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25 Jahre Deutsche Einheit Ohne die Wende hätten sie einander nie gefunden

Dank der Wiedervereinigung küssen sich an der Mauer heute Ost-West-Paare wie Lisa und Martin. Im Hintergrund tun das auch Honecker und Breschnew, die Staatschefs von DDR und Sowjetunion, beim berühmten "Bruderkuss". Doch ihre Staaten sind zerfallen und sie selbst sind nur noch Farbe auf Beton
Dank der Wiedervereinigung küssen sich an der Mauer heute Ost-West-Paare wie Lisa und Martin. Im Hintergrund tun das auch Honecker und Breschnew, die Staatschefs von DDR und Sowjetunion, beim berühmten "Bruderkuss". Doch ihre Staaten sind zerfallen und sie selbst sind nur noch Farbe auf Beton
© www.oliver-mark.com
Sie kommt aus dem Westen, er aus dem Osten: Ohne die Wende wären Lisa und Martin einander wohl nie begegnet. Kein Stacheldraht und kein Todesstreifen trennt das Paar heute voneinander. Sie kennt das geteilte Deutschland nur aus Erzählungen - er denkt noch gerne an die DDR zurück.
Von Samuel Rieth

Der Mann an der Bar gefällt Lisa auf den ersten Blick. Doch sie traut sich nicht, ihn anzusprechen. Also schreibt sie ihre Nummer auf eine Serviette und gibt sie ihm. Noch am selben Abend sehen sie sich wieder. Und sie merken, dass sie viel gemeinsam haben, wie ihre Liebe zum Meer. Der Altersunterschied lässt sie zögern, aber seit zwei Jahren sind Lisa Knauer, 24, und Martin Ehlert, 39, ein Paar. Ohne die Wiedervereinigung hätten sie einander wohl nie gefunden.

Er kommt aus dem Osten, sie aus dem Westen. Er wuchs in der DDR auf, in Wismar an der Ostsee. Sie ist 1991 in Hamburg geboren, in einem neuen, frisch vereinten Deutschland ohne Mauer und ohne Todesstreifen. Als die Montagsdemos beginnen, geht auch Martin mit seinen Freunden auf den Marktplatz. "Erst sind wir da just for fun hin", erzählt er. Doch mit der Zeit verstehen sie, dass es bei den Demonstrationen um mehr geht als den Spaß am Spektakel. Er ist 14, als aus zwei deutschen Staaten einer wird. Plötzlich steht Englisch statt Russisch auf dem Stundenplan. Die schon geplante Klassenfahrt nach Moskau geht nach Lloret de Mar in Spanien. Und Martin wird klar: "Jetzt kannst du auf einmal überallhin."

Einst schwer bewachte Grenze, heute Touristenattraktion

Die Wende, da ist er sich heute sicher, hat sein Leben vollkommen verändert. Ohne sie hätte er nach dem Studium nicht in die Schweiz gehen können, drei Jahre bleibt er dort. Er wäre anschließend nicht nach Hamburg weitergezogen. Und er wäre dort nicht eines Abends für ein Feierabendbier zufällig in dieselbe Bar spaziert wie Lisa.

Sie kennt das geteilte Deutschland nur aus Erzählungen. Wenn sie als Kind mit den Eltern an die Ostsee fuhr oder zur Patentante nach Leipzig, dachte sie gar nicht daran, dass diese Orte vor wenigen Jahren noch Ausland waren. "Wenn man über Geschichte redet, denkt man, dass sie 100 Jahr her ist", sagt sie. "Richtig viel über die DDR gelernt hab ich erst an der Uni." Wenn sie an der Mauer steht, sieht Lisa darin vor allem die Touristenattraktion, die sie heute ist. Und nicht die schwer bewachte Grenze, die sie einmal war, mit Stacheldraht und scharf schießenden Soldaten.

Im Alltag merken die beiden kaum, dass er Ostdeutscher ist und sie Westdeutsche. Der Unterschied zwischen Nord und Süd sei viel größer, meint Martin. Aber wenn er etwa einen alten "Konsum"-Laden sehe, bekomme er noch heute leuchtende Augen. "Ich bin schon ein kleiner Ostalgiker", sagt er. "Als Kind war ich glücklich in der DDR."

Jetzt wohnen die beiden in Hamburg. Sie arbeitet als Fotografin, er als Architekt. Und keine Grenze hält sie auf, wenn sie im Urlaub gemeinsam an die Ostsee fahren.


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