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Linke wählt Fraktionsspitze: Du sollst keine Wagenknecht neben Gysi haben

Schon einmal war die Linksfraktion in "Hass" entzweit. Ganz so schlimm ist es jetzt nicht. Doch nach wie vor duldet Gregor Gysi niemanden neben sich - selbst zum Preis, alte Gräben wieder aufzureißen.

Der Burgfrieden bei der Linken hat nur bis zum Wahltag gehalten. Die Partei hat ein ordentliches Ergebnis hingelegt, ist erstmals drittstärkste Kraft im Bundestag. Sie wird wahrscheinlich sogar zur Oppositionsführerin, falls es eine große Koalition geben sollte. Und was macht die Fraktion auf ihrer Klausurtagung zum Auftakt der Legislaturperiode? Sie lässt die alten Grabenkämpfe wieder aufbrechen. Ost gegen West, Reformer gegen Radikale, Gregor Gysi gegen Sahra Wagenknecht.

"Schlangenkönigssaal" heißt der Raum in dem Spreewald-Hotel vor den Toren Berlins, in dem sich die 64 Abgeordneten der Linken zum Auftakt der neuen Wahlperiode treffen. Der Schlangenkönig ist eine Sagengestalt aus der Region, die vor allem für ihre Gurken bekannt ist. Schlangengrube hätte zum Tagungsverlauf noch besser gepasst. Die Stimmung nähert sich an den zwei Tagen wieder dem Stadium an, das Fraktionschef Gregor auf einem Parteitag im Mai 2012 mit dem Wort "Hass" beschrieben hat.

Damals brachte ein Machtkampf um die Parteispitze die Linke an den Rand des Abgrunds. Nur wegen dieser schlechten Ausgangsposition vor eineinhalb Jahren konnte die Partei die 8,6 Prozent bei der Bundestagswahl als Erfolg feiern, obwohl sie einen Verlust von 3,3 Prozentpunkte bedeuteten.

Oberster zweiter oder zweiter Oberstellvertreter?

Während der Klausurtagung ist jetzt zwar nicht mehr von "Hass" die Rede, dafür aber von "Erpressung" und "Nötigung". Der Grund: Gregor Gysi hat sich ein weiteres Mal geweigert, seine Macht an der Fraktionsspitze mit Sahra Wagenknecht zu teilen. Die Wortführerin der westdeutschen Parteilinken war bereits 2011 mit ihrer Forderung nach einer Doppelspitze am Widerstand Gysis gescheitert, der auf der Seite der Reformer in der Fraktion steht.

Diesmal braucht Gysi die Brechstange, um seinen Willen durchzusetzen. Der 65-Jährige lässt schon vor der Klausur streuen, dass er die Fraktion entweder alleine oder gar nicht weiterführen wolle. Der linke Flügel fühlt sich erpresst. Wagenknecht trägt ihren Ärger in die Öffentlichkeit. Man müsse "aufpassen, dass man Fraktionen nicht zu Zerreißproben bringt, wenn dann eben Ultimaten öffentlicher Art im Raum stehen", sagt sie in die Kameras. Dennoch willigt sie in einen Kompromiss ein, der die Strukturen an der Fraktionsspitze noch komplizierter gestaltet, als sie ohnehin schon sind.

Gysi bleibt Chef und Wagenknecht "erste Stellvertreterin". Die sechs Leiter der thematischen Arbeitskreise in der Fraktion werden einfache Stellvertreter. Und dann ist da noch Dietmar Bartsch. Er ist neben Gysi zweitwichtigster Wortführer des ostdeutschen Reformerflügels und hat wie Wagenknecht gute Chancen, in der Fraktion nach Ende der Gysi-Ära nach ganz oben aufzusteigen. Er bekommt einen herausgehobenen Stellvertreterposten. Zunächst ist aber unklar, wie sein Titel überhaupt lauten soll. Bei der Klausur werden darüber Witze gemacht: "Stellvertreter mit besonderen Aufgaben", "oberster zweiter Stellvertreter", "zweiter Oberstellvertreter"?

Gysi will Linke koalitionsfähig machen

Solche strukturellen Verrenkungen hatte es schon bei der letzten Fraktionsvorstandswahl und bei der Nominierung der Spitzenkandidaten gegeben, als Gysi eine Doppel-Spitzenkandidatur mit Wagenknecht verhinderte, indem er einem Team mit acht Spitzenkandidaten zustimmte. Gysi erhält bei der Wahl mit 80,6 Prozent ein Ergebnis, das nur knapp unter dem liegt, das er 2011 erreichte. 2009 waren es aber noch mehr als 94 Prozent. Wagenknecht verbessert ihr Ergebnis auf niedrigem Niveau leicht auf 66,1 Prozent.

Gysi hat sich vorgenommen, die Linke im Bundestag wieder salonfähig zu machen und sie aus der Isolation herauszuholen. SPD und Grüne haben bereits signalisiert, dass es bei der nächsten Wahl keine "Ausschließeritis" mehr geben werde, was Koalitionsoptionen angeht. Ein erster Erfolg also. Jetzt muss die Linke sehen, dass sie sich selbst fit für eine Regierungsbeteiligung macht. Bei einer Partei, die zu einem großen Teil noch auf Fundamentalopposition getrimmt ist, ein schwieriges Unterfangen.

Michael Fischer/DPA / DPA