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Landtagswahl in Baden-Württemberg Bubihafter SPD-Spitzenkandidat mit ruhiger Art


SPD-Spitzenkandidat Nils Schmid wirkt jugendlich unbedarft, doch bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg will er mit überlegten, ruhigen Argumenten punkten. Ein lautstarker Polarisierer wie sein Kontrahent Stefan Mappus ist er jedenfalls nicht.

Wenn es stimmt, dass die Baden-Württemberger sich einen ausgesprochenen Landesvater an der Regierungsspitze wünschen, dann hat der erst 37 Jahre alte SPD-Spitzenkandidat Nils Schmid bei der Landtagswahl am 27. März womöglich ein Problem. "Er wirkt ein Stück weit zu bubihaft", findet nicht nur der Politikwissenschaftler Hans-Georg Wehling. Doch das Handicap macht Schmid durch seine überlegte Art ein Stück weit wett. Ein lauter Polarisierer wie Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) ist er jedenfalls nicht.

Der jugendlich-unbedarfte Eindruck verliert sich schnell, wenn der Familienvater in Wahlkampfveranstaltungen auftritt. Dann setzt er mit eher ruhigen Worten auf die Kraft der Argumente. Dies gilt für das seit dem Erdbeben in Japan dominierende Thema Atomausstieg ebenso wie für eines seiner Schlüsselthemen im Wahlkampf, die Bildungspolitik: "Wir kämpfen für gleiche Bildungschancen unabhängig von der Herkunft und dem Geldbeutel. Gesellschaftlicher Aufstieg durch Bildung ist und bleibt unser sozialdemokratisches Versprechen", sagt Schmid.

Dabei denkt er vermutlich auch an die eigene Bildungskarriere. Seine Eltern waren Heimatvertriebene, die Mutter Lehrerin, der Vater Zollbeamter, und sie ermöglichten ihm einen steilen Aufstieg: Nach dem Abitur mit der Bestnote 1,0 und Zivildienst in einem Altenheim der Arbeiterwohlfahrt absolvierte Schmid auch das Juraexamen mit Prädikat und promovierte bei dem Rechtswissenschaftler und jetzigen Bundestagsvizepräsidenten Ferdinand Kirchhof ebenfalls mit Bestnote über Staatsverschuldung und Staatsvermögen. Auf diesen Doktor-Titel ist Schmid so stolz, dass er ihn nun auf Wahlplakaten seinem Namen voranstellt.

Auch in der Politik kann Schmid auf eine steile Karriere zurückblicken: Mit 18 trat er in die SPD ein und wurde 1997 mit 24 Jahren zum jüngsten Abgeordneten des Landes. 2001 machte ihn die SPD-Fraktion zum finanzpolitischen Sprecher und 2006 zum stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden. 2009 wurde er Landesvorsitzender und 2010 zum Herausforderer von Mappus gewählt.

In der Atompolitik plädiert Schmid für die Rückkehr zum Atomkonsens, dem von der früheren rot-grünen Bundesregierung gemeinsam mit der Industrie vereinbarten Ausstieg aus der Kernkraft. Beim TV-Duell mit Mappus wenige Tage nach dem Beginn der atomaren Katastrophe in Japan vermochte Schmid naturgemäß leicht zu punkten. "Die Restrisiken dieser Technologie sind einfach nicht beherrschbar", deshalb treibe "die SPD nicht erst seit 48 Stunden, sondern seit fast drei Jahrzehnten" den Atomausstieg voran", betonte er.

In der Bildungspolitik, dem zweiten bestimmenden Wahlkampfthema, fordert Schmid mehr Ganztagsschulen und die Abschaffung der Studiengebühren. Zudem will er mit einer einprozentigen Reichensteuer kostenlose Kindergärten finanzieren, auch damit Migrantenkinder besser integriert werden und möglichst früh Sprachunterricht bekommen.

Dass ihm besonders die Kinder türkischer Migranten am Herzen liegen, mag auch daran liegen, dass der SPD-Herausforderer mit der Juristin Tülay Schmid verheiratet ist, deren Eltern in den 60er Jahren aus der Türkei kamen. Türkische Medien haben den Vater einer einjährigen Tochter deshalb schon zum "nationalen Schwiegersohn" ernannt und das Massenblatt "Hürriyet" spekuliert nun über eine "First Lady Tülay".

Ansonsten steht Schmid für klassische SPD-Politik und will wie sein Vorbild, Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder, "nicht alles anders, aber manches besser machen". Dass er mit diesem Konzept seine Partei kontinuierlich aus einem Umfragetief holen konnte, lässt ihn nun durchaus selbstbewusst auftreten. Er bezeichnet sich in Wahlveranstaltungen inzwischen als den "künftigen Ministerpräsident von Baden-Württemberg" und betont: "Etwas Seriöseres als mich gibt es in diesem Land nicht".

Jürgen Oeder, AFP AFP

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