Lächeln in seine Augenwinkel. Millisekundenlang nur, aber dieser Mann genießt diesen Augenblick gespannter Aufmerksamkeit. Neben ihm Gregor Gysi.

Bitternis im Blick, gezeichnet von Enttäuschung. Es muss einer der schwierigsten Momente im Leben des Oskar Lafontaine gewesen sein. Natürlich ist er zu lange im Polit-Show-Geschäft, um die zentrale Botschaft nicht ins Publikum zu bringen. Er gebe Sitz im Bundestag und Parteivorsitz "ausschließlich aus gesundheitlichen Gründen" auf. Seinen Prostatakrebs nennt er einen Warnschuss. Wie es nach der Operation damit steht, erwähnt er nicht. Aber gerade einer wie er, fährt er fort, der schon einmal eine "existentielle Krise überwinden musste", der müsse schon sehr genau in sich hineinhorchen.

Da ist zuvorderst natürlich die Krebserkrankung, die ihn alle drei Monate zur Nachuntersuchung zwingt. Und zu der ihn immer die quälende Frage begleitet: Liegen die Werte schon wieder im roten Bereich? Er neige zudem, gesteht Lafontaine seinen Freunden, schon länger bei Stress immer wieder unter Herzrhythmusstörungen. Und seit dem Bundestagswahlkampf plage ihn zudem eine chronische Bronchitis. Könnten die Freunde denn nicht verstehen, fragte er jetzt im Parteivorstand, dass einer wie er sehr auf seine Familie angewiesen sei? Selbstverständlich werde er nicht immerzu künftig in seinem Wohnzimmer im Saarland sitzen. Aber man müsse verstehen, wenn er in seiner neuen Lebenssituation wieder mehr von seiner Frau Christa und seinem Sohn haben möchte.

Diesmal war es nicht typisch Oskar

"Wenn die Gesundheit nicht wäre", sagt einer seiner engsten Freunde stern.de, "dann hätte er 100 Jahre noch an der Spitze der Linkspartei weitergemacht." Und alle jene, die ihn gut kennen, akzeptieren die beliebte Theorie nicht, dieser Mann schmeiße mal halt wieder lustlos und frustriert hin. Wie so oft schon in seinem politischen Leben. Alles sei eben wieder mal: typisch Oskar.

So wie er 1990 nach der verlorenen Bundestagswahl den angebotenen SPD-Vorsitz in die Ecke getreten hat. Oder wie er 1999 der SPD den Posten des Finanzministers und dann auch die Parteimitgliedschaft hingeknallt hat. Lafontaines Gegner in der Linkspartei greifen gerne zur Argumentation, die ihm einen grundsätzlichen charakterlichen Defekt unterstellt. In aktueller Lesart geht das so: Er habe jetzt den Bundesvorsitz nur deshalb weggefegt, weil ihm bei der letzten Landtagswahl im Saarland nicht die Heimkehr an der Spitze einer rot-rot-grünen Koalition geglückt sei. Wichtiger als die neue Partei sei ihm eben immer das eigene politische Ego.

Homo ludens Lafontaine

Hinter dieser Argumentationslinie steckt in der Tat ein spezifisches Charakteristikum des Politikers Lafontaine. Für ihn besaß seit jungen Jahren Politik stets ein spielerisches Element. Mal mischte er mit dem Bauch mit. Mal mit dem Kopf. Mal mit beidem zugleich. Homo ludens Lafontaine. Und der sollte zur Seite gehen, als sich 2007 im geliebten Monopoly der Macht wieder eine Chance bot, an der Spitze der Linkspartei mitzuspielen? Aber ja doch, dürfte er sich gesagt haben. Allerdings nach meinen Regeln. Nicht nach jenen eines Dietmar Bartsch. Der glaubte, den Machtkampf jetzt inszenieren zu können, und dabei seinen Gegner schwer unterschätzt hat.

"Ich bin der letzte, der Personalkonflikte nicht austrägt", sagte Lafontaine. Schon gar nicht gegen einen Bundesgeschäftsführer, der glaube, ihm sagen zu können, wie er seinen Job machen müsse. Nein, Bartsch war illoyal ihm gegenüber. Das sagt Lafontaine nicht direkt. Aber was Gregor Gysi dazu gesagt habe, sei richtig gewesen. Also ein Akt der Illoyalität. Gysi sitzt daneben und nickt.

Die Frage Bartsch dürfte in der Tat kaum die entscheidende für Lafontaine gewesen sein. Die hat er zudem noch eindeutig entschieden - weg mit dem, wohin auch immer. Er jedenfalls hätte niemals mit einem Parteigenossen weiter gemacht, der sich zum öffentlichen Gespräch mit dem neuen SPD-Chef Sigmar Gabriel zusammengesetzt hat. Einem Genossen, der tagtäglich die Linkspartei als Koalitionspartner abschmettert.

Man muss Oskar Lafontaine jenseits aller machtpolitischen Spielchen eines abnehmen: Der Mann, der das Messer einer Frau in seinem Hals nur um einen Zentimeter überlebte, geht heute mit anderen Maßstäben des Lebens an zentrale Entscheidungen heran als andere. In der Politik, hat er einmal nach dem Attentat zu stern.de gesagt, "muss man auch bereit sein, eine Aufgabe zu übernehmen, wenn man innerlich disponiert ist". Der Wille, in der Politik zu einem bestimmten Ergebnis zu kommen, müsse dabei im Vordergrund stehen. Seit jenem Attentat überlege er sich sehr gut bei jeder neuen Aufgabe, was sie bringt und was sie bedeutet.

Was sagte Lafontaine schon einmal über sich selbst? "Ich habe den Ehrgeiz, eine eigenständige Persönlichkeit mit eigenen Gedanken zu sein und ich bin nicht derjenige, der Theater spielt." Der homo ludens Lafontaine hat vor diesem Hintergrund wieder einmal in seinem Leben emotional in sich hineingehorcht. Und dann sehr rational entschieden: Ich gehe aus dem Parteivorsitz. Eine kopflose Flucht aus der Bundespolitik ist das bei weitem nicht. Vermutlich zu besichtigen bereits im kommenden NRW-Landtagswahlkampf.