Markus Söder Das fränkische Chamäleon


Was wurde über ihn gelästert: "Blöd, blöder, Söder", unkte die SPD früher. Das politische Ende des Ex-CSU-Generalsekretärs schien schon fast besiegelt - da taucht Markus Söder plötzlich wieder auf: nicht, wie einst, als Oberkreischer der CSU sondern als deren Chefdiplomat. Was ist bloß passiert?
Von Hans Peter Schütz

Kennen Sie den alten Markus Söder? Jenen Mann, der als CSU-Generalsekretär Bundespräsident Horst Köhler mal brutal angemacht hat. Wenn der den Terroristen Klar begnadige, werde es wohl nichts mehr werden mit seiner Wiederwahl. Der einmal ein Zentralregister für Pornosünder gefordert hat. Und über den die bayerische SPD ätzte: "Blöd, Blöder, Söder!" Diesen Söder gibt es nicht mehr.

Kennen Sie den neuen Markus Söder? Der ist nicht mehr der weiß-blaue politische Oberkreischer, der in jeder Talkshow für Krawall sorgte. Der ist jetzt "Chefdiplomat der Staatsregierung." Den Titel hat er sich nicht selbst verpasst. Der wurde ihm am Wochenende vom bayerischen Ministerpräsidenten Günther Beckstein persönlich verliehen. Wenn man so will: Das ist ein Adelsschlag gewesen.

Er fürchtet das Risiko nicht

Denn Markus Söder ist nun zum CSU-Bezirksvorsitzenden Nürnberg-Fürth-Schwabach gewählt worden. Anstelle von Beckstein, der auf keinen Fall das Risiko eingehen wollte, bei der Landtagswahl im Herbst eventuell für heftige Wählerverluste in diesem Bezirk verantwortlich zu sein. Söder, immer noch 41 Jahre jung, fürchtet das Risiko nicht. Er weiß: Wer in Bayern auf dem Posten eines der zehn CSU-Bezirksvorsitzenden sitzt, sitzt bombensicher. Und gehört zu denen, die im Freistaat weiter oben noch alles werden können.

Als "Chefdiplomat" hat auch die "Süddeutsche Zeitung" Söder jetzt unverzüglich tituliert. Ein erstaunlicher Aufstieg. Denn es ist noch nicht lange her, dass manche in der CSU sich freudig erregt die Hände rieben, dass Söder nur "Minister für europäisches Gedöns" nach dem Sturz seines Förderers Edmund Stoiber werden durfte und nicht Umweltminister, was er gerne geworden wäre. Denn Beckstein machte ihn nur zum "Staatsminister für Bundes- und Europaangelegenheiten", was toll klingt, aber den Amtsinhaber in der bayerischen Ministerhierarchie weit unten platziert. Und viele in der CSU hatten gehofft, der großmäulige Söder werde sich alsbald in Berlin wie in Brüssel im neuen Amt vollends um Kopf und Kragen reden.

Sie lernten einen neuen Söder kennen

Nichts dergleichen geschah. Die Berliner Journalisten lernten unverzüglich einen ihnen völlig unbekannten Söder kennen. Der in Sitzungswochen bescheiden das Klein-Klein der bayerischen Bundesrats-Politik erläuterte. Der jedes polemische Tönchen gegen die SPD unterdrückte, obwohl ihm todsicher die schärfsten Polemiken gegen die Genossen im Hirn rotierten. Der nächtelang Akten zur EU-Politik studierte, in Brüssel fleißig amtierte und sich wie ein geborener Diplomat bei der Unterzeichnung des EU-Reformvertrags in Lissabon präsentierte. Hätte man es für möglich gehalten, dass sich das gelernte Großmaul Söder zum dezenten Kulissenschieber wandeln könnte? Nein.

Natürlich hat er in seiner neuen Funktion niemals daran gedacht, sich nunmehr zum politischen Kleindarsteller zu wandeln. Der wichtigste CSU-Politiker seiner Altersklasse, studierter Jurist und gelernter Rundfunk- und Fernsehjournalist, arbeitete im neuen Job statt auf der Bühne vor allem in der Kulisse. Wer hätte gedacht, dass er seine lange Zeit völlig zerrüttete Beziehung zu Horst Seehofer würde reparieren können? Der hatte ihn nämlich lange im Verdacht, den Medien seine außereheliche Vaterschaft gesteckt zu haben, um ihn im Kampf um die Nachfolge Stoibers an der CSU-Spitze zu schwächen. Jetzt sind der stellvertretende CSU-Chef Seehofer und Söder Verbündete, die gemeinsam beobachten, wie Erwin Huber und Günther Beckstein pannenreich durch die bayerische Politik trampeln und in der CSU landesweit Sehnsucht nach den geordneten Verhältnissen eines Edmund Stoibers wecken.

Ein "Stoiberianer" gewesen zu sein, ist jetzt ein Ehrentitel. Und rutscht das Tandem Huber/Beckstein tatsächlich im Herbst unter die 50-Prozent-Marke, dann werden die Seehofers und Söders gewichtige Worte bei der Suche nach einem Sündenbock für ein solches Desaster mitzureden haben.

Mit dem Amt des CSU-Bezirksvorsitzenden hat Söder auch seine innerparteiliche Basis geradezu betoniert. In seiner Altersklasse ist er ohnehin längst der Beste. Viele, die sich derzeit an der Spitze der CSU drängeln leben jenseits der 60-Jahre-Grenze. Gleichaltrige wie die neue CSU-Generalsekretärin Christine Haderthauer sind ungleich schwächer als Söder. Ingo Friedrich, stellvertretender CSU-Vorsitzender, der als Mitglied des Europäischen Parlaments Söders EU-Wirken genau beobachtet, lobt ihn sehr: "Er hat von Edmund Stoiber gelernt, dass man sein jeweiliges Amt sehr engagiert und ernsthaft wahrnehmen muss, wenn man ein großer Politiker werden will."

"So sehe ich halt besser"

Söders Rückmeldung auf der innerparteilichen Machtbühne hat stattgefunden. Er hat jetzt seine überschnellen Reaktionen auf politische Entwicklungen besser im Griff als früher. Dass er sich unlängst zum ersten Mal einer Lesebrille im bayerischen Landtag bediente, hat seine Gegner unverzüglich zum Spott verleitet, jetzt wolle er auch noch einen Intellektuellen markieren.

Gegen Kritiker dieser Machart hätte er sich als Generalsekretär mit der Bedienung des "blonden Fallbeils" betätigt, wie er dies als Stoibers General ständig tun musste. Als Chefdiplomat murmelte er nur gelassen: "So sehe ich halt besser."


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker