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Attentat von Lüttich: "Mein Kind wird vor meinen Augen ermordet, und ich kann es nicht beschützen"

Als Fabienne Marichal ihren Ford an einer roten Ampel in der City von Lüttich stoppt, stürmt plötzlich ein Mann brüllend auf den Wagen zu. Sie und ihr mit im Auto sitzender Sohn reagieren nicht. Dann schießt der Mann.

Am Tag nach dem Attentat von Lüttich erschüttert die Geschichte von Fabienne Marichal und ihrem Sohn Cyril Vangriecken die belgische Öffentlichkeit. Vor allem für den 22 Jahre alten Cyril sollte es ein froher Tag werden. Sein Praktikumszeugnis war sehr gut ausgefallen. Nun konnte der junge Mann optimistisch dem Berufsleben entgegensehen. Im September sollte er als Grundschullehrer anfangen. Und als einer der besten Petanque-Spieler des Landes würde er Belgien bei internationalen Wettkämpfen vertreten. Doch aus all' dem wird nun nichts werden.

Cyril saß auf dem Beifahrersitz des Wagens seiner Mutter. Sie hatte ihn zur Schule gefahren, um den Praktikumsbericht abzuholen. "Wir fuhren über den Boulevard d'Avroy zurück nach Hause", berichtet Fabienne Marichal der Zeitung "de Standaard" und anderen belgischen Medien. Es ging mitten durchs Zentrum der zweitgrößten Stadt Belgiens. Plötzlich sagte Cyril: "Mama, da stimmt was nicht. Da liegt ein Polizist auf dem Fußweg." Er deutete in Richtung der vor ihnen liegenden Kreuzung. Fabienne Marichal wurde es mulmig zumute. "Ich wollte sofort beschleunigen und wegfahren", erinnert sich die Frau. Doch dann passierte etwas völlig Alltägliches - mit furchtbaren Folgen, so die Berichte.

Dann springt die Ampel auf Rot

Die nächste Ampel springt auf Rot. Fabienne muss ihren weißen Fiesta stoppen. Nun steht sie in Höhe des Café Aux Augustin - jenem Café, vor dem ein Terrorverdächtiger kurz zuvor auf zwei Polizistinnen eingestochen und sie anschließend mit ihren Dienstwaffen erschossen hatte. Was Fabienne und Cyril nicht klar ist: Sie befinden sich unversehens inmitten eines Attentats. Und der Tatverdächtige, dessen Name inzwischen mit Benjamin H. angegeben wird, ist noch nicht gefasst. Kaum hat Fabienne ihren Wagen angehalten, stürmt ein Mann auf das Auto zu; laut brüllend. "Er hat alles Mögliche gerufen, aber ich habe nichts verstanden", erinnert sich Fabienne an den furchtbaren Moment. Es ist Benjamin H. "Und ohne zu zögern, hat er meinen Sohn mit mehreren Kugeln getötet. Durch das Fenster auf der Beifahrerseite", zitieren die belgischen Zeitungen die Frau, die fassungs- und hilflos zurückbleibt.

Nach den tödlichen Schüssen auf Cyril flieht der Mann in eine nahe gelegene Schule. Dort nimmt er eine Angestellte für kurze Zeit als Geisel. Als eine Spezialeinheit der Polizei anrückt, stürzt Benjamin H. auf die Straße und eröffnet das Feuer auf die Beamten. Vier Polizisten kann der 36-Jährige noch verletzen, dann wird er erschossen. Wie sich herausstellt, ist H. ein wegen Raubüberfällen, Gewaltaten und Drogenhandel verurteilter Krimineller auf Freigang. Im Gefängnis hat er sich nach Erkenntnissen der Ermittler radikalisiert. Einen Tag nach der Tat bestätigt die Staatsanwaltschaft, dass Benjamin H. schon vor seinem tödlichen Irrlauf durch die Lütticher Innenstadt einen Mann getötet hat, den Angaben zufolge war er ein Mithäftling. Und auch das wird bestätigt: H. rief während seiner Taten "Allahu akbar". Die Ermittler hatten schon zuvor über mögliche Kontakte in die Islamistenszene berichtet.

Attentäter von Lüttich war auf Freigang

"Der Richter, der beschlossen hat, dass dieser Häftling freigelassen wird, sitzt zu Hause bei seiner Familie, während wir unser Kind verloren haben", klagt Cyrils Vater Daniel Vangriecken die belgische Justiz in der Zeitung "Het Laatste Nieuws" an. Er sei nun ein gebrochener Mann, so Vangriecken. "Mein Sohn war ein so fröhlicher, lieber Junge." Ein gewisser Trost sei es, dass er in den Armen seiner Mutter, Vangrieckens Ex-Frau, gestorben sei. Aber, so der trauernde Vater im "Standaard" weiter: "Ich weiß nicht, wie wir damit umgehen sollen."

Mutter Fabienne Marichal kann noch nicht begreifen, was geschehen ist. "Es dringt noch nicht durch, was da passiert ist", gesteht die verzweifelte Frau dem "Standaard". "Dieser Mann, ich sehe ihn immer noch auf uns zukommen. Er schoss und schoss. Mein Sohn, Cyril, ist nicht mehr hier. Mein Kind wurde vor meinen eigenen Augen erschossen und ich konnte ihn nicht beschützen."


dho mit / DPA
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